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Kassel-Calden : Die Geschichte eines Flughafens, den keiner braucht

2500 Meter Pistenlänge und 271 Millionen Euro Kosten: Der Flughafen Kassel-Calden wartet auf Flieger Bild: Daniel Pilar

So ein schöner neuer Flughafen! In Kassel öffnet an diesem Donnerstag ein Airport. Ganz Nordhessen freut sich - obwohl mangels Nachfrage schon Flüge abgesagt wurden. Und die Rechnung? Geht an den Steuerzahler.

          Wenn an diesem Donnerstag um elf in Kassel-Calden der Germania-Sonderflug aus Frankfurt niedergeht, ein aktueller und ein ehemaliger Ministerpräsident zum Festzelt schreiten und in der Festrede jene loben, die Nordhessens Traum vom Fliegen wahr gemacht haben - dann wird einer dankesleer ausgehen, zu Unrecht: der Chinese.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Vom „chinesischen Investor“ raunte Mitte 2011 erst die Lokalpolitik, dann die Presse in ganz Hessen: Ein Chinese habe angeklopft, der Chinese wolle Kassels neuen Flughafen betreiben! Was für eine Wendung: Lange hatten die Bauherren der 2500-Meter-Landebahn einen privaten Geldgeber gesucht, auf dass Gemeinde, Stadt, Kreis und Land nach den immensen Baukosten nicht auch noch auf den sicheren jährlichen Betriebsverlusten sitzenblieben. Und jetzt, im Juli 2011, zeichnete sich zudem ab, dass der Flughafen statt 150 Millionen mehr als 270 Millionen Euro kosten wird, eine Hiobsbotschaft, die der Öffentlichkeit zwei Monate später verkündet wurde. Plötzlich stand der seit über einem Jahrzehnt geplante Flughafen auf der Kippe.

          Dessen Logik leuchtet ja tatsächlich nicht ein. Vierzig Jahre lang befand sich in Calden ein kleiner Flugplatz, von dem Geschäftsflieger starteten. Wer aus der 200.000-Einwohner-Stadt Kassel gen Mallorca abheben wollte, fuhr 50 Minuten zum Flughafen Paderborn, eine Stunde länger mit dem ICE zum Frankfurter Airport oder eineinhalb Stunden nach Hannover.

          Die Zeit der Regionalflughäfen ist vorbei

          Doch 1998 fiel Kassels Industrie- und Handelskammer ein: Die Stadt braucht was Eigenes. Die Arbeitslosigkeit in der dünnbesiedelten Region war Ende der neunziger Jahre höher als im Süden, überhaupt fühlte sich der Norden abgehängt und wählte alle vier Jahr rot. Da würde ein Flughafen die Welt näher rücken. Als 1999 Roland Koch hessischer Ministerpräsidenten wurde, versprach er den Nordhessen ihren Traum.

          Der Flughafen Kasse-Calden ist umgeben von vielen anderen Flughäfen, zum Beispiel den Airports Paderborn und Siegeland. Auch deswegen fragen Kritiker, warum man ihn überhaupt braucht. Bilderstrecke
          Der Flughafen Kasse-Calden ist umgeben von vielen anderen Flughäfen, zum Beispiel den Airports Paderborn und Siegeland. Auch deswegen fragen Kritiker, warum man ihn überhaupt braucht. :

          14 Jahre später ist der Flughafen fertig, aber die Zeit der Regionalflughäfen ist vorbei. Selbst Billiglinien wie Ryanair wollen nicht mehr in der Pampa abheben, sondern dort, wo ihre Kunden leben - auch nicht vom Regionalflughafen Kassel. Sogar der erste reguläre Flug, der eigentlich an diesem Donnerstag von Kassel nach Antalya gehen sollte, wurde abgesagt - zu wenige Passagiere hatten gebucht. Eine Studie der Unternehmensberatung Prologis rechnet vor, dass seit 2008 ein Drittel aller Regionalfluglinien vom Markt verschwunden sind. Als „eine komplette Fehlinvestition“ schmäht der Chef des Ferienfliegers Condor, Ralf Teckentrup, den Kasseler Flughafen. Verkehrsexperten prognostizieren, weder seriöse Fluglinien noch Passagiere werde es nach Nordhessen treiben. Michael Kerkloh, Chef des Münchener Flughafens, glaubt, dass nur sechs deutsche Airports überlebensfähig sind. Und die Verkehrsökonomen der Deutschen Bank kommentieren den steuerfinanzierten nordhessischen Staatsflughafen so: „Kitas und Schulen brauchen auch Geld.“

          Aber der Chinese glaubte an Kassel-Calden. Hätte er sonst Geld investieren wollen? Wie viele Anteile würde er kaufen, 10 Prozent oder gar knapp die Hälfte, wie Mitte 2011 im Wirtschaftsministerium spekuliert wurde?

          Den Chinesen selbst zu fragen geht nicht, sein Name ist geheim. Der Chines’ dürfe nicht verschreckt werden. Nur so viel: Es sei ja „bekannt, dass Chinesen nach Investitionsmöglichkeiten in Europa suchen“.

          Sechs Flüge sind schon gestrichen

          Als im September 2011 die höheren Baukosten verkündet wurden, machten CDU, FDP und SPD klar: Das Land baut weiter. Auch wenn, so viel war jetzt klar, doch kein Chinese einsteigen würde. Der Vertreter der Kasseler Industrie- und Handelskammer sagte, dem Chinesen habe es wohl nicht gefallen, dass im August Chinas Erzfeind durch Wiesbaden spaziert sei, eingeladen vom Land Hessen: der Dalai Lama. Pech. Wie viel es die hessischen Steuerzahler wohl gekostet hat?

          „Nichts“, sagt Jörg Ries am vergangenen Donnerstagvormittag, in der Ferne putzen orangefarbene Kehrfahrzeuge die neue Landebahn. Bis die Minister-Boeing landet, ist noch genau eine Woche Zeit. Ries ist Geschäftsführer des Flughafens, er sagt: „Es gab nie Interesse eines privaten Investors. Auch nicht von einem Chinesen.“ Ries sagt auch, warum: „Für Unternehmen ist der Flughafen nicht rentabel.“

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