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Rainer Neske : Die Demontage eines Bankvorstands

Es war einmal: Rainer Neske im Juli 2014 als Aufsichtsratschef auf der Hauptversammlung „seiner“ Postbank. Bild: action press

In der Deutschen Bank hat der Privatkundenvorstand Rainer Neske einen harten und brutalen Machtkampf gegen Ko-Vorstandschef Anshu Jain verloren. Jetzt geht Neske. Der Konflikt köchelte schon lange.

          Selbst einen ordentlichen Abschied mit einer offiziellen Ankündigung durch die Deutsche Bank hat er nicht bekommen. Statt dessen wurde Rainer Neskes bevorstehender Ausstieg vorab an die Medien durchgestochen, zwei Tage, bevor der Aufsichtsrat die Personalie offiziell beschließen will. Das interne Klima in Deutschlands größter Bank muss grauenhaft schlecht sein. Rainer Neske, 50 Jahre alt und seit 2009 Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank, hat einen Machtkampf gegen den Ko-Vorstandsvorsitzenden Anshu Jain um die strategische Ausrichtung der Bank verloren. Dies alleine wäre vielleicht noch kein Grund gewesen, die Mitgliedschaft im Vorstand der Deutschen Bank aufzugeben. Immerhin handelt es sich nicht nur um eine gut bezahlte, sondern auch immer noch um eine sehr prestigeträchtige Position. Vieles spricht dafür, dass Neske geht, weil ihm die Art und Weise der Auseinandersetzung zu sehr missfallen hat.

          Irgendwann im zweiten Halbjahr 2014 muss der Führung der Deutschen Bank endgültig klar geworden sein, dass sie an ihrer Strategie arbeiten muss, wenn sie die Erwartungen der Aktionäre erfüllen will. Die Entwicklung des Aktienkurses war im Branchenvergleich einfach zu schlecht. Daher beauftragte der Aufsichtsratsvorsitzende der Bank, Paul Achleitner, den Vorstand, strategische Optionen zu entwickeln. Wer das Potential der Deutschen Bank kennt, weiß, dass sie nicht in ihren beiden größten Geschäftsbereichen, dem Investmentbanking und dem Privatkundengeschäft, zugleich eine führende Rolle spielen kann.

          Ein unaufgeregter Mann

          Damit war der Konflikt zwischen dem Investmentbanker Jain und dem Privatkundenvorstand Neske programmiert – ein Konflikt, der schon lange geköchelt hatte. Nicht nur kursierte Neskes Name als der eines Kandidaten für die Nachfolge Fitschens als Ko-Vorstandsvorsitzender. Neske, ein bodenständiger und unaufgeregter Mann, der die Solidität des traditionellen Privatkundengeschäfts zu schätzen weiß, hatte im Jahre 2013 auf einer Konferenz in Frankfurt eine Rede gehalten, die als indirekte Kritik am Investmentbanking verstanden wurde. Damals hatte Neske das schlechte Ansehen der Branche beklagt und gefordert: „Wir müssen raus aus unseren Türmen.“ Für viele Menschen innerhalb und außerhalb der Deutschen Bank war Neske der Vertreter jener heimatverwurzelten und soliden Bank, die im Zuge der seit 25 Jahren betriebenen Globalisierungsstrategie ins Hintertreffen zu geraten droht.

          Rainer Neske

          Man darf sich strategische Debatten in Unternehmen nicht als akademische Diskurse, nicht als rein sachlich motivierte Erörterungen vorstellen. Es geht nicht zuletzt um Macht und deshalb wird hart gekämpft. Und wenn in den vergangenen Jahren im Zusammenhang mit der Deutschen Bank auch meist über das schillernde Investmentbanking gesprochen wurde, war Neske kein Mann ohne Gewicht.

          Ziemlich früh im Prozess der Strategiefindung, als noch keinerlei Beschlüsse absehbar waren, tauchte in den Medien plötzlich ein Verkauf der Postbank als eine ernsthafte Option auf. Daraufhin begann der Aktienkurs zu steigen. Das war ein Punktsieg Jains gegen Neske, der sich die Postbank als festen Bestandteil einer Deutschen Bank vorstellen konnte, die auf dem Privatbankgeschäft ruht und die ihre Präsenz im Investmentbanking deutlich zurückfährt oder das Investmentbanking sogar völlig abtrennt. Den zweiten Punktsieg erzielte Jain, indem es ihm gelang, den Aufsichtsrat für seine und gegen Neskes Pläne zu mobilisieren.

          Das Investmentbanking wird in der Bank noch immer als potentiell größte Ertragsmaschine betrachtet

          Vorbehalte gegenüber einer starken Orientierung am Privatkundengeschäft besaßen nicht nur Vertreter der Kapitalseite. Auf Verständnis konnte Jain auch beim Aufsichtsratsvorsitzenden Paul Achleitner hoffen. Der Österreicher hatte sich in jungen Jahren als Deutschland-Chef der Investmentbank Goldman Sachs profiliert. Als Vorstand der Allianz machte Achleitner im Umgang mit der damals erworbenen Dresdner Bank, die ein starkes Privatkundengeschäft besaß, eine weitaus weniger glückliche Figur.

          Vorbehalte gegenüber einem starken Privatkundengeschäft der Deutschen Bank mit einer Vollintegration der Postbank gab es allerdings auch auf der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat. Denn das Privatkundengeschäft steht angesichts der digitalen Revolution vor einem starken Anpassungsdruck, der in den kommenden Jahren viele Filialschließungen und Arbeitsplatzverluste in der gesamten Branche zur Folge haben könnte. Immerhin: So unterschiedliche Häuser wie der Banco Santander und die ING zeigen, dass sich Privatkundengeschäft in Europa erfolgreich betreiben lässt. Und die Deutsche Bank besitzt nicht nur in ihrem Heimatland, sondern auch in Italien und Spanien zahlreiche Niederlassungen mit einer Kundschaft, auf der sich eine europäische Strategie hätte aufbauen lassen.

          Am Ende siegte Jain, weil das Investmentbanking trotz aller Skandale immer noch als die potentiell größte Ertragsmaschine im Konzern betrachtet wird und der Stern des zwar weniger risikobehafteten, aber auch weniger ertragsstarken Privatbankgeschäfts in den vergangenen Jahren gesunken ist. Die Trennung von der Postbank ist besiegelt. Dennoch: Seitdem die neue Strategie bekannt ist, stottert der Aktienkurs. Der Sieger Jain, der nun auf Kursgewinne früherer Monate als Zeichen des Vertrauens hinweist, steht unter dem Rechtfertigungsdruck der Öffentlichkeit und der Kapitalmärkte. Achleitner, der sich in jüngsten Interviews leicht von Fitschen und Jain distanziert hat, verliert nun seinen fachlich intern wie extern hochgelobten Privatkundenvorstand. Das Blau der Deutschen Bank wird matter. Am Donnerstag ist Hauptversammlung.

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