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Der Philosoph Alain Badiou Bild: Bridgeman Images

Corona und Politik : Das dritte Leben des Kommunismus

Das Coronavirus wird die Welt nicht verändern, nur der Marxismus kann sie noch retten: Das ist die Überzeugung des Philosophen Alain Badiou. Ein Besuch in Paris.

          8 Min.

          Nichts Außergewöhnliches“ kann der französische Philosoph Alain Badiou in der „aktuellen Lage“ ausmachen. In einem Aufsatz „Sur la situation épidémique“, den er dieser Tage geschrieben hat, zählt er auf: „Aids, Vogelgrippe, Ebola, Sars 1, verschiedene Grippen, aber auch Masern und Tuberkulose, gegen die Antibiotika machtlos geworden sind. Wir wissen, dass der globalisierte Markt (...) unweigerlich schwere und zerstörerische Epidemien hervorbringt, Aids forderte mehrere Millionen Tote.“ Covid-19 müsste als „Sars 2“ bezeichnet werden: „Nichts Neues unter der zeitgenössischen Sonne. Für mich gab es nichts anderes zu tun als zu versuchen, mich zu Hause einzuschließen. Und nichts anderes zu sagen als: Macht es genauso.“

          Nichts Neues unter der Sonne

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Alain Badiou, 1937 geboren, war ein führender Kopf des Maoismus. Inzwischen ist er meistübersetzte französische Intellektuelle der Gegenwart. Er hat Romane und Theaterstücke geschrieben. Berühmt wurde er nach dem Tod von Jean-Paul Sartre und Jacques Lacan und der Internierung des marxistischen Theoretikers Louis Althusser. Sie waren seine „Meisterdenker“, an deren Stelle er trat.

          Der Weg zu Alain Badiou führt in ein bürgerliches Viertel hinter Montparnasse, an der schicken Fondation Cartier vorbei in eine von älteren und gutsituierten Menschen bewohnte Siedlung. Wenn er die ersten drei Tore und Türen nach den Vorgaben der schriftlichen Anleitung passiert hat, muss der Besucher auch noch an einem schwarzen Pförtner vorbei, der gerade für eine Dame die Post sortiert. Aufzug B, sechste Etage.

          Erbe der Meisterdenker

          Noch gab es keine Ausgangssperre. Noch war der Frühling nicht auf den Herbst verschoben und nur das Wahlfieber spürbar. Frankreich stand im Banne einer Sex-Tape-Affäre, die Emmanuel Macrons Kandidat für das Amt des Bürgermeisters von Paris zum Verzicht veranlasst hatte.

          Von Alain Badiou ist gerade ein Buch über „Trump“ (Presses Universitaires de France) erschienen. Aus diesem Anlass hatten wir das Interview verabredet. Der Philosoph, der in der Presse als sektiererischer und unverständlicher Dogmatiker porträtiert wird, erwies sich als ebenso eloquenter wie freundlicher Gesprächspartner.

          Er war beunruhigt: „Heute Morgen fand ich auf meinem Handy – ja, auch ich passe mich der Zeit an und lese die Nachrichten auf dem Telefon – eine erschreckende Meldung. Putin habe erklärt, über Waffen zu verfügen, die alle existierenden Verteidigungssysteme überwinden könnten.

          Dass Russland den anderen Ländern in militärischer Hinsicht voraus sei. Er sagte es auf bedrohliche Weise: Man solle ihm nicht in die Quere kommen. Alle rüsten auf, aber das Thema findet in der Öffentlichkeit kaum Widerhall.“ Aber unser Thema war nicht der kommende Krieg, sondern der Niedergang der Linken.

          In den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren die französischen Intellektuellen ausnahmslos Marxisten und – wie Sartre – Weggefährten der Kommunisten. Sie sind der letzte.

          Die „Neuen Philosophen“, bei denen es sich ausschließlich um Renegaten handelte, lösten eine Welle der Selbstkritik und der Abkehr vom Kommunismus aus. Der Marxismus, der nach 1945 im Sinne von Gramsci die Hegemonie erobert hatte, wurde in eine Art Höhle verdrängt. Ersetzt hat man ihn durch eine Ideologie, die man als Lob der parlamentarischen Demokratie, der Freiheit und der Menschenrechte zusammenfassen kann. Die Intellektuellen verrieten ihre Überzeugungen und ihre Funktion als kritische Instanz. Sie bekennen sich seither zum politischen System und propagieren dessen Werte. Gleichzeitig wurde das Scheitern der ersten historischen Experimente in China und der Sowjetunion offensichtlich. Diese beiden Phänomene haben im Westen zum Verschwinden des Marxismus geführt. Ich bin ein Überlebender, nicht der einzige.

          Und gleichzeitig sind Sie der am meisten übersetzte französische Philosoph der Gegenwart.

          Den Ehrentitel des „Chef-Überlebenden“ nehme ich gerne in Anspruch. Die kleine Berühmtheit, die ich erlangt habe, geht tatsächlich auf die achtziger Jahre zurück. Damals wandte ich mich der Philosophie zu. Ich tat das, um dem Marxismus treu bleiben zu können und um ihn zu erneuern. Die Treue ist ein wichtiges Konzept meines Denkens geworden. Manchmal fühlte ich mich schon ein bisschen einsam. Aber jetzt keimt die Hoffnung, dass wir möglicherweise wieder einmal vor einer epochalen Wende stehen.

          Als Nicolas Sarkozy Präsident war, haben Sie ihn in einem Essay, der zum Bestseller wurde, als „Symptom“ analysiert. Wofür steht es?

          Nach 1945 dominierten die Kommunisten und die Gaullisten. Mit Sarkozy wurde der Zusammenbruch dieser Konstellation besiegelt. Nach dem Kommunismus war nun auch der Gaullismus am Ende. Überzeugungen und Ideologien spielen keine Rolle mehr. Damit begann die Epoche des Zynismus. Es geht nicht mehr um die Verbesserung der Welt, sondern den Erhalt der herrschenden Ordnung. Die Intellektuellen werden verachtet.

          Diesen Zynismus machen Sie jetzt bei Macron aus?

          Anfänglich präsentierte er sich als guter Schüler unserer Tradition. Macron betrat die Bühne der Politik als zivilisierter Mensch – seine Mission allerdings ist es nicht: Sie besteht darin, die zwischen Gaullisten und Kommunisten 1945 geschlossenen Kompromisse und ihre sozialen Errungenschaften abzuwickeln.

          Man kennt Sie als Kritiker der demokratischen Wahlen, die Sartre einst als „Idiotenfalle“ bezeichnete.

          Wahlen setzen einen Konsens voraus, dass sich am System nichts verändert. Diese Entwicklung begann mit Mitterrand, der mit dem Kapitalismus zu brechen versprach. Nach zwei Jahren war alles vorbei. Seine Kapitulation wurde wegweisend. Alle Alternativen zum Kapitalismus sind diskreditiert. Seit dem Scheitern der Sowjetunion fehlt jegliches Gegengewicht, das die zunehmende Verwilderung des Kapitalismus hätte bremsen können. Er ist auf Zerstörung und Ausbeutung angelegt.

          Grünspan auf der Bronze, ein ganz natürlicher Prozess - die große Karl-Marx-Statue in Trier.

          Führt der Kapitalismus notwendigerweise zu Krieg?

          Der Triumph des Imperialismus am Ende des 19. Jahrhunderts und die Rivalität der Großmächte führten zu Krieg. Die Hegemonie der parlamentarischen Demokratie entstand aus zwei fürchterlichen Weltkriegen. Gegenwärtig sind wir mit Problemen konfrontiert, deren Lösung kompliziert ist. In solchen Situationen hat sich immer wieder der Krieg als einzige Lösung aufgedrängt. Der Kapitalismus gründet auf der Konkurrenz und ist in seinem Wesen kriegerisch. Er ist nicht fähig, eine Weltregierung zu bilden. Er ist globalisiert, die Politik ist es nicht. Sie bleibt national. Die Staaten vertreten ihre Interessen und streben nach der Hegemonie. Die daraus resultierenden Konflikte können begrenzt bleiben. Aber genauso gut in einen Weltkrieg ausarten.

          Wie erklären Sie sich den Aufstieg der Populisten?

          Die Krise des Parlamentarismus stärkt die Kräfte an seinen linken und rechten Rändern. Entstanden ist sie aus dem Widerspruch zwischen der globalisierten Wirtschaft und der nationalen Politik. Niemand weiß, wie man ihn auflösen könnte. Bislang profitiert überall die extreme Rechte von der Krise. Von der extremen Linken kommt nichts. Es gibt keine revolutionäre Hoffnung. Die Sozialdemokratie befindet sich in einem Prozess der Auflösung. Die kommunistischen Parteien sind praktisch verschwunden. Nur auf der extremen Rechten sind einigermaßen strukturierte Bewegungen entstanden. Es ist äußerst beunruhigend, dass in diesem Klima Politiker wie Trump, Salvini oder Bolsonaro an die Macht gelangen. Modi in Indien, Duterte auf den Philippinen. Wir haben da eine herrliche Galerie politischer Monster.

          Sie bescheinigen ihnen einen „demokratischen Faschismus“.

          Sie wurden gewählt, sie halten sich an die Spielregeln: Trump möchte wiedergewählt werden. Wenn man Demokratie mit freien Wahlen gleichsetzt, handelt es sich um Demokraten. Auch Hitler und Mussolini wurden gewählt. Die Weltsicht von Trump und Bolsonaro ist eine rechtsextreme. Sie sind Rassisten und fremdenfeindlich, sie verachten die Frauen. Sie vertreten einen brutalen Kapitalismus. Ihr Kult der eigenen Person, ihre Reden, ihre Vulgarität und ganz besonders ihre Intellektuellenfeindlichkeit sind Ausdruck des faschistischen Dogmas. Ob es eine Gegenbewegung zu diesem Triumph der Reaktionäre gibt, ist angesichts des ideologischen Zerfalls der Linken eher fragwürdig.

          Deren Niedergang geht letztlich auf den Mai 68 zurück. Wie war das möglich?

          In Frankreich ist dafür die Kommunistische Partei verantwortlich. Sie hat damals ihre historische Chance verpasst. Den französischen Kommunisten ging es nach 1968 nur darum, ihren Besitzstand zu erhalten. Sie hatten sich zur parlamentarischen Demokratie bekehrt und die Revolution verraten. Deshalb gehe ich seither nicht mehr zur Wahl.

          Bei der Überwindung des Marxismus in Frankreich ging es um die Verbrechen des Kommunismus. Die „Neuen Philosophen“ zählten Marx zu den „Meisterdenkern“ und machten ihn für den stalinistischen Totalitarismus mitverantwortlich.

          Das ist Blödsinn Zu seinen wichtigsten Forderungen gehört der Niedergang des bürgerlichen Staats. Dazu ist es nicht gekommen. An dieser Frage sind die kommunistischen Regimes gescheitert. Die gewaltsame Zentralisierung und extreme Bürokratisierung sind bei Marx nicht vorgesehen. Auch für die Verbrechen ist Marx in keiner Weise verantwortlich.

          Der Kommunismus ist also nicht diskreditiert?

          Die Geschichte ist nicht zu Ende. Der Kapitalismus begann vor vierhundert Jahren. Man kann den Beginn der Ausbeutung auch auf das Neolithikum datieren, als die Jäger und Sammler den Übergang zu Hirten- und Bauernkulturen vollzogen. Der Marxismus ist eine noch sehr junge Erscheinung, er wurde im 19. Jahrhundert entwickelt, und im 20. wurde mit ihm experimentiert. Seit drei Jahrzehnten befindet er sich im Tiefschlaf. Wir brauchen ihn für den Kampf gegen den zeitgenössischen Kapitalismus, der für die meisten Menschen negative Auswirkungen hat und den Planeten zerstört. Ich kann keine andere Theorie als den Marxismus erkennen. Bei meiner „marxistischen Hypothese“ geht es um die Einsicht, dass eine andere Welt möglich ist. Ich bin überzeugt: Der Kommunismus ist vor uns.

          Mit den Migranten und Flüchtlingen als neuem Proletariat?

          Das Proletariat der Nomaden hat es immer gegeben. Früher kamen sie vom Land und zogen in die Stadt. Heute kommen sie aus Afrika. Stets hat man sie hat gegen die Arbeiter ausgespielt. Auch die Fremdenfeindlichkeit der französischen Kommunisten in den siebziger Jahren war ein Element, das zu ihrem Niedergang beitrug. Sie warfen dem Kapitalismus vor, die Einwanderer in die kommunistischen Vorstädte zu schicken. Die Partei der Proletarier wehrte sich gegen die Zuwanderung der Proletarier. Als ob die Einwanderung das Problem Frankreichs wäre.

          Deutschland hat eine Million aufgenommen.

          Das war absolut richtig und realistisch. Angela Merkel ist einer der besten Staatschefs in Europa. Aber man hat es ihr nicht verziehen. Die Lektionen, die Macron ihr erteilt, sind unerträglich. Es war mutig von ihr, die Flüchtlinge aufzunehmen. Es ist wie in einer Armee, wenn man den General der gegnerischen Truppen für seine Leistungen und seine Ethik bewundert.

          Und jetzt ist Krieg: „Niemand“, schreibt Alain Badiou in „Sur la situation épidémique“, „hat die Seuche vorhergesehen. Man hielt sie allenfalls im düsteren Afrika oder im totalitären China für möglich. Aber nicht im demokratischen Europa.“ Auf die Epidemie, die „nichts radikal Neues hervorbringt“, wollte Alain Badiou gar nicht reagieren. „Aber ich habe zu viel Verstörendes gehört und gelesen, auch in meinem persönlichen Umfeld“.

          Er schickte den Aufsatz als Ergänzung zum Interview, an dem es kein Jota zu ändern gebe. Als irritierend empfindet er die „Rückkehr der traurigen Effekte“, mit denen die Menschen im Mittelalter auf die Pest reagierten. Als göttlicher „Fluch“ wurde sie empfunden, mit „Mystizismus, Fabeln, Gebeten, Prophezeiungen“ bekämpft: „Die Epidemie zersetzt die Vernunft“, heute wie damals.

          Als Philosoph sah er sich deshalb „genötigt, ein paar schlichte Ideen, die ich gerne kartesianisch nennen möchte, zu formulieren“. Auch dass alles „dem armen Macron“ angelastet werde, hat ihn empört.

          Macron ist nicht an allem schuld

          Mit dem Präsidenten als Kriegsführer geht er weniger hart ins Gericht als mit dem Politiker. Er übernimmt „Macrons Metapher“ vom Krieg, der geführt und gewonnen werden muss. Die Einschließungen und Ausgangsperren hält er für „unerlässlich“.

          Nüchtern bedauert Badiou, dass Kriege kaum je in Revolutionen mündeten. In Russland war sie bereits im Gange. In China ging der revolutionäre Bürgerkrieg dem Zweiten Weltkrieg voraus. In Deutschland wurde 1918 der Spartakus-Aufstand niedergeschlagen: „Die Epidemie wird keinerlei politische Auswirkungen haben“, davon ist er überzeugt.

          „Für uns aber, die wir eine radikale Veränderung wünschen“, gehe es jetzt darum, gegen die „Ausbreitung der geistigen Lähmung zu kämpfen“ und „neue Figuren des Politischen“ zu entwickeln. „Brillant“ sei die Erfindung des Kommunismus durch Marx gewesen.

          „Interessant“ waren die Versuche seiner „staatlichen Umsetzung“. In der „notwendigen“ Quarantäne arbeitet der Philosoph und Marxist wie schon zuvor „für den transnationalen Fortschritt einer dritten Etappe des Kommunismus“: Vielleicht beginnt sein neues Leben halt doch im Chaos der Corona-Katastrophe.

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