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TV-Kritik „Anne Will“ : Bob Dylan und das Aschenputtel-Prinzip

  • -Aktualisiert am

Bei „Anne Will“ wurde die Wahl in Sachsen und Brandenburg diskutiert. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

In Sachsen und Brandenburg haben sich die Nichtwähler zu Wort gemeldet – ist es nun akzeptabel, sie vom Wählen wieder abzubringen? In der Show von Anne Will führt der Wahlabend zu überraschenden Einsichten.

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          Der Trostpreis des Abends geht an die SPD. Ihre Stimmenverluste sind in Brandenburg und in Sachsen die geringsten, verglichen mit Verlusten der CDU und der Linken. Aus Kreisen der Grünen ist zu hören, dass auf der Zielgeraden, nach erschreckenden Umfrageergebnissen, viele Wählerstimmen, die zuvor auf das Umfragekonto der Grünen gegangen sind, aus taktischen Gründen zu den Parteien der Ministerpräsidenten gewandert sind.

          Ein Erfolg der politischen Kampagnen der letzten Monate: der Osten ist im Großmaßstab und auch im Alltag so politisiert wie schon lange nicht mehr. Martin Machowecz, Leiter des Büros der „Zeit“ in Leipzig, hat das kürzlich als Lernkurve beschrieben. Das Reden erfreut sich wachsender Beliebtheit. Es erweist sich als verlässliches Angebot, Wählerinnen und Wähler aus dem Abseits, aus der Verbitterung und aus anderen Nischen wieder herauszuholen. Es macht sich bezahlt, wenn der Eindruck entsteht, dass die eigene Stimme gehört, wahrgenommen und verstanden wird. Das haben die Wahlkämpfe von Michael Kretschmer und Dietmar Woidke nicht nur auf den letzten Metern gezeigt.

          Kooperation mit AfD ausgeschlossen

          Die Wahlergebnisse stellen die sächsische Union vor eine Zerreißprobe. Ihr Spitzenmann hat eindeutig erklärt, dass es mit der AfD keine Zusammenarbeit geben werde. Wird er sich damit durchsetzen? Reiner Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, erklärt, durch Frau Will mit O-Tönen von zwei Parteifreunden konfrontiert, dass sein Landesverband diese Frage für sich eindeutig geklärt habe: Kooperation mit der AfD sei ausgeschlossen. Das macht es nötig, sekundiert Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin in Mecklenburg-Vorpommern, kontinuierlich das Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern zu suchen, zu führen und dem Eindruck entgegenzuwirken, dass sich die Politik geradezu blockähnlich gegen die neue unangenehme Konkurrenz stelle.

          Wer nun vor der Aufgabe steht, neue Bündnisse, vermutlich in beiden Ländern schwarzrotgrüne Kenia-Koalitionen, zu schmieden, wird für die Verhandlungen und die Regierungsführung einen Stil finden müssen, der Streit in der Sache sucht und die gefundenen Lösungen nicht als kleinstes gemeinsames Übel vermittelt. Es geht darum, ansteigende gemeinsame Lernkurven zustande zu bringen.

          Bei „Anne Will“ wurde die Wahl in Sachsen und Brandenburg diskutiert.

          Die Grünen werden sich nicht damit begnügen, sich für die neuen Mehrheiten kooptieren zu lassen. Sie bringen etwas mit, das dem Eindruck des Gewürges bei strittigen Fragen in der Großen Koalition im Bund entgegenwirken könnte: eine pragmatische Vernunft, die allen Partnern einer Koalition Erfolge ermöglicht. Wie Bob Dylan schon 1964 gesungen hat: die Zeiten ändern sich, jetzt findet das Lied auch in der großen Politik Gehör, weil das alte Konzept, dass eine große mit einer kleinen Partei koaliert, nicht mehr aufgeht.

          Um das an einem Beispiel zu illustrieren, für das die Große Koalition in Berlin noch keinen Kompromiss gefunden hat: die Grundrente ist ein politisches Versprechen, das viele Ostdeutsche betrifft, die nach der Wende nur schlecht bezahlte Jobs hatten. Kommt es, wie die Union fordert, zu einer Bedürftigkeitsprüfung, gehen Ehepaare leer aus, die beide nur wenig verdient haben, aber durch die Summe ihrer niedrigen Renten bei dieser Prüfung durchfallen. Statt Respekt für ihre Lebensleistung zu erfahren, erleben sie Missachtung. Man könnte es auch anders fassen: in der Bundespolitik sind ostdeutsche Interessen zu wenig repräsentiert. Das macht Frau Giffey für die SPD so wertvoll.

          Das Aschenputtel-Prinzip der AfD

          Alexander Gauland fühlt sich als der Wahlsieger des Abends. Die MDR-Moderatorin Wiebke Binder hatte zuvor mit einer Frage an den sächsischen CDU-Politiker Marco Wanderwitz für Verwunderung gesorgt: eine stabile Zweierkoalition, eine bürgerliche, wäre ja mit der AfD möglich, behauptete Frau Binder in der ARD. Das war fast so seltsam wie die konfuse Moderation der Berliner Runde durch Tina Hassel.

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