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: Leserbriefe vom 14. Oktober 2020

  • Aktualisiert am

Alles wieder zu wie hier Anfang Mai in Nürnberg: Das von der Staatsregierung verhängte Beherbergungsverbot für Reisende aus deutschen Risikogebieten stößt bei den bayerischen Hoteliers und Gastwirten auf viel Unmut. Bild: dpa

Beherbergungsverbot +++ Promotionsrecht +++ Fachhochschulen +++ F.A.Z.-Beilage zum 30. Jahrestag

          5 Min.

          Politik- und Staatsverdruss

          Zu dem Beitrag „An den Rändern der Kontrollierbarkeit“ (F.A.Z. vom 9. Oktober): Ein Beherbergungsverbot, das mit einem negativen Corona-Test umgangen werden kann, nimmt Urlaubsreisenden die Stornierungsmöglichkeit, weil sie theoretisch ja fahren könnten. Treten sie die Reise nicht an, wie nach neuerlicher Kehrtwende aus der Politik empfohlen, bleiben sie auf den Kosten sitzen.
          Bemühen sie sich um einen Corona-Test, werden sie zu Recht in ihren „Risikogebieten“ auf fehlende Laborkapazitäten hingewiesen und können sich, abgesehen davon, ohnehin nicht auf einen punktgenauen Zeitstempel des Labors verlassen, der eine rechtzeitige Vorlage vor Ablauf der 48-Stunden-Frist garantiert. Im Zweifel werden dann 140 Euro pro Person für einen Test fällig, der womöglich am Urlaubsort nicht anerkannt wird. Wie hieß es im August und im September? Den Urlaub in der Corona-Zeit genießt man am besten im schönen Deutschland! Bei allem Respekt vor der schwierigen Entscheidungslage: So produziert man Politik- und Staatsverdruss. Professor Dr. Eckhard Hansen, Bremen

          Kein Nullsummenspiel

          Zu „Wissenschaft in Gefahr“ von Christian Hattenhauer (F.A.Z. vom 8. Oktober): Der Artikel ist ärgerlich einseitig. Schon die Überschrift geht in die Irre: Statt der Wissenschaft sieht der Autor eigentlich nur das exklusive Promotionsrecht der Universität in Gefahr. Und wie wenig dieses Promotionsrecht der deutschen Universitäten über viele Jahrhunderte mit Wissenschaft zu tun hatte, zeigt der auch Rechtsgeschichte lehrende Professor Hattenhauer in der interessanten ersten Hälfte seiner Ausarbeitung zur Genüge. Die Sicherung der wissenschaftlichen Qualität der Promotionen brachten danach erst staatlich veranlasste institutionelle Änderungen und nicht etwa universitäre Selbstreinigungsprozesse.
          Dass Promotionen Forschungserträge erbringen sollen und daher auch nur in einem institutionellen Umfeld angesiedelt sein können, in dem Forschung stattfindet, ist unstrittig. In Deutschland ist Letzteres in Universitäten, aber auch in außeruniversitären Forschungsinstituten sowie Fachhochschulen der Fall. Ob man diesen beiden ein Promotionsrecht zuweist oder nicht, ist letztlich eine praktische Frage. Sofern die Universitäten allen forschenden Nachwuchswissenschaftlern diskriminierungsfreien Zugang zur Promotion ermöglichen, ist ein alternatives Promotionsrecht entbehrlich. Falls nicht, sollte man sich beim Monopolisten aber auch nicht über solche Forderungen wundern.
          Dem Autor scheinen das Ausmaß der Forschungsprogramme von Fachhochschulen und die praktischen Promotionshindernisse von daran beteiligten Nachwuchswissenschaftlern unbekannt zu sein. Jedenfalls geht er mit keinem Wort darauf ein. Erstaunen weckt zudem die Annahme, Fachhochschulen könnten sich über das Promotionsrecht bei ihren Förderern „mit dem Prestige des Ehrendoktors, auch ohne wissenschaftliche Leistungen“ revanchieren – ist das nur aus der Luft gegriffen oder eine aus der universitären Praxis naheliegende Vermutung?
          Viele Entwicklungen sind pfadabhängig. Als sich die Fachhochschulen in den 1970er Jahren als Ergänzung zur Universität etablierten, gab es die Grundidee einer „Arbeitsteilung“ zwischen beiden Einrichtungen. Der mit dem Schwerpunkt auf berufliche Praxis ausgebildete akademische Nachwuchs sollte vorrangig von den Fachhochschulen kommen, der mit Fokus auf eine Forschungslaufbahn von den Universitäten. Die erhoffte Verringerung der Studentenzahlen an den Universitäten fand allerdings wegen interner Widerstände nie statt, so dass sich Universitäten und Fachhochschulen nicht komplementär, sondern im Wettbewerb entwickelten. Die Bologna-Reform hätte nochmals die Chance eröffnet, das Verhältnis der beiden Hochschulzweige neu zu justieren, aber auch da haben die Universitäten „Quantität“ einem stärkeren Fokus auf „Qualität“ vorgezogen – die Debatte über Promotionskollegs an Fachhochschulen entstand vor diesem Hintergrund. Die Vorstellung schließlich, dass eine Stärkung der Fachhochschulen die Universitäten schwächte, geht ebenfalls in die Irre: Wettbewerbsprozesse sind bei vernünftiger Gestaltung kein Nullsummenspiel, in dem der eine gewinnt, was der andere verliert, sondern Effizienzmaschinen, von denen alle profitieren.
          Dr. Helmut Wienert, Pforzheim



