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Nach dem Sondierungs-Chaos : Hilfe, wir wackeln!

Der Deutsche und sein Dackel: Man schätzt die Sicherheit. Bild: dpa

Unsicherheit mag der Deutsche gar nicht: Er schätzt stabile Verhältnisse. Das nimmt nun bizarre Züge an.

          6 Min.

          Nach bald vierzig Jahren an der Regierung hat Angela Merkel noch immer nicht genug. Die gefürchtete, aber alternde Despotin klebt an der Macht und sucht ihr Amt ihrem Ehemann Joachim Sauer zuzuschanzen, der berüchtigt ist für seinen glamourösen, exzessiven Lebensstil. Da wagt Merkels langjährige Weggefährtin Ursula von der Leyen mit Hilfe der Bundeswehr den Aufstand, setzt die Herrscherin in deren uckermärkischer Datsche fest und sich selbst auf den Thron. Die lange geknechteten Deutschen feiern auf den Straßen, obgleich die meisten von ihnen von Arbeitslosigkeit und Armut geplagt sind und der neuen Frau an der Landesspitze der wenig vertrauenserweckende Spitzname „Flinten-Uschi“ vorauseilt; sie soll für mehrere Massaker verantwortlich sein. Aus der CDU wird Angela Merkel wenige Tage nach dem Putsch ausgeschlossen.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Klar, das ist alles Quatsch, eine schnell durchschaubare Travestie dessen, was gerade in Zimbabwe geschehen ist. Es sei trotzdem gestattet: einfach, um die Verhältnisse zurechtzurücken.

          In den vergangenen Tagen ist da nämlich einiges aus dem Gleichgewicht geraten. Wenn nicht gleich das gesamte Land. Mittlerweile haben so viele berufene Menschen versichert, dass wir „keine Staatskrise“ hätten, dass es in den Ohren hallt: keine Staatskrise. Staatskrise. Staatskrise! In den Medien wird das Land als unheilbar gespalten und orientierungslos dargestellt. „Die verunsicherte Republik“ titelt die „Wirtschaftswoche“, der „Stern“ zeigt die geschäftsführende Bundeskanzlerin kopfüber im angeblich „freien Fall“. Die „Bild“-Zeitung kündigt das Arbeitsgespräch der gesetzten Genossen Steinmeier und Schulz an mit den martialischen Worten „Schlacht um Schulz“, und „Der Spiegel“ demonstriert, wie sehr ihm die Begrifflichkeiten entgleiten, mit seiner Titelschlagzeile „Stunde Null“.

          Keiner darf sich drücken

          Dabei liegt Deutschland augenblicklich nicht in Trümmern und ist auch nicht soeben von einer Diktatur befreit worden. Keiner hat kapituliert, ja es ist noch nicht mal jemand zurückgetreten. Es werden einfach nur vier Parteien, die in dieser Konstellation auf Bundesebene noch nie koaliert haben, dies fürs Erste auch weiterhin nicht tun. So what?

          Immerhin titelt „Der Spiegel“ nicht „Der Untergang“, so viel Hitler-Analogie hat sich das geschichtsaffine Blatt bei Merkel dann doch nicht getraut. Und es hat sich ja auch alle Mühe gegeben, seine „Stunde Null“-Behauptung zu veranschaulichen: Im Vordergrund, das Kinn mit der Hand gestützt, sitzt eine ermattete Merkel, hinter ihr, die Gesichtszüge dramatisch ausgeleuchtet, blickt uns überlebensgroß der dreitagebärtige Christian Lindner an. Auf Filmplakaten werden so die großen Helden präsentiert, die mysteriösen Männer, die die Fäden in der Hand halten, und auch die schlimmsten Schurken. Lindner aber schaut uns vom Cover mit traurigen Augen an, wirkt abgekämpft und gealtert. Sieger sehen nicht so aus. Kriegsheimkehrer schon eher. Christian Lindner, draußen vor der Tür.

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