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Umbau im Aufsichtsrat : Die Deutsche Bank kappt die Bande zur deutschen Wirtschaft

Auf Schlingerkurs: John Cryan und Paul Achleitner Bild: dpa

Die Deutsche Bank ersetzt deutsche Konzernchefs im Aufsichtsrat durch Investmentbanker von der Wall Street. Und das, obwohl Cryan predigt, die Bank solle sich wieder stärker auf Deutschland konzentrieren. Wie passt das zusammen?

          Die deutsche Industrie wird im neuen Aufsichtsrat der Deutschen Bank nicht mehr vertreten sein. Mit dem früheren Chef von SAP, Henning Kagermann, und dem früheren Vorstandsvorsitzenden von Eon, Johannes Teyssen, verlassen zur nächsten Hauptversammlung die zwei letzten deutschen Konzernlenker das Aufsichtsgremium von Deutschlands größter Bank. Ersetzt werden sie durch Investmentbanker von der Wall Street. In der am Mittwoch verschickten Einladung zur Hauptversammlung bestätigte die Bank die Namen, über welche die F.A.Z. schon vorab berichtet hatte: Als neue Mitglieder für den Aufsichtsrat schlägt dessen Vorsitzender Paul Achleitner darin den früheren Vorstandsvorsitzenden der Investmentbank Merrill Lynch John Thain vor sowie die langjährige Mitarbeiterin von Morgan Stanley Mayree Clark und die frühere IT-Chefin der UBS Michele Trogni.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Achleitner lobt seine eigenen Wahlvorschläge für die Aktionäre mit den Worten: „Sie ergänzen die vielfältige Expertise in unserem Aufsichtsrat hervorragend.“ Unter den Tisch fallen lässt er dabei aber, dass mit dem Abgang von Kagermann und Teyssen eine uralte Tradition des Hauses komplett beendet wird: Die deutsche Realwirtschaft hat im Aufsichtsrat ihres wichtigsten Kreditinstituts kein Wörtchen mehr mitzureden. War es über Jahrzehnte Usus, dass die deutschen Vorzeigekonzerne wie Siemens, BASF oder eben SAP ihre verdienten Manager in das Kontrollgremium der Bank entsandten, so kappt Achleitner nun die letzten Bande der einstigen Deutschland AG.

          Auf wessen Seite stehen die Investoren?

          Schon zur Hauptversammlung im vergangenen Jahr war der frühere Siemens-Chef Peter Löscher von dem IT-Sicherheitsexperten von Google, Gerhard Eschelbeck, abgelöst worden. Gleichzeitig ging auch der frühere Haniel-Vorstand Klaus-Rüdiger Trützschler von Bord und machte Platz für den Wiener Vermögensverwalter Alexander Schütz, der im Auftrag des chinesischen Ankerinvestors HNA Group in das Gremium einzog.

          Dieser Paradigmenwechsel kommt ausgerechnet zu einer Zeit, in welcher der Vorstandsvorsitzende John Cryan predigt, die Bank solle sich wieder stärker auf ihren Heimatmarkt besinnen. Unter dem deutschen Co-Chef der Investmentbank, Marcus Schenck, soll die Bank eigentlich auch wieder stärker als Finanzierer und Kapitalmarktberater der deutschen Großkonzerne wahrgenommen werden. Doch die nun offiziell bestätigten Kandidaten Achleitners für den Aufsichtsrat zeigen einmal mehr, dass er und Cryan offensichtlich in unterschiedliche Richtungen marschieren: Der Sanierer Cryan will die Bank bodenständiger machen, der ehemalige Deutschland-Chef von Goldman Sachs Achleitner will offenbar ihr Profil als Investmentbank wieder schärfen.

          Unklar ist, auf wessen Seite die großen Investoren der Bank stehen. Erstmals äußerten nun Großinvestoren deutliche Kritik am Schlingerkurs, für den der seit 2012 amtierende Aufsichtsratsvorsitzende mitverantwortlich ist. Das Vertrauen in Achleitner sei gestört, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen Großaktionär: „Er bringt zu viele Ausreden für strategische Fehlentscheidungen, die in seine Verantwortung fallen.“ Mit Blick auf die publik gewordene, bislang ergebnislose Suche nach einem Nachfolger für Cryan sagte ein anderer mächtiger Investor: „Achleitner kontrolliert den Prozess offensichtlich nicht.“ Wenn jemand die Bank verlassen solle, dann Achleitner.

          Rückenstärkung für Cryan

          Zugleich stellten sich erstmals Investoren öffentlich hinter Cryan: „Wir sind keine großen Fans von Cryan, aber er hat beim Aufräumen der Bank Fortschritte gemacht und sollte an Bord bleiben.“ Ein weiterer Investor sagte demnach: Der Brite mache das Richtige, es sei bedauerlich, wenn er gehen müsse. Wahr ist aber auch, dass Achleitner seine Kandidaten für den Aufsichtsrat kaum aufgestellt haben dürfte, ohne vorher das Okay bei seinen wichtigsten Investoren einzuholen. Demnach dürften die Großaktionäre aus China und Qatar sowie der Vermögensverwalter Blackrock und wohl auch der Finanzinvestor Cerberus auf der Hauptversammlung kaum gegen den Einzug der Investmentbanker stimmen.

          DT. BANK

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          Ein Analyst, dessen Wort am Finanzmarkt besonders viel zählt, hat am Mittwoch sein Kursziel für die Bank von 14 auf 12 Euro gesenkt. Nach dem weiteren Verlust an Marktanteilen im amerikanischen Investmentbanking müsse das Institut sein Geschäft dort für eine höhere Profitabilität weiter zurechtstutzen, schrieb Analyst Kian Abouhossein von JP Morgan. Am Mittwoch rutschte der Kurs der Bank abermals um 1,8 Prozent unter die Marke von 11 Euro ab. So wenig war die Bank zuletzt im Krisenherbst 2016 wert.

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