Blog | Wostkinder : Die Schlafwandler: Deutsche Medien in der Krim-Krise

Die Krim-Krise offenbart eine Kluft zwischen Journalisten und Lesern. Ein Gefühl der unterdrückten Meinungen und manipulierten Massen greift um sich. Doch wer manipuliert da wen?
Historische Vergleiche scheinen in den Tagen der gefühlten Krim-Annexion so etwas wie der Winterschlussverkauf zu sein. Alle Medienschaffenden wetzen zu ihren Geschichtsbüchern und tun es. Auch Sie, werte Leserin, erinnern sich bestimmt: Wir hatten das alles doch schon einmal. „Der Iwan“ stand vor den Toren Europas und wollte uns Brandschatzen. Meist stand er sogar an der innerdeutschen Grenze und lechzte danach einzumarschieren. Ständig kam er, „der Russe“. Mittlerweile dürfte die ganze Palette, die das 19. und 20. Jahrhundert an Vergleichsmöglichkeiten zu bieten hat, durchgekaut sein. Stilecht kam es am vorläufigen Ende so, wie es immer kommt. Einer sprang aus der Tonne und schrie: „Hitler!“ Natürlich meinte Wolfgang Schäuble das nicht so, er meinte es anders: Das kennen wir alles aus der Geschichte. Mit solchen Methoden hat schon der Hitler das Sudetenland übernommen. Ich vergleiche das nicht. Ich bin doch nicht so blöd, dass ich Hitler mit irgendjemandem vergleiche. Das können andere machen, vielleicht, das wäre auch falsch, aber deutsche Politiker können das nicht machen. So clever war Herta Däubler-Gmelin seinerzeit nicht. Nach einem Vergleich jener Art musste sie ihren Posten räumen. Sie verglich den damaligen Präsidenten des militärisch-wirtschaftlichen US-Komplexes, George W. Bush, mit Hitler. Nicht jedoch den Genossen Wladimir Wladimirowitsch Putin, weswegen Schäuble sein Amt wohl wird behalten können. Damit zeigt Schäuble ungewollt und überdeutlich auf, was die einzige Konstante in dem Konflikt um die Krim und die Ukraine ist: das westliche Feindbild „Putin“. Es geht gar nicht gegen Russland als Solches. Das Land und die Bevölkerung ist im medialen Diskurs höchstens eine Randbemerkung wert, wenn „die Zustimmung für Putin“ steigt. Dieses Phänomen ist nicht erst seit dem Revolutionsversuch in der Ukraine zu beobachten. Seit Putin sich als amtierender Staatschef in der Silvesternacht 1999 nach Tschetschenien begeben hat um Jagdmesser an die russischen Soldaten zu verteilen, ist er hierzulande unten durch. Diese Abneigung gegen Putin geht so weit, dass die deutschen Medienvertreter in Jubelstürme ausbrachen, als Putin einen Verbrecher wie den ehemaligen Oligarchen Michail Chodorkowski aus dem Straflager entlassen hat. By Olaf Simons (Own work) [CC-BY-3.0], via Wikimedia Commons Es drängt sich der Eindruck auf, dass den deutschen Medien jeder Verbrecher recht und billig ist, wenn er nur gegen den bösen Putin agiert. Es ist auch nicht so, dass dem seitens der politischen Klasse widersprochen werden würde. Im Gegenteil, Kanzlerin Angela Merkel pflegt eine offene Abneigung gegen den Herrn aus Russland. Es ist schwierig sich vorzustellen, und das politische Handeln während der Krim-Krise bestätigt dies, dass ein rationales Handeln Deutschlands zu erwarten ist. Diese Irrationalität wird von unserem großen Bruder, dem militärisch-wirtschaftlichen US-Komplex, unterstützt. So goss John Kornblum in dieser Zeitung weiteres, vermutlich aus Fracking gewonnenes, Öl in das deutsche Meinungsfeuer: Die Ukraine war in vielerlei Hinsicht der europäische 11. September, der Illusionen in Europa so fundamental zerstörte wie der Anschlag auf das World Trade Center in Amerika. Man kann aus dieser Aussage herauslesen, dass Putin der neue Osama bin Laden ist. Der gefährlichste Terrorist der Welt, den es mit allen Mitteln zu töten gilt. Und Russland ist demgemäß Afghanistan. Ein Land, in dass der Westen, unter Führung der USA, einmarschierte um Terroristen zu bekämpfen. Es ist vollkommen egal, ob John Kornblum, der diese Deutung abstreiten würde, es wirklich so meinte oder nicht. Gleiches gilt für Schäubles nicht so gemeinten Hitler-Vergleich. Es geht vielmehr um die Bilder, die durch solche Aussagen transportiert werden. Diese Bilder werden, soweit muss man Diplomaten und Politikern misstrauen, nicht unabsichtlich erzeugt. Dass Bilder wie diese in den Diskurs hineinwirken, wollte wohl Klaus Kleber im Interview mit dem Siemens-Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser beweisen. Doch nicht nur das. Kleber, seines Zeichens Angestellter des staatlichen TV-Senders ZDF, dem das Bundesverfassungsgericht eine zu große Nähe