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Organspende : Spahns Widersprüche

Jens Spahn (links), Bundesminister für Gesundheit und Karl Lauterbach, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion am Montag in Berlin. Bild: dpa

Wenn Parlamentarier aller Fraktionen unter Führung des Gesundheitsministers jeden Bürger zu einem potentiellen Organspender erklären, befremdet das nicht nur. Es ergibt auch keinen Sinn.

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          Es ist Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nicht hoch genug anzurechnen, dass er sich wie keiner seiner Vorgänger des Leides der Menschen annimmt, deren einzige Chance auf die Rettung ihres Lebens oder auch nur auf Heilung oder Linderung von Krankheit oder Schmerz in dem Empfang eines gespendeten Organs liegt. Während Ministerkollegen vergleichbare Absichtserklärungen aus dem Koalitionsvertrag von Union und SPD dilatorisch behandeln, hat der CDU-Politiker den Gesetzgeber in wenigen Monaten mit Vorschlägen überzeugt, wie die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen in den Entnahmekrankenhäusern so verbessert werden können, dass die Zahl der Organspender vermutlich erheblich zunehmen wird.

          Denn schon bisher war es nicht so, dass etwa 10.000 Patienten auf eine Transplantation warten (und viele während der Wartezeit sterben), weil es in Deutschland an der Bereitschaft der Bürger zur Organspende mangelte. Rund ein Drittel der Bürger trägt längst einen entsprechenden Ausweis mit sich, wohl wissend, dass Personen nicht erst als Herztote zum Spender werden, sondern schon als potentiell Hirntote – was intensivmedizinische Maßnahmen erfordert, die nicht selten durch Patientenverfügungen ausgeschlossen werden.

          Schon dieses Paradox zeigt, dass die Fragen sich nicht leicht beantworten lassen, die sich aus der Kollision ergeben zwischen der Patientenautonomie und dem Verfügungsrecht über den eigenen Körper einerseits und dem Wunsch, im eigenen Tod anderen Menschen Leben zu schenken. Umso mehr müssen die Bürger darauf vertrauen, dass die Abwägung zwischen ethischen und medizinischen Aspekten in jenem äußeren und inneren Rahmen stattfinden kann, der von der Verfassung geschützt wird.

          Es muss daher befremden, wenn sich Parlamentarier aller Fraktionen unter Führung Spahns und des SPD-Gesundheitspolitikers Lauterbach daranmachen, jeden Bürger zu einem potentiellen Organspender zu erklären. Hier wird nicht nur eine Tugend in eine Rechtspflicht umgedeutet. Es dürfte auch kaum mit der Verfassung vereinbar sein, wenn erst der aktive Widerspruch vor einem fremdnützigen Eingriff in die eigene körperliche Unversehrtheit schützt. Auch deswegen spricht alles dafür, erst einmal abzuwarten und auf die Wirkung des neuen Transplantationsgesetzes zu hoffen, das seit Montag in Kraft ist.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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