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Jorgo Chatzimarkakis : Der Fernsehgrieche

Der frühere FDP-Mann, der nun für Tsipras spricht: Jorgo Chatzimarkakis Bild: T.Wieck

Warum arbeitet ein Ex-FDP-Politiker für Alexis Tsipras? Jorgo Chatzimarkakis saß einst im Bundesvorstand der FDP, dann verlor er seinen Doktortitel. Nun soll er in Deutschland für Griechenland gut Wetter machen.

          Er war in der vergangenen Woche das Gesicht Griechenlands in Deutschland. In der Talkshow von Anne Will trat Jorgo Chatzimarkakis auf, im Morgenmagazin der ARD war er zu sehen und im Radio zu hören. Als Sonderbotschafter der griechischen Regierung „für eine europäische Wirtschaftsstrategie“ stellte er sich vor, und er warb um Verständnis für die Positionen der neuen Regierung um Premier Alexis Tsipras und Finanzminister Giannis Varoufakis, die ihre Europa-Tournee beendet hatten und auf den deutschen Fernsehschirmen nicht mehr so präsent waren wie ihr berühmt gewordener Botschafter.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Auftritte von Chatzimarkakis sind in doppelter Hinsicht bemerkenswert. Zum einen war der 48-Jährige aus Duisburg bis vor kurzem Mitglied der FDP, und zwar ein durchaus prominentes. Er saß seit 1995 im Bundesvorstand der Partei, er war seit 2002 ihr Generalsekretär im Saarland, er zog 2004 ins Europaparlament ein. Dann bremste eine Plagiatsaffäre seine Karriere - und der Umstand, dass er dem damaligen Parteivorsitzenden Guido Westerwelle einen „Igitt-Faktor“ bescheinigte. Anfang 2014 trat er aus der FDP aus, weil er mit deren Europa-Politik nicht einverstanden war.

          Zum anderen verdankte Chatzimarkakis seine Ernennung zum Botschafter der Vorgängerregierung aus konservativer Nea Dimokratia und sozialdemokratischer Pasok, Außenminister Evangelos Venizelos hatte ihn für das Amt vorgeschlagen. Wie konnte es dazu kommen, dass ein deutscher Ex-Liberaler und großkoalitionärer Griechenland-Botschafter auf einmal für eine linksradikale Regierung mit rechtspopulistischen Ministern spricht?

          Schon bei der FDP ist er mit ungewöhnlichen Positionen augefallen

          Chatzimarkakis selbst erklärt derlei politische Farbenlehren für zweitrangig. „Für mich ist entscheidend: Wie geht es dem Land besser?“, sagt er - am Telefon, denn gleich nach den deutschen Fernsehauftritten ist er nach Thessaloniki geflogen. „Dem Griechen auf der Straße ist es egal, ob seine Regierung konservativ oder linksradikal ist. Er will überleben.“ Und im Einklang mit der Programmatik der Freien Demokraten sieht er sein Engagement sowieso. „Rechtsstaat und Mittelstand“, darum gehe es jetzt in Griechenland. Es sei deshalb „eine einmalige historische Chance, dass die neue Regierung weitenteils oligarchiefrei ist“.

          Mit ungewöhnlichen Positionen war Chatzimarkakis schon in der FDP aufgefallen. Vor acht Jahren veröffentlichte er im „Stern“ ein Positionspapier, das für eine Fusion von FDP und Grünen warb, und im Saarland trieb er die 2010 gebildete Jamaika-Koalition voran. „Ich war durch meine Freundschaft mit Cem Özdemir einer der Faktoren, warum Jamaika geklappt hat“, sagt er. Seit seiner Bonner Studienzeit kennt er Westerwelle gut. Dem heutigen Parteichef Christian Lindner, der damals 15 Jahre alt war, begegnete er zum ersten Mal im Europawahlkampf 1994. Lindners freche Art, sagt Chatzimarkakis, habe ihn damals schon beeindruckt.

          Seine Verbindungen und persönlichen Kontakte sind dem früheren Europa-Abgeordneten wichtig, immer wieder kommt er im Gespräch darauf zurück. Wie eng seine Drähte zu Tsipras und seinen Ministern wirklich sind, bleibt dabei ein wenig unklar. „Es gibt keinen täglichen Kontakt mit der Regierung“, sagt er. „Die haben nun wirklich alle Hände voll zu tun.“ Immerhin: Der stellvertretende Ministerpräsident Giannis Dragasakis kommt aus demselben Dorf auf Kreta wie die Familie von Chatzimarkakis.

          Seine Versuche, in Griechenland selbst als Politiker Fuß zu fassen, hat er vorerst auf Eis gelegt. Bei der Europawahl im Mai 2014 war er als Vorsitzender einer neugegründeten Partei angetreten. Doch seine „Hellenischen Europabürger“ kamen nur auf 1,44 Prozent, der Einzug ins Parlament misslang. Von den griechischen Medien fühlte er sich schlecht behandelt. Auch deshalb will er seine Öffentlichkeitsarbeit jetzt auf Deutschland konzentrieren.

          Daneben umfasst der Botschafterposten aber auch die Suche nach Projekten, die Griechenland jenseits des Streits um die Reformprogramme wirtschaftlich voranbringen können. Als Modellprojekt hat er die Seniorenwirtschaft ausgeguckt. Wenn es schon mit einem europäischen Silicon Valley nicht klappt, will er das sonnenverwöhnte Land wenigstens „zum Florida Europas machen“ - zu einer Art gehobenem Altenheim für Rentner aus dem grauen Norden. Auch altenorientierter Tourismus gehört dazu. Er hofft, dass sein Vorhaben auf die Liste für EU-Investitionsprojekte kommt. Mit Werner Hoyer hat er darüber schon gesprochen, dem Präsidenten der Europäischen Investitionsbank und früheren FDP-Politiker. Auch dafür sind die Parteikontakte aus der früheren Karriere also noch gut.

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