https://www.faz.net/-gpf-a0pic

Militärparade trotz Corona : Putin verordnet ein Ende der Sorgen

Russische Soldaten Mitte Juni in Moskau, als sie für die Militärparade ihren Marsch proben. Bild: dpa

Wegen der Corona-Pandemie findet die russische Militärparade zum 75. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland nun anderthalb Monate später statt. Mit den Feierlichkeiten will Putin die Stimmung heben – denn ein wichtiges politisches Ereignis steht an.

          5 Min.

          In Moskau wird gerade der Frühlingsanfang nachgeholt: Seit voriger Woche sind die Terrassen der Cafés und Restaurants wieder geöffnet und gut gefüllt. Auf den Straßen flanieren Menschen, die vorgeschriebenen Gesichtsschutzmasken baumeln bei vielen unter dem Kinn oder fehlen wie die obligatorischen Handschuhe. Am Dienstag durften auch die Innenräume der Gastronomie wieder öffnen sowie Schwimmbäder, Kindergärten und Fitnessstudios. Passagierfähren absolvierten zur Feier ihrer Rückkehr eine Parade auf dem Moskau-Fluss.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Seit Ende März mussten Millionen Menschen im Kampf gegen die Corona-Pandemie gut zwei Monate lang zu Hause bleiben. Bis Bürgermeister Sergej Sobjanin vor zwei Wochen das „Selbstisolierungsregime“, weitgehende Ausgangssperren, aufhob – auf Druck aus dem Kreml, wurde berichtet. Präsident Wladimir Putin will die Stimmung heben, lässt an diesem Mittwoch die Militärparaden zum 75. Jahrestag des Sieges über Deutschland 1945 nachholen; statt am 9.Mai finden sie nun am Jahrestag von Stalins Siegesparade auf dem Roten Platz statt. Die Staats- und Regierungschefs, die Putin empfängt, kommen aber nur aus Russlands Einflussbereich, aus Belarus, Zentralasien und den abtrünnigen georgischen Regionen Abchasien und Südossetien, die Moskau als eigenständige Staaten sieht.

          Wenige Staatsoberhäupter zu Besuch

          Über den französischen Präsidenten, der sich für den Mai-Termin angekündigt hatte, hieß es jetzt in Moskau matt, Emmanuel Macron komme „bald“ nach Russland. So müssen die Präsidenten Serbiens und der Republik Moldau als „westlichste“ Gäste Putins gelten. Ihr kroatischer Kollege ließ sich kurzfristig mit einem defekten Flugzeug entschuldigen, Vertreter Armeniens und Aserbaidschans begründeten ihre Absage mit der Corona-Pandemie.

          Die ist eigentlich auch in Russland sogar nach den offiziellen Zahlen noch längst nicht besiegt. Demnach verzeichnete das Land am Dienstag 599.705 Erkrankte, davon 234.917 „aktive“ Fälle; mehr sind es nur in den Vereinigten Staaten und Brasilien. 8359 Menschen sollen in Russland an Covid-19 gestorben sein, prozentual deutlich weniger als andernorts. Auf Fragen der Weltgesundheitsorganisation dazu lavierte der Leiter der Statistikbehörde nun über unterschiedliche Zählweisen herum. Wie groß die Unsicherheit auch unter Funktionären ist, zeigte die Leiterin der Gesundheitsaufsicht, die vorige Woche die Zahl von Covid-19-Todesfällen im medizinischen Personal mit 489 angab. Das erregte Aufsehen, weil die Zahl viel höher ist als die Ende Mai offiziell mitgeteilten 101; die Aufsichtsbehörde teilte dann rasch mit, ihre Leiterin habe nur „im Internet kursierende Angaben“ wiedergegeben.

          Die Zahl der täglichen Neuinfektionen sinkt langsam, am Dienstag waren es 7425 in Russland insgesamt. In Moskau und wenigen weiteren Regionen flacht die Kurve ab, doch vielerorts ist noch nicht einmal der Scheitelpunkt der Welle in Sicht. Viele Notaufnahmen sind voll. Wegen der Pandemie haben mindestens 25 Städte die Militärparaden am Mittwoch abgesagt oder verschoben. Das Verteidigungsministerium hat aber eine Liste von 47 Orten aufgestellt, wo marschiert werden muss; in mindestens zehn davon sollen die Paraden nun ohne Publikum stattfinden. Selbst in Moskau haben Bürgermeister Sobjanin und Putins Sprecher die Bürger aufgerufen, das Geschehen lieber zu Hause am Fernseher zu verfolgen als auf der Straße.

          Sieg über Corona?

          So ganz traut man dem angeblichen Sieg über Corona selbst nicht, muss aber so tun, denn gleich nach der Parade geht der Taumel weiter: Es beginnt die heiße Phase der Abstimmung über Verfassungsänderungen, die Putins Verbleib im Präsidentenamt bis 2036 erlauben; der große Abstimmungstag ist Mittwoch kommender Woche. Plakate werben für einzelne Aspekte der Reform: Nationaldichter Puschkin illustriert den Schutz der Sprache, ein Kind den des Erbes der Sieger von 1945. In der Werbung fehlt der wichtigste Punkt: Die Reform setzt Putins bisherige Amtszeiten „auf null“ und gibt ihm so die Option, 2024 und 2030 wieder anzutreten. Am Sonntag verteidigte Putin diesen Aspekt der Reform: Im Staatsfernsehen sagte er, wenn er nicht nochmals kandidieren könne, trete an die Stelle „normaler, rhythmischer Arbeit“ im Machtapparat die Suche nach einem Nachfolger.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Patient im Intensivzimmer eines bayerischen Krankenhauses.

          Coronavirus : Krankenhäuser reduzieren Betten für Covid-Erkrankte

          Nur noch zehn Prozent der Intensivbetten werden künftig freigehalten: Ärzte befürchten bei einer zweiten Welle Engpässe in der Pflege. Der Präsident der Bundesärztekammer warnt davor, auf die Quotenregelung ganz zu verzichten.
          Dunkle Wolken über Mehrfamilienhäusern aus der Gründerzeit im Prenzlauer Berg (Archivbild)

          Immobilienmarkt : Der Mietendeckel verschärft Berlins Wohnungsnot

          In Berlin können Mieter bald verlangen, die Miete auf eine gesetzlich vorgegebene Grenze zu senken. Schon jetzt wirkt sich das umstrittene Instrument zur Preisdämpfung massiv auf den Wohnungsmarkt aus. Selbst die Genossen sind verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.