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Zur Übernahme von WhatsApp : Facebook kauft Relevanz

Gerade mal 28 Jahre alt, aber mit seinem Unternehmen schon nah an der Midlife-Crisis: Mark Zuckerberg Bild: dpa

Mark Zuckerberg hat mit dem Kauf von WhatsApp eine Bedrohung ausgeschaltet. Aus Sicht von WhatsApp ist ein Silicon-Valley-Märchen wahr geworden. Aus Sicht von Facebook ist es das erste Anzeichen einer Midlife-Crisis. Eine Analyse.

          Es sieht aus wie eine Verzweiflungstat und ist es ein Stück weit auch: Das soziale Netzwerk Facebook zahlt einen atemberaubend hohen Betrag von 19 Milliarden Dollar für den Kurzmitteilungsdienst WhatsApp. Facebook gibt mehr als ein Drittel seiner Barbestände und 8 Prozent seiner Aktien auf, um ein Unternehmen mit vielen Nutzern, aber wenig Umsätzen zu bekommen. Das zeigt, wie weit der Vorstandsvorsitzende von Facebook, Mark Zuckerberg, zu gehen bereit ist, um sein Revier zu verteidigen. Denn WhatsApp ist zu einem ernsthaften Rivalen geworden – und auch zu seinem Symbol dafür, wie sich die Kommunikation in sozialen Netzwerken heute zu Lasten von Facebook verändert.

          Aus Sicht von WhatsApp ist diese Transaktion ein weiteres Silicon-Valley-Märchen, das wahr geworden ist, nur noch einmal in einer ganz anderen Dimension, als dies zuvor bei Instagram oder Youtube der Fall war. Die beiden Gründer, die zuvor jahrelang beim Internetkonzern Yahoo gearbeitet und sich danach ironischerweise erfolglos bei Facebook beworben haben, sind nun zumindest auf dem Papier Multimilliardäre. Die Übernahme zeigt auch, wie groß die Belohnung für Investoren sein kann, wenn sie auf das richtige Pferd setzen. Die bei WhatsApp engagierte Wagniskapitalgesellschaft Sequoia hat ihren Einsatz nun in etwa verfünfzigfacht.

          Defensivmanöver

          Für Facebook ist der Kauf von WhatsApp in gewisser Weise ein Reifezeugnis, aber auch ein Zeichen für eine nahende Midlife-Crisis. Facebook demonstriert, willens und in der Lage zu sein, sich an richtig große Transaktionen heranzuwagen. Aber in erster Linie ist der Zukauf von WhatsApp ein Defensivmanöver. Denn zehn Jahre nach seiner Gründung kämpft das Unternehmen mit gewaltigen Umwälzungen im Nutzerverhalten. Gewiss ist Facebook mit mehr als 1,2 Milliarden Mitgliedern noch immer der Platzhirsch. Aber die Dynamik lag in jüngster Zeit bei Smartphone-Anwendungen wie WhatsApp, Snapchat oder der hauseigenen Facebook-Konkurrenz Instagram.

          Diese Dienste geben ihren Nutzern kein Rumdumpaket wie Facebook, sondern sie konzentrieren sich auf spezifische Kommunikationsszenarien wie Kurzmitteilungen oder den Austausch von Fotos. Sie sind perfekt für das mobile Zeitalter, in dem Smartphones zu einer immer wichtigeren Computerplattform werden. Sie setzen auf direkte Kommunikation statt der von Facebook gewohnten Massenansprache und grenzen sich auch anderweitig ab. Snapchat etwa positioniert sich mit der Idee der Vergänglichkeit gegen die Endlosarchivierung von Facebook. Die über Snapchat ausgetauschten Fotos verschwinden nach wenigen Sekunden. Anders als Facebook gibt es auf diesen aufstrebenden Anwendungen auch kaum oder gar keine Werbung.

          Neuer Chef, neue Strategie?

          Mark Zuckerberg gab sich bei Bekanntgabe der Übernahme auffällig desinteressiert, wie er mit dem Neuzugang Geld verdienen will. Ihn reize das gewaltige Nutzerwachstum, sagte er. Diese Argumentation ist zwar nicht gerade aktionärsfreundlich, aber sie ergibt für Facebook durchaus Sinn. Denn die Einnahmen sind nicht das größte Problem des Unternehmens. Facebook hat sein Anzeigengeschäft zu einer gut geölten Maschine gemacht und unlängst das stärkste Umsatzwachstum seit dem Börsengang vor knapp zwei Jahren ausgewiesen. Die Herausforderung liegt auf der Nutzerseite. Facebook hat zugegeben, dass amerikanische Jugendliche die Seite nicht mehr so oft besuchen. Eine dynamisch wachsende und auch bei Teenagern sehr populäre Anwendung wie WhatsApp kommt daher wie gerufen. Zwar grollen nun viele WhatsApp-Nutzer angesichts des Verkaufs an Facebook, aber eine Massenabwanderung ist nicht zu erwarten. Das ist auch bei Instagram nicht passiert, zumal Facebook bisher sein Versprechen gehalten hat, den Fotodienst an der langen Leine zu führen, wie es nun auch bei WhatsApp geschehen soll.

          Auf längere Sicht kommt Zuckerberg aber nicht um die Frage herum, ob sich der exorbitant teure Zukauf auch finanziell rechnen kann. Wenn WhatsApp dabei bleiben sollte, Werbung zu verschmähen und seine Umsätze nur mit den kargen Jahresgebühren zu erzielen, scheint das Potential selbst bei rasanten Nutzerwachstum begrenzt. Es läge auf der Hand für Facebook, den gewaltigen Datenschatz von WhatsApp in irgendeiner Form kommerziell zu nutzen. Die WhatsApp-Gründer haben sich immer als Idealisten gegeben und verächtlich über Unternehmen gesprochen, die Daten ausschlachten, um Werbung auf die Nutzer maßzuschneidern. Nun haben sie ihr Produkt an ein genau solches Unternehmen verkauft. Die Zeit wird zeigen, ob die Philosophie der WhatsApp-Gründer bei Facebook auf Dauer überleben kann.

          Mark Zuckerberg hat nach Instagram mit WhatsApp eine zweite Bedrohung ausgeschaltet. Snapchat hat er bislang nicht bekommen, auch wenn er es versucht hat. Mit WhatsApp kauft sich der Facebook-Chef nun zumindest so lange Zeit, bis das nächste Massenphänomen die Smartphone-Nutzer in seinen Bann zieht. Er wird freilich in Zukunft nicht jedes Mal einen zweistelligen Milliardenbetrag aufbringen können, wenn er sich einen neuen Wettbewerber vom Leib halten will.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

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          Quelle: F.A.Z.

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