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Interview zum G-20-Gipfel : Wladimirs Welt

Wladimir Putin am Montag in Moskau. Bild: AP

Wladimir Putin hat nach langer Zeit mal wieder einen Londoner Chefredakteur zu einem Gespräch in den Kreml eingeladen. Dabei hat der russische Präsident mit dem politischen System des „Westens“ abgerechnet.

          Seit der Annexion der Krim 2014, spätestens aber seit dem Nervengift-Anschlag in Salisbury vor 15 Monaten sind die Beziehungen zwischen Moskau und London auf dem Gefrierpunkt. Wladimir Putins letztes großes Interview mit einer britischen Zeitung liegt noch sehr viel länger zurück. Maximale Aufmerksamkeit war dem russischen Präsidenten daher sicher, als er sich entschloss, kurz vor dem G-20-Gipfel in Osaka einen Londoner Chefredakteur zu einem langen mitternächtlichen Gespräch in den Kreml einzuladen. Für seine Abrechnung mit dem politischen System des „Westens“ suchte sich Putin die „Financial Times“ (FT) aus, die Gralshüterin des angelsächsisch geprägten Liberalismus. Dieser Liberalismus, zitierte die Zeitung am Freitag den russischen Präsidenten, sei „abgenutzt“.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Putin, so die FT, sehe eine Veränderung in der internationalen politischen Machtbalance – weg vom traditionellen westlichen Liberalismus, hin zu einem nationalistischen Populismus. In einem kurzen Videomitschnitt des Gesprächs erklärte Putin das „Phänomen Trump“ und den wachsenden Populismus in Europa damit, dass sich „die herrschenden Eliten“ im Westen „von den Menschen abgekoppelt“ hätten. „Unsere westlichen Partner haben zugegeben, dass einige Elemente der liberalen Idee, etwa der Multikulturalismus, nicht länger aufrechtzuerhalten sind.“ Die „sogenannte liberale Idee“ habe sich „überlebt“ und sei „in Konflikt geraten zu den Interessen der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung.“

          In diesem Zusammenhang bezeichnete er die Entscheidung der deutschen Kanzlerin, etwa einer Million Flüchtlinge und Migranten einen unkontrollierten Grenzübertritt zu erlauben, als „Kardinalfehler“. Zugleich lobte er Donald Trump für dessen Versuche, die Grenze zu Mexiko stärker zu sichern. „Die liberale Idee geht davon aus, dass nichts unternommen werden muss – dass Migranten straffrei töten dürfen, rauben und vergewaltigen, weil es ihre Rechte zu schützen gilt.“

          Ähnlich äußert sich Putin über säkulare Werte, die auf Kosten der Religion gingen. Die Russen hätten kein Problem mit Lesben, Schwulen und Transgenders, versicherte er, „auch wenn wir angeblicher Homophobie beschuldigt werden“. Zugleich fragte er: „Haben wir vergessen, dass wir alle in einer Welt leben, die auf biblischen Werten fußt?“ Besorgt präsentierte sich Putin über den amerikanischen Unilateralismus, den er an Trumps Handelskrieg gegen China und dessen Politik im Nahen Osten festmachte. „Die Situation ist eindeutig dramatischer und explosiver geworden“, sagte er.

          Putin warf Amerika vor, alte Abrüstungsabkommen gebrochen und neue („New Start“) nicht voranzutreiben. Es sei schlecht, wenn der globale Rüstungswettlauf nicht mehr von Verträgen eingedämmt werde, sagte er. Das Eingreifen Moskaus im Syrien-Krieg an der Seite des Assad-Regimes bilanzierte Putin positiv. Nicht nur hätten viele Tausend militante Islamisten getötet werden können, auch sei Russland nun ein einflussreicher Akteur und Verhandlungspartner in der Region. Putin machte keinen Hehl daraus, dass der Einsatz auch der „Mobilisierung“ der eigenen Armee genutzt habe. „Unsere Streitkräfte haben praktische Erfahrung gesammelt, die sie nicht in Übungen zu Friedenszeiten hätten machen können“, sagte er.

          „Alle Verräter gehören bestraft“

          Gegenüber London versuchte Putin, den Nervengasanschlag als „Agentengeschichte“ herunterzuspielen, die „keine fünf Kopeken“ wert sei. „Diese ganze Aufregung um Agenten und Gegen-Agenten ist ernsthafter zwischenstaatlicher Beziehungen nicht würdig.“ Russland hat eine Beteiligung an dem gescheiterten Mordversuch bestritten. Der FT erklärte Putin: „Ich sage nicht, dass der Salisbury-Vorfall die Art ist, in der man es machen sollte, aber alle Verräter gehören bestraft.“ Die noch amtierende Premierministerin Theresa May, die Putin am Freitag in Osaka mit vereister Miene die Hand gab, erklärte den Mordversuch in Salisbury hingegen als „wahrhaft abscheulichen Akt“. Sie wiederholte ihre Forderung, die beiden verdächtigen russischen Geheimdienstmitarbeiter auszuliefern. Das Königreich sei offen für ein „anderes Verhältnis“ zu Russland, aber Moskau müsse seine „destabilisierenden Aktivitäten“ stoppen, sagte May.

          Theresa May, Premierministerin von Großbritannien, und Wladimir Putin, Präsident von Russland, geben sich währen des G20-Gipfels die Hand.

          Putins Interview fand auch Eingang in den Zweikampf um Mays Nachfolge. Boris Johnson, der zum Zeitpunkt des Anschlagversuchs Außenminister war, sagte am Freitag, wann immer Großbritannien eine Normalisierung in den Beziehungen angestrebt habe, sei es von Russland enttäuscht worden. Putins Urteil über das westliche System parierte er mit den Worten: „Die Geschichte wird Putin widerlegen – der Liberalismus wird weiterhin triumphieren.“ Auch Johnsons Mitbewerber, Außenminister Jeremy Hunt, wandte sich gegen den russischen Präsidenten. „Es ist allzu einfach, die Demokratie zu verunglimpfen, wenn man zuhause nichts damit zu tun hat“, sagte Hunt.

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