          In Theorie und Praxis überholt

          Zu „Wissenschaft in Gefahr“ (F.A.Z. vom 8. Oktober): Der Beitrag von Professor Dr. Hattenhauer ist hinsichtlich seiner Ausführungen zur Geschichte der Promotion interessant und instruktiv. Leider scheint ihm aber bei der Einordnung der „Fachhochschulen“ (korrekt ist: „Hochschulen für angewandte Wissenschaften“, kurz HAW) ein grundlegendes Missverständnis zu unterlaufen. Wenn er schreibt, die HAW sollten (im Gegensatz zur Universität) die Anwendung vorhandenen Wissens vermitteln, so wird hier der Auftrag zur anwendungsorientierten Forschung (siehe etwa Paragraph 2 Nummer 4 LHGBW) außer Acht gelassen – ein Auftrag, dem die HAW seit langem in teilweise beträchtlichem Umfang nachkommen. Auch in der Lehre sollen sie nicht lediglich vorhandenes Wissen vermitteln (was Universitäten ja auch tun), sondern innovative Lösungen für aktuelle Praxisprobleme unter Anwendung wissenschaftlicher Methodik entwickeln, entsprechend ihrem gesetzlichen Auftrag.
          Die Abschlüsse beider Hochschularten wurden zudem im Bologna-System einander angeglichen, die Teilhabe an der Forschungsfreiheit des Artikel 5 III des Grundgesetzes für HAW-Professoren durch das Bundesverfassungsgericht wurde anerkannt. Freilich kann es nicht Ziel der HAW sein, die Universitäten zu kopieren: Grundlagenforschung wird spezifische Aufgabe der Universitäten (und Forschungseinrichtungen) bleiben. Um ein Beispiel aus dem Zivilrecht zu wählen: Die HAW betreiben im Gegensatz zur Universität weniger Forschung zur Dogmatik der Willenserklärung, sondern eher zur neuesten Rechtsprechung zum nachbarrechtlichen Ausgleichsanspruch.
          Über das Promotionsrecht der HAW kann man geteilter Meinung sein. Es gibt gewichtige Gründe dafür wie dagegen – wobei man weder die Existenz der zahlreichen Titel- und Industriepromotionen, deren Nutzen für die Forschung auch in dem einen oder anderen Fall sehr fraglich sein kann, noch das bestehende Promotionsrecht der Pädagogischen Hochschulen oder Kunsthochschulen ignorieren darf. Man sollte dabei aber nicht mit Rollen argumentieren, die seit mehr als zehn Jahren in Theorie und Praxis überholt sind.
          Professor Dr. Christian F. Majer, Weil im Schönbuch


          Lasst uns miteinander reden!

          Vielen Dank für die F.A.Z.-Beilage zum 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung! Fast alle Beiträge, vor allem die von unserem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck und von Michael Beckmann, haben mich sehr berührt.
          Ich habe das Gefühl, dass es in Deutschland sehr viel mehr Verbindendes als Trennendes zwischen Ost und West gibt. Meines Erachtens spiegeln die meisten Äußerungen in den Medien nicht den wirklichen Sachverhalt wider und bleiben in Statistiken hängen. Die unbestimmte Traurigkeit, von der Herr Gauck spricht, kann ich sehr gut nachvollziehen, obwohl es mich nie selbst betroffen hat. Sie war schon einmal die Grundfarbe in unserer Gesellschaft durch die Eltern- und Großelterngeneration, als nämlich all die Vertriebenen ihre Heimat verloren.
          Das wiederum hat sich mit einem anderen Verlustgefühl vermischt, nämlich dem von Kindheit, und mit der Erkenntnis, im Leben überhaupt Verluste erleiden zu müssen. Auf westdeutscher Seite hat sich die Situation in anderer Weise dargestellt: Für alle halbwegs Kulturinteressierten war es ungeheuer schmerzlich, dass Städte und Landschaften wie Weimar, Dresden, Leipzig, Eisenach, Thüringen und Sachsen unerreichbar schienen. Diese tauchten nach der Wende auf wie eine versunkene Kathedrale aus dem Meer. So müssen sich Menschen fühlen, die nach langer Zeit verschollen geglaubte Familienmitglieder wiederfinden. Alle haben in der Zwischenzeit ein anderes Leben geführt, für das man ein empathisches Interesse aufbringen muss. Lasst uns miteinander reden und uns unsere Geschichten erzählen!
          Noch ein Aspekt spielte, mindestens bei mir, eine Rolle: Der Osten hatte eine riesige, manchmal helle, manchmal dunkel gefärbte Faszination, politisch, gesellschaftlich, landschaftlich, und war ein großes Abenteuer. Es betraf nicht nur den deutschen Osten, sondern auch den europäischen mit Polen, Ungarn, Rumänien, Tschechien, Slowakei und weitere Länder einschließlich der Ukraine. Es waren Reisen nach Deutschland und nach Europa, deren Intensität ich nicht missen möchte. Friederike Richter-Wedell, Usingen


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