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Oktoberfest-Attentat : Das Rätsel der verschwundenen Hand

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Die Spurensicherung am Tatort des Anschlags auf das Oktoberfest 1980. Bild: dpa

Das Attentat auf das Oktoberfest 1980 war der schwerste rechtsterroristische Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Nun gibt es neue Hinweise, die das bisherige Ermittlungsergebnis vom Einzeltäter in Zweifel ziehen.

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          „Etwa 25 Meter nordwestlich des Explosionszentrums, auf der Verkehrsinsel der Brausebades, wurden bei der Tatortbefundaufnahme die Reste einer menschlichen Hand gefunden“, stellte die Sonderkommission fest, die den verheerendsten rechtsterroristischen Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik untersuchte. Dreizehn Menschen starben am 26. September 1980, als auf dem Münchner Oktoberfest kurz vor der Schließung der Festzelte in einem Abfallkorb ein Sprengkörper explodierte. 211 Menschen wurden verletzt, 68 von ihnen schwer.

          Unter den Toten war Gundolf Köhler, ein 21 Jahre alter Geologiestudent aus Donaueschingen, der vor dem Attentat wegen Kontakten zur Wehrsportgruppe des Rechtsextremisten Karl-Heinz Hoffmann aufgefallen war. Die Ermittlungen endeten in dem Fazit, Köhler habe als Einzeltäter gehandelt. Ihm wurde auf Grund von Fingerabdrücken an seinen Studienunterlagen auch die Hand zugeordnet.

          Der Journalist Ulrich Chaussy setzte hinter diese Feststellung in seinem Buch zu dem Attentat, das im vergangenen Jahr erschien, ein großes Fragezeichen. Chaussy, der für den Bayerischen Rundfunk arbeitet, recherchiert seit Jahrzehnten in dem Fall. Er ist der journalistische Kronzeuge für die Neuaufnahme der Ermittlungen, die Generalbundesanwalt Hartmut Range im Dezember anordnete.

          Schon in seinem Buch listete Chaussy viele Zweifel auf, ob es wirklich Köhlers Hand war – oder ob sie zu einem weiteren Täter gehörte. In einer aktuellen Fernsehdokumentationkommt nun eine Zeugin zu Wort, die einen entscheidenden Beitrag zur Aufklärung leisten könnte. Sie arbeitete Ende September 1980  als Krankenschwester in eine Klinik in Hannover, wo ein junger Mann behandelt wurde, dem der rechte Unterarm abgerissen war. Die Hand fehlte.

          Der bayerische Innenminister Gerold Tandler zeigt auf einer Pressekonferenz ein Fahndungsplakat.

          Er habe zunächst auf Fragen, was ihm widerfahren sei, nicht geantwortet, berichtet die Zeugin. Später habe er gesagt, er habe „ein bisschen mit Sprengstoff gespielt.“ Bestens gelaunt sei der Patient trotz seiner schweren Verletzung gewesen, regelmäßig habe er Besuch von mehreren Männern erhalten. Nachforschungen, um wen es sich gehandelt habe, seien erfolglos gewesen. Eines Tages sei er einfach verschwunden, ohne eine ordentliche Entlassung aus der Klinik. Ist er ein Mitttäter Köhlers gewesen? Waren beide Teil eines rechtsterroristischen Gruppe?

          Alle Asservate wurden zwischenzeitlich vernichtet

          Schon im vergangenen Jahr wurde eine weitere Zeugenaussage bekannt, welche die Annahme, Köhler sei ein Einzelttäter gewesen, erschüttern könnte. Eine Frau gab an, sie habe einen Tag nach dem Attentat Flugblätter mit einem Nachruf auf Köhler gesehen – zu einer Zeit, zu der dessen Namen in der Öffentlichkeit noch gar nicht bekannt gewesen sei.

          Chaussy zeichnet die Geschichte des Fundes der Hand akribisch nach. Der Fundort war außerhalb des Bereiches, den die Spurensicherer der Polizei um das Detonationszentrum der Bombe zogen und untersuchten. Später wurde die Hand in das Landeskriminalamt gebracht. Dort gelang es, an der verschmauchten, aber wenig verbrannten Hand, Fingerabdrücke zu sichern. Sie wurde dann in ein gerichtsmedizinisches Institut gebracht, um eine serologische Zuordnung zu der Leiche mit der Bergungsnummer 641 zu versuchen – das war die Leiche Köhlers.

          Von da an verliere sich die Spur der Hand in den Ermittlungsakten, schreibt Chaussy. In den Hauptakten finde sich kein serologisches Gutachten. Es werde lediglich im Schlussvermerk der Sonderkommission festgehalten: „Eine serologische Zuordnung zur Leiche des Gundolf Köhler war nicht möglich.“ 2009 teilte die Bundesanwaltschaft Chaussy mit, die vorhandenen Asservate seien zwischenzeitlich vernichtet worden; ein „Handfragment“ sei nicht darunter gewesen.

          Wem gehörte die Hand? Wo ist sie geblieben? Nach Chaussys Recherchen erlitt keiner der 211 Verletzten, die nach dem Attentat behandelt wurden, eine so schwere Handverletzung. Der Abgleich der Fingerabdrücke, die an der Hand gesichert wurden, ergab nur ein einziges Mal eine Spur zu Köhler – sie fanden sich auf einem Blatt in einem Aktenordner Köhlers mit Studienunterlagen. Weder in dem Auto, mit dem Köhler am Tattag von Donaueschingen nach München gefahren war, noch in einem Werkzeugkasten im Kofferraum seien Fingerabdrücke, die mit der Hand übereinstimmten, gefunden worden.

          Ob die Bundesanwaltschaft das Rätsel der Hand nach der Wiederaufnahme des Falles lösen kann, ist nicht nur eine kriminalistische Frage. Es geht um nichts weniger als den Vorwurf, die staatlichen Instanzen seien lange Zeit zu nachlässig mit rechtsterroristischen Gefahren umgegangen – und es gebe eine unheimliche Kontinuität des Staatsversagens vom Oktoberfestattentat bis zu den Morden des „Nationalsozialistischen Untergrunds“.

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