zur Politik bescheinigte, untermauert mit seinem Interviewstil die Bedenken gegenüber dem Sender. Ein Vorwurf, den sich in den letzten Wochen nicht nur die öffentlich-rechtlichen TV-Sender- und Radiostationen gefallen lassen mussten, sondern auch die privatwirtschaftlich betriebenen Zeitungen des Landes. By Jack Weir (1928-2005) [Public domain], via Wikimedia Commons Und fürwahr, es gab in den letzten Jahren wohl nur wenige Diskurse, in denen die Meinung zwischen den Gatekeepern und den Bürgern soweit auseinanderging wie in Bezug auf die Ukraine. Während die Artikel klar gen bösen Putin weisen, erschöpfen sich viele Leserkommentare in genau dem Gegenteil. Nicht Putin ist der Böse, man äußert ein gewisses Verständnis und zweifelt an dem Treiben der eigenen Regierung. Umfragen deuten darauf hin, dass es sich hierbei keineswegs um Russen handelt, die im Auftrag von Putin die Kommentarspalten bevölkern. Die öffentliche Meinung, die Bürger dieses Landes, sind schlichtweg anderer Meinung und äußern sie. Die Reaktion auf diese andere Meinung der Bürger war im Politik-Bereich dieser Zeitung genau das, was man der Lesermeinung vorwarf. Verschwörungstheorie, geäußert von Julian Staib. Aber auch andere Zeitungen zogen nach, zum Beispiels Jens Bisky in der Süddeutschen. Das zeigt vor allem, dass man nicht bereit ist den Fehler bei sich selbst zu suchen. Und warum Worte wie „Systemmedien“ in Mode sind. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Bestsellerlisten Büchern führen, die davon handeln, dass Meinungen unterdrückt werden. Auch die rechtspopulistische Partei „Alternative für Deutschland“ schafft es, ihre Umfrageergebnisse allein dadurch zu steigern, dass sie behauptet alle anderen würden ihre Meinung unterdrücken. Die Auswüchse dieser Entwicklung sind sicher nicht immer positiv, aber dass es nicht mehr so einfach ist, dieses Volk auf Konfrontation einzustimmen, muss zunächst positiv bemerkt werden. Es ist durchaus eine Ansage mit Gefühl für die Realität, wenn die Bevölkerung sich wünscht, die EU möge neutral agieren und Deutschland insbesondere eine Vermittlerrolle einnehmen. Caspar David Friedrich, Das Eismeer [Public domain], via Wikimedia Commons Die Konsequenzen dieser Forderungen sind weitreichend. So müsste die Europäische Union, wollte sie dem gerecht werden, ihre Expansion nicht nur beschränken, sondern einstellen. Sie müsste ihre von Ausdehnung geprägte Politik hin zu einer integrativen wandeln, oder anders formuliert, sich um ihr Inneres kümmern. Nicht in Form einer bürokratischen Selbstbeschäftigung, sondern im Behandeln der großen Themen wie der innereuropäischen Demokratie, der Ausgestaltung der wirtschaftlichen und politischen Union (oder auch nicht) oder der Schaffung eines europäischen Sozialsystems. Themen, die dank der steten Expansion der Grenzen Europas immer weiter in die Zukunft geschoben werden. Im Bewusstsein der Bürger sind sie jedoch vorhanden und schwelen daher unter Oberfläche, wo sie nur Skepsis zu potenzieren vermögen. Ein nicht expansives Europa, das die Schaffung eines Gesamtkonstruktes in den Vordergrund stellt, könnte den Schmerz des Zusammenwachsens nicht mehr verdrängen. Dieses Anliegen der Bürger sollte nicht mit einer postheroischen Gesellschaft verwechselt werden. Der Kampf und seine Mittel haben sich in andere Sphären verschoben und damit auch die „Ultima Ratio des Krieges“ auf ein höheres Gewaltmaß gehoben. Umso wichtiger ist der Ruf nach Mitte und Maß, die von den politischen Akteuren eingefordert werden. Das bedeutet auch, ein maßvolleres Umgehen mit der potenziellen Gewalt. Vielleicht weiß John Kornblum darum, und nutzt deshalb die aufrührende Kriegsrhetorik vergangener Tage. Es ist jedenfalls nicht zu übersehen, dass die USA sehr viel dafür tun, damit die Stimmung in Europa konfrontativ gegenüber Russland bleibt. Es ist in ihrem Sinne, dass eine Emanzipation europäischer Politik nicht stattfindet. Ganz falsch ist das Bild von Kornblum natürlich nicht. Die Anschläge vom 11. September haben in den USA auch dazu geführt, dass die alteingesessenen Medien komplett auf die Linie der Regierung eingeschwenkt sind und diese bis weit über den Irak-Krieg hinaus beibehielten. Eine kritische Berichterstattung fand über Jahre hinweg nicht mehr statt. Es war der Beginn des großen Zeitungssterbens. Liebe Leserinnen, Liebe Leser, Sie können uns auf Twitter und App.net verfolgen. 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