Potsdam : Sie stürmen Hauspartys und schlagen Gleichaltrige zusammen

In Potsdam versetzen gewalttätige Jugendliche Bürger in Angst. Die Polizei will durchgreifen. Was steckt dahinter?
Eine Redensart besagt, dass Berlin dort am schönsten sei, wo es Potsdam heiße. So reden allerdings gerade wenige Potsdamer. Viele Bürger haben den Eindruck, Berlins schlimmste Seiten hielten nun auch bei ihnen Einzug: gewalttätige Gruppen, brutale Jugendliche, No-go-Areas. Seit dem Sommer gab es in der brandenburgischen Landeshauptstadt mehrere Angriffe von Jugendgruppen auf Gleichaltrige. Besonders groß war das Entsetzen, weil die Gruppen offenbar planvoll vorgehen und ins Privateste ihrer Opfer vordringen: ihr Zuhause.
Vor wenigen Tagen meldete sich sogar der Innenminister des Landes zu Wort. „Der Staat handelt“, überschrieb er das Video auf Instagram, in dem er erste Ermittlungserfolge vorstellte. 25 Tatverdächtige wurden in Potsdam identifiziert, sechs von ihnen sitzen in Untersuchungshaft. Der Minister, Jan Redmann von der CDU, appellierte an weitere Zeugen, sich zu melden. Er wisse, es gebe Leute da draußen, die etwas beitragen könnten, „sich aber nicht trauen“, weil sie Drohungen oder Schlimmeres befürchteten. „Lassen Sie sich davon nicht einschüchtern“, forderte Redmann. Was ist da los?
Die Jugendlichen fordern Autoritäten heraus
Die Antwort hat zwei Teile. Einerseits geschieht etwas, das auch in anderen Teilen Deutschlands und der Welt geschieht: Jugendliche, oft mit Migrationshintergrund, stellen die Machtfrage, fordern Autoritäten – auch gewalttätig – heraus und lassen ihre Mitbürger spüren, dass sie sich für die Stärkeren halten. In Extremform war das unlängst in Frankreich und Italien zu sehen; für das kommende Wochenende befürchten deutsche Sicherheitsbehörden Randale bei den Aktionen der Protestbewegung „Generation Z“, die von gewaltbereiten Akteuren gekapert werden könnte. Andererseits gibt es in Potsdam, wie an allen anderen Orten, an denen so etwas geschieht, auch spezifische Gründe.
Zu diesen zählt allerdings nicht, wie man denken könnte, dass die Gruppen aus Berlin in die Nachbarstadt kommen würden. Die Jugendlichen sollen in Potsdam selbst leben und teils auch zur Schule gehen. Von dort kennen sie auch manche ihrer Opfer. Dem Innenminister zufolge haben alle Tatverdächtigen einen Migrationshintergrund, viele einen syrischen, manche einen tschetschenischen. Nur wenige hätten die deutsche Staatsbürgerschaft.
Sie schlugen seinen Kopf gegen ein Auto
Die Taten haben nichts mit üblichen Auseinandersetzungen unter Schülern zu tun. Am Berliner Wannsee, nahe der Potsdamer Stadtgrenze, griff vor einigen Wochen eine Gruppe von etwa 15 Leuten drei Jugendliche an, der Kopf des einen wurde gegen ein Auto geschlagen, hieß es von der Polizei, die folgerichtig von „erheblicher Gewalt“ sprach. Ein anderes Mal attackierten in Potsdam rund zehn Personen drei Jugendliche, schlugen und traten einen von ihnen zu Boden.

Dazu kommt aber noch eine andere Form von Übergriffen: das Aufmischen von Hauspartys. So tauchten an einem Wochenende Anfang Oktober rund 30 Personen vor einem Potsdamer Wohnhaus auf, in dem eine private Party stattfand. Von dieser hatten sie der Polizei zufolge über Messengerdienste erfahren. Ähnliche Fälle hatte es zuvor schon gegeben. Der „Tagesspiegel“ berichtete unter