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Abgasskandal : Offenbar 98.000 VW-Benziner manipuliert

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Dunkle Wolken über Volkswagen: Der Skandal weitet sich nun auch auf Benziner aus. Bild: dpa

Der VW-Skandal weitet sich aus. Auch bei zahlreichen Fahrzeugen mit Benzinmotor hat der Hersteller offensichtlich manipuliert. In Amerika beginnt der Konzern mit einer Rückrufaktion wegen defekter Bremsen.

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          Die falschen CO2-Angaben bei Volkswagen betreffen offenbar auch 98.000 Benzinfahrzeuge. Das sagte Verkehrsminister Alexander Dobrindt bei einer Aktuellen Stunde am Mittwoch im Bundestag. Zudem wurde jetzt bekannt, dass Volkswagen in den Vereinigten Staaten 91.800 Fahrzeuge wegen Problemen an der Nockenwelle in die Werkstätten zurückruft. Betroffen von dem freiwilligen Rückruf seien unter anderem Benziner vom Typ Jetta, Passat, Beetle und Golf der neuen Modelljahre 2015 und 2016, wie die amerikanische Tochter von VW mitteilte.

          Der Defekt an der Nockenwelle kann den Angaben zufolge zu einer Schwächung der Bremsen führen, was das Unfallrisiko erhöhe. Volkswagen machte allerdings deutlich, dass im Zusammenhang mit dem Problem keine Verletzungen bekannt seien. Das Unternehmen habe die amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA über die Rückrufaktion informiert. Nach Informationen des "Wall Street Journal" wies Volkswagen außerdem seine Händler in Amerika an, die Verkäufe bestimmter Fahrzeuge mit Benzinmotoren der Modelljahre 2015 und 2016 zu stoppen, bis eine Lösung des Problems gefunden worden sei.

          Mitarbeiter meldete sich offenbar bei Müller

          VW hatte am Dienstagabend mitgeteilt, bei Werten zum Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids gebe es „Unregelmäßigkeiten“. Damit könnte der tatsächliche Spritverbrauch von Hunderttausenden Autos höher liegen, als deren Besitzer annahmen. Weiter hieß es, die neuen Fälle beträfen hauptsächlich Dieselautos, aber auch eine „geringe Anzahl“ von Benzinern.

          Der „Wirtschaftswoche“ zufolge geht das Bekanntwerden neuer Mängel auf einen internen Whistleblower zurück. Ein VW-Mitarbeiter habe sich direkt bei Vorstandschef Matthias Müller gemeldet und ihm von möglichen Manipulationen bei CO2-Angaben berichtet, meldete die "Wirtschaftswoche" unter Berufung auf einen hochrangigen Konzerninsider. Er habe dem Konzernchef direkt nach dessen Plädoyer für eine neue Unternehmenskultur berichtet, dass bei Messungen auf dem Rollenprüfstand und bei der Auswertung der Messdaten aus dem europäischen NEFZ-Zyklus betrogen worden sei. Es ging offenbar darum, dass die Autos der Effizienzklasse A die Vorgaben des seit 2011 gültigen Öko-Labels erfüllen. VW habe nach dem Hinweis die Tests nachgefahren und höhere Emissionen festgestellt. VW bereite sich auf Fahrzeugrückkäufe vor, die bei falschen CO2-Angaben unausweichlich seien, schrieb das Magazin weiter. Der Konzern wolle eine neue Webseite für Kunden einrichten. Volkswagen äußerte sich nicht dazu.

          Audi stoppt Verkauf von Diesel-Autos in Amerika

          Audi stoppte zudem den Verkauf weiterer Dieselautos in den Vereinigten Staaten. Betroffen seien die mit dem von der amerikanischen Umweltbehörde angezweifelten Drei-Liter-TDI-Motor ausgerüsteten Modelle, sagte ein Audi-Sprecher am Mittwoch in Ingolstadt. Mit dem genannten Diesel-Motor seien Mittel- und Oberklassefahrzeuge der Reihen A8, A7, A6, Q7 und Q5 ausgerüstet. Der größte Teil dieser Modelle werde in Amerika aber mit Benzinmotoren ausgerüstet. Der Verkaufsstopp gelte nur für die Vereinigten Staaten. Es gehe um die Fahrzeuge der Jahrgänge 2014 bis 2016, die bei den Händlern stünden oder in der Produktion seien. Die Zahl der betroffenen Autos konnte der Sprecher zunächst nicht nennen.

          Nach neuen Vorwürfen : VW-Aktien rauschen abermals in die Tiefe

          Die Grünen verdächtigen Volkswagen außerdem der Steuerhinterziehung. "Es sieht danach aus, dass VW sich durch zu niedrig angegebene CO2-Werte der Steuerhinterziehung schuldig gemacht hat", sagte die Grünen-Steuerpolitikerin Lisa Paus am Mittwoch. "Die Finanzbehörden müssen nun gegen VW Ermittlungen einleiten." Dem Staat seien durch die falschen CO2-Abgaswerte und die daraus folgende unzutreffende Festsetzung der Kfz-Steuer womöglich Millionen-Einnahmen entgangen.

          Paus wies darauf hin, dass demjenigen, der gegenüber Finanzbehörden oder anderen Behörden "über steuerlich erhebliche Tatsachen unrichtige oder unvollständige Angaben macht", laut Gesetz eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren drohe. Verkehrsminister Alexander Dobrindt hatte zuvor gesagt, er spreche mit dem Finanzministerium über die steuerlichen Folgen der CO2-Falschangaben bei VW. "Wenn diese Fahrzeuge jetzt mehr CO2 ausstoßen, erfordert das eine Neuberechnung", sagte er mit Blick auf die Kfz-Steuer. "Von daher wird es ein Steuerthema werden". Eine Sprecherin des Finanzministeriums sagte, es sei zu früh, um Auswirkungen auf die KfZ-Steuer abzuschätzen.

          EU-Strafen wegen Falschangaben?

          Volkswagen könnte wegen CO2-Falschangaben außerdem EU-Strafen drohen. Bevor die EU-Kommission über mögliche Geldbußen entscheide, müssten aber erst die Fakten geklärt werden, sagte eine Sprecherin der Brüsseler Behörde am Mittwoch. „Wir müssen unverzüglich klären, welche Art von CO2-Unregelmäßigkeiten gefunden wurde, was sie ausgelöst hat, welche Autos betroffen sind, wo sie zugelassen wurden und welche Maßnahmen die (VW-)Gruppe ergreifen wird, um die Situation in Ordnung zu bringen", sagte die Sprecherin. 

          Seit 2012 gibt es für die Autohersteller CO2-Grenzwerte, die sie im Durchschnitt in ihrer gesamten Flotte einhalten müssen. Jedes Jahr werden die Regeln dabei etwas schärfer. Erst im laufenden Jahr werden dabei aber auch alle neu auf den europäischen Markt gebrachten Neu-Pkw einbezogen - bis dahin konnten die Hersteller einen Teil ihrer Fahrzeuge ausklammern. Für jeden Autobauer gelten andere Zielwerte. Wenn diese nicht erfüllt werden, können Strafzahlungen fällig werden. Zur aktuellen Entwicklung bei VW erhoffte die EU-Kommission sich mehr Informationen von einem Treffen mit Vertretern nationaler Genehmigungsbehörden am Donnerstagnachmittag.

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