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Idriss Déby : Ein Potentat als zuverlässiger Verbündeter

Idriss Déby bei einer Wahlkampfveranstaltung am 9. April in N`djamena Bild: dpa

Unmittelbar nach seiner Wiederwahl ist Idriss Déby umgekommen. Für Deutschland und Frankreich war der tschadische Langzeitmachthaber einer der wichtigsten Partner bei der Terrorbekämpfung im Sahel-Gebiet.

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          Unmittelbar nach seiner Wiederwahl für eine sechste Amtszeit ist der tschadische Staatschef Idriss Déby unter nicht geklärten Umständen bei einem Frontbesuch ums Leben gekommen. Am 11. April hatte sich Déby mit 80 Prozent der Stimmen im Amt bestätigten lassen. Das Wahlergebnis war am Montag bekannt gegeben worden. Am Dienstag wurde nun sein Tod von einem General im Fernsehen bekanntgegeben. Der 68 Jahre alte Präsident habe „soeben sein Leben ausgehaucht, als er am Wochenende die souveräne Nation auf dem Schlachtfeld verteidigte“, hieß es. Demnach habe sich Déby nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses entschlossen, keine Siegesrede zu halten, sondern die tschadischen Soldaten an der Front zu besuchen, die dort gegen Aufständische kämpfen.

          Claudia Bröll
          Freie Afrika-Korrespondentin mit Sitz in Kapstadt.
          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Eine Rebellengruppe, die sich Front für Wandel und Eintracht in Tschad (FACT) nennt und an der nördlichen Grenze zu Libyen stationiert ist, hatte am Wahltag einen Grenzposten angegriffen und war Hunderte Kilometer nach Süden bis kurz vor die Hauptstadt N’Djamena vorgerückt. Dort lieferten sich die Anhänger schwere Gefechte mit der Armee. Am Wochenende sollen die Rebellen nach Angaben eines Armeesprechers einen Rückschlag erlitten haben, sie selbst sprachen nur von einem „Fehler“, der ihren „Siegeszug“ zur Hauptstadt verzögert habe. Die Vereinigten Staaten hatten Botschaftsmitarbeiter aufgefordert, das Land am Samstag zu verlassen. Die britische Regierung hatte ihre Bürger schon vorher dazu aufgefordert.

          1990 an die Macht geputscht

          Die Nachricht hat auch im Ausland hohe Wellen geschlagen. Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer wurde bei einem Besuch bei der französischen Verteidigungsministerin Florence Parly in Paris am Dienstag davon überrascht. Der seit 31 Jahren regierende Staatschef Déby war einer der wichtigsten Partner für die von Deutschland und Frankreich vor sieben Jahren begründete G5 Sahel Initiative, ein Zusammenschluss Tschads mit Mauretanien, Mali, Burkina Faso und Nigers.

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          Mit der im Juli 2015 von Berlin und Paris zusätzlich ins Leben gerufenen „Allianz für den Sahel“ wurden die finanziellen Hilfen für die Entwicklungszusammenarbeit verstärkt. Mit deutsch-französischer Hilfe haben die fünf Staaten eine Eingreiftruppe zur Terrorbekämpfung aufgebaut, in der tschadische Soldaten die Hauptlasten schultern. Zugleich hat sich G5 Sahel der Armutsbekämpfung, dem Infrastrukturausbau und landwirtschaftlicher Entwicklung verschrieben.

          In all diesen Fragen war Déby, ein ehemaliger Militär, der sich 1990 an die Macht putschte, ein zuverlässiger Verbündeter. Ursprünglich war im Februar ein G5 Sahel-Gipfeltreffen in der tschadischen Hauptstadt mit Außenminister Heiko Maas (SPD) und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron geplant, um Déby symbolisch für seinen Einsatz zu danken. Der Gipfel wurde dann nur per Videokonferenz organisiert. Damals gab es Gerüchte, dass Déby zu sehr damit beschäftigt sei, seine Macht im eigenen Land zu behaupten. Der Potentat war für seinen repressiven Kurs gegen die Opposition bekannt, verfügte zugleich über eine der wenigen einsatzfähigen Armeen im frankophonen Afrika. Déby soll wohl sein Sohn Mahamat Idriss Déby, ein Vier-Sterne-General, nachfolgen, hieß es am Dienstag.

          Stabilitätsanker im Sahel-Gebiet

          Frankreich und Deutschland hatten die enge Zusammenarbeit mit dem autokratischen Regime mit der Sorge vor unkontrollierten Flüchtlingsströmen nach Europa begründet. Alle G5-Länder sind Herkunfts- und Durchgangsländer von Flüchtlingen, die nach Europa streben. Der Tschad galt bislang als Stabilitätsanker im immer stärker von terroristischen Bewegungen zerrütteten Sahel-Gebiet.

          Die deutsche Hilfe für den Tschad und die anderen G5-Staaten war zuletzt beim G-7-Gipfel in Biarritz verstärkt worden. Dort stellten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Macron und der Präsident von Burkina Faso, Roch Marc Kaboré, eine Weiterentwicklung der Sahel-Allianz vor, die mehr Geld, mehr Ausrüstung und mehr Ausbildungshilfe umfassen sollte. Seit 2010 hat die EU mehr als zwölf Milliarden Euro für Sicherheit und Entwicklung in der Sahel-Zone bereitgestellt.

          Während westliche Länder in Déby einen wichtigen Verbündeten im Kampf gegen den Terrorismus sahen, hat im Tschad die Unzufriedenheit über dessen autokratische Regierung und die Armut in einem Land mit Ölvorkommen zugenommen. Insbesondere der Wahlkampf war von Spannungen gezeichnet, mehrere Oppositionspolitiker hatten ihre Teilnahme abgesagt, Demonstrationen waren verboten worden. Der Präsident konnte sich jedoch bisher der Unterstützung staatlicher Institutionen und des Militärs sicher sein. 2018 hatte er eine Verfassungsänderung durchgesetzt, um bis 2033 an der Macht zu bleiben.

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