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Frankfurt : Für den Finanzplatz wird 2012 ein Schicksalsjahr

  • -Aktualisiert am

Neue Kapitalregeln und anspruchsvolle Vorhaben werden den Finanzplatz 2012 in Atem halten. Bild: Kaufhold, Marcus

Führungswechsel in der Deutschen Bank, Kapitalnot der Commerzbank, Fusion der Börse - Frankfurts wichtigster Wirtschaftszweig steht vor großen Veränderungen.

          Wenn dereinst eine Chronik über den Finanzplatz Frankfurt verfasst wird, dürften dem Jahr 2012 besonders viele Seiten eingeräumt werden. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass das nächste Jahr für alle großen Häuser des wichtigsten Wirtschaftszweigs der Stadt eine Zäsur bedeutet: In der Deutschen Bank endet die Ära Ackermann, die Deutsche Börse steht womöglich vor der Fusion mit New York, und die Commerzbank muss eine riesige Kapitallücke stopfen. Und nicht nur die drei Frankfurter Dax-Konzerne, auch die Helaba und kleinere Kreditinstitute stehen vor großen Veränderungen. Wie gut die jeweiligen Vorstände die Herausforderungen der nächsten Monate meistern, davon hängt auch die weitere Entwicklung des Finanzplatzes Frankfurt ab.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In der Deutschen Börse schlägt im Februar die Stunde der Wahrheit. Gut ein Jahr nach der Verkündung des Vorstandsvorsitzenden Reto Francioni, den Konzern mit der New Yorker Börse fusionieren zu wollen, wird die Europäische Kommission entscheiden, ob sie dem Vorhaben zustimmt. Im Moment sieht es nicht danach aus. Auch nach mehrmaligem Nachbessern durch die Fusionspartner sehen die Wettbewerbshüter in Brüssel noch die Gefahr, dass der neue Konzern eine zu starke Stellung im europäischen Derivatemarkt einnähme.

          Für die Commerzbank wird 2012 ganz im Zeichen der Suche nach Geldquellen stehen

          Wenn die Börsenhochzeit für Frankfurt einen Vorteil bringen soll, kommt es aber gerade auf diesen Handel mit Termingeschäften an, über die sich Unternehmen gegen Preisschwankungen absichern können. Denn während der Aktienhandel künftig von der Wall Street aus gesteuert werden und der Vorstandsvorsitzende des neuen Konzerns in Manhattan sitzen soll, soll die Frankfurter Deutsche-Börse-Tochter Eurex Kern des Derivatehandels sein, der den Bärenanteil zum Umsatz beisteuert. Sollte die Kommission den Verkauf dieses Segments verlangen, scheitert die Fusion. Kommt der Zusammenschluss doch noch zustande, bleibt abzuwarten, welche Rolle der Standort Frankfurt in dem Weltkonzern spielen wird.

          Für die Commerzbank wird 2012 ganz im Zeichen der Suche nach Geldquellen stehen. 5,3 Milliarden Euro muss die zweitgrößte deutsche Bank bis Mitte des Jahres aufbringen, um den Anforderungen der Europäischen Bankenaufsicht zu genügen. Eine Herkulesaufgabe für ein Institut, das an der Börse inzwischen selbst nicht viel mehr wert ist. Vorstandsvorsitzender Martin Blessing will auf keinen Fall noch einmal den Steuerzahler um Hilfe bitten. Gut möglich aber, dass die öffentliche Hand ihm indirekt beisteht, indem der gerade wieder aktivierte staatliche Rettungsfonds Soffin Teile der Eschborner Sorgentochter Eurohypo übernimmt.

          In der größten deutschen Bank steht der Führungswechsel im Mai an

          Der Traum, durch den Zusammenschluss von Dresdner Bank und Commerzbank ein zweites Frankfurter Institut von Weltrang neben der Deutschen Bank zu schaffen, ist jedenfalls geplatzt. Mancher fragt sich schon, ob das Haus am Kaiserplatz das Jahr 2012 überhaupt übersteht. Um das nötige Kapital zusammenzukratzen, hat Blessing der Bank abermals eine Schrumpfkur verordnet. Im Ausland soll vorerst kaum noch Geschäft gemacht werden, Tochtergesellschaften werden verkauft. Erschwerend kommt hinzu, dass Ende März Finanzvorstand Eric Strutz von Bord geht. An seine Stelle rückt Mercedes-Manager Stephan Engel, der keine Großbank-Erfahrung hat.

          In der größten deutschen Bank steht der Führungswechsel im Mai an. Nach zehn Jahren an der Spitze wird Josef Ackermann die Deutsche Bank verlassen, Jürgen Fitschen und Anshu Jain sollen seine Nachfolger werden. Vor allem die Berufung des langjährigen Chefs des Investmentbankings könnte in Frankfurts wichtigster Bank eine Kräfteverschiebung nach London einläuten. Dort hat Jain die vergangenen 16 Jahre verbracht, in der Londoner City arbeiten seine Vertrauten. Auch wenn es schon Gerüchte gibt, der Inder lege sich einen festen Wohnsitz im Rhein-Main-Gebiet zu und lerne Deutsch, ist fraglich, wie wichtig ihm der Standort Frankfurt ist.

          Eine größere Rolle in der Finanzwelt könnte künftig die Helaba spielen

          Nach einigem Hin und Her um den Aufsichtsratsvorsitz wird von Mai an auch das Kontrollgremium kein Frankfurter mehr leiten. Auf Clemens Börsig folgt dann nicht wie zwischenzeitlich geplant Ackermann, sondern der Allianz-Vorstand Paul Achleitner aus München.

          Leicht wird der Einstand des neuen Führungstrios nicht. Denn auch die Deutsche Bank hat Kapitalbedarf. Zugleich gilt es, die in Bonn sitzende Postbank sinnvoll zu integrieren und den inzwischen zwei Jahre dauernden Verkaufsprozess der BHF-Bank erfolgreich abzuschließen. Was aus dem Frankfurter Traditionshaus mit 1600 Mitarbeitern wird, wenn der belgische Finanzinvestor RHJ International wie geplant den Zuschlag und das Placet der Aufsichtsbehörden bekommt, ist eine weitere offene Frage.

          Eine größere Rolle in der Finanzwelt könnte künftig die Helaba spielen. Sie ist besser als alle anderen Landesbanken durch die Finanzkrisen gekommen und dürfte 2012 zumindest das Sparkassengeschäft der gescheiterten WestLB übernehmen. Doch in den öffentlich-rechtlichen Zentralinstituten werden noch unzählige andere Varianten für eine Neuaufstellung durchgespielt - Ergebnis offen. So wird 2012 in vielerlei Hinsicht ein spannendes Jahr für den Finanzplatz.

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