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De Coubertins Idee : Wie olympisch sind die Olympischen Spiele?

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Die Spiele in den Zeiten ihrer Überschaubarkeit: Programmheft der Olympischen Spiele von London im Jahr 1908 Bild: akg-images

Die Antike gilt als Vorbild, nach dem Pierre de Coubertin 1896 die Olympischen Spiele der Neuzeit begründete. Aber die Absichten und Ideale des Franzosen speisten sich aus anderen Quellen.

          In der Antike zählte nur der Sieger. Die Olympischen Spiele waren ein Fest zu Ehren des Zeus. Nur die siegreichen Athleten durften mit Aufmerksamkeit rechnen. Dann wurde ihr Name in Stein gemeißelt, möglicherweise sogar eine Statue von ihnen aufgestellt. Wer aber verlor, der fiel dem Vergessen anheim oder sah sich sogar geächtet, weil er Schande über die Polis brachte, die ihn nach Olympia entsandt hatte. Mancher, der mit großen Hoffnungen nach Olympia gekommen war, sich aber schon im Training ausrechnen konnte, dass er am Ende leer ausgehen würde, trat gar nicht erst zum Wettkampf an, so dass es verschiedentlich zu sogenannten „staublosen Siegen“ kam. Nichts wäre für die Beteiligten befremdlicher gewesen als das Motto „Dabeisein ist alles“. Hätte der französische Baron Pierre de Coubertin (1863-1937) sich diese Merkmale der olympischen agone vergegenwärtigt, als er die „Wiedergeburt“ der antiken Spiele plante, hätte er möglicherweise von der Idee gleich wieder Abstand genommen. Coubertins Nichtwissen war, so gesehen, eine Voraussetzung seiner Initiative.

          Einem weiteren Missverständnis unterlag Coubertin hinsichtlich einer zweiten Quelle seiner Inspiration, der English sports. Denn das englische Verb to sport leitet sich vom lateinischen disportare her und bedeutet „sich zerstreuen“, „sich vergnügen“. Nicht irgendwelchen höheren Zielen sollten jene Wettkämpfe genügen, welche in England seit dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert enorm an Popularität gewonnen hatten, sondern schlicht dem Bedürfnis nach Unterhaltung und Geselligkeit. Da die Entwicklung der Marktgesellschaft auf den Britischen Inseln weit fortgeschritten war, ging es immer auch ums business. Diese kommerziellen Nebenabsichten ließen sich nicht mehr unterdrücken, als Reformer seit den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts begannen, die populären Disziplinen in ihre elitären Klubs und Bildungsinstitutionen zu überführen, sie nach einheitlichen Regeln durchzuführen und die Teilnahme auf sogenannte Amateure zu beschränken. Die professionellen Athleten blieben im Geschäft, und der Sport als Teil der Unterhaltungsindustrie florierte mehr denn je.

          Das antike Modell wurde geplündert

          Durch diese Kombination von Missverständnissen hinsichtlich der griechischen agone und der English sports machte sich Coubertin zu einem Protagonisten der fragwürdigen, weil anachronistischen Vorstellung vom „antiken Sport“ - eine Redeweise, die er nicht erfunden hat, aber zu verbreiten half. Sie hatte ihren Ursprung im „Mythos Olympia“, der in der Renaissance entstanden war und sich seitdem immer wieder erneuert hat. Bildhauer formten Repliken antiker Statuen, Antonio Vivaldi komponierte die Oper L’Olimpiade, und der Buchdruck vermittelte Generationen bildungsbeflissener Europäer die angeblich „griechischen“ Ideale des Humanismus. Das große Medieninteresse für die Ausgrabungen der olympischen Stätten unter Ernst Curtius bewirkte eine scheinbare Konkretisierung der vagen Vorstellungen. Im Zentrum des Mythos standen Athleten mit harmonischem Körperbau, die ihre Kräfte im edlen Wettstreit maßen und das angeblich für die griechische Kultur charakteristische „agonale Prinzip“ (Jakob Burckhardt) feierten.

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