Briefe : Leserbriefe vom 28. Juni 2024

Kritik an Serge Klarsfeld +++ Kinolegenden +++ Frauke Rostalski
Überheblich und beleidigend
Der Artikel „In Gefahr gebracht“ (F.A.Z. vom 20. Juni, gleichzeitig auch in „Le Monde“ auf Französisch publiziert) macht die Empörung der drei Verfasser Michèle Cohen-Halimi, Francis Cohen und Leopold von Verschuer deutlich, die Serge Klarsfelds Ankündigung bei ihnen auslöste, dem Rassemblement National (RN) bei den nun anstehenden Parlamentswahlen seine Stimme zu geben. Klarsfelds Vater wurde in Auschwitz ermordet, er selbst spürte mehrere untergetauchte NS-Verbrecher auf und überstellte sie der Justiz. Ausgerechnet Klarsfeld als Autor eines Standardwerkes über die Verfolgung der Juden will am 30. Juni den RN wählen, dessen Vorgänger, der Front National, besonders durch Äußerungen seines Gründers Jean-Marie Le Pen, als rassistisch und antisemitisch galt.
Nun ist in diesem Zusammenhang wohl nicht unerheblich, dass Marine Le Pen, seine Tochter, die 2011 die Parteispitze übernahm, dem Antisemitismus den Kampf ansagte und alle Parteimitglieder, die sich in dieser Weise äußerten oder geäußert hatten, aus der Partei warf. Selbst in dem unerbittlichen Kampf Israels gegen die Hamas, der mehrere Zehntausend Opfer aufseiten der Palästinenser, vorwiegend Frauen und Kinder, forderte, blieb sie in Solidarität mit Israel und ließ sich zu keiner Kritik am israelischen Vorgehen in Gaza bewegen.
Die Autoren aber schreiben: „Welcher außergewöhnlichen Magie des Wortes schenkt Klarsfeld Glauben!“ Also gilt ihnen Marine Le Pen als unglaubwürdig, und die Äußerungen ihres Vaters gelten in den Augen der Autoren weiterhin als gültig für den RN. Das kann man auch Sippenhaft nennen. Alle Äußerungen von Marine Le Pen werden als „taktisches und rhetorisches Geschick“ bezeichnet, „um die Geschichte und die Gründungsideologie einer Partei auszulöschen“. Die Autoren versetzen sich selbst in die angenommene Boshaftigkeit des getarnten politischen Spielers, indem sie dem RN unterstellen, dass es für ihn „die Taktik erfordert, den Anschein zu erwecken“, eine Wandlung vorgenommen zu haben. Dass der Vorsitzende des RN, Jordan Bardella, Jean-Marie Le Pen nicht ausdrücklich als Antisemiten bezeichnet, sondern sich einem Urteil entzieht, wird Serge Klarsfeld angelastet.
Alle drei Autoren sind Nachkriegsgeborene, die glauben, über Serge Klarsfeld in überheblicher und beleidigender Weise urteilen zu können; dies auch deshalb, weil sie sich offensichtlich politisch anders verorten. Dass Mitglieder der extremen Linken in Frankreich, die sich zu den Parlamentswahlen in einem Bündnis aus Kommunisten, Grünen, Sozialisten und Linken zur Nouveau Front Populaire vereinten, noch nie wegen „Holocaustleugnung und antisemitischer Straftaten verurteilt“ wurden, wird von den Autoren hervorgehoben und dient ihnen offensichtlich als Grenzziehung zum RN.
Hingegen ist die sogenannte extreme Linke in Frankreich, besonders repräsentiert durch Jean-Luc Mélenchon und seine Partei LFI, die dem Bündnis NFP angehört und ihn zum neuen Ministerpräsidenten gewählt sehen möchte, immer wieder bei Kundgebungen von Organisationen aufgetreten, die antisemitische Einstellungen deutlich machten und dem Staat Israel seine Existenzberechtigung absprachen.
Edwin Witsch, Frankfurt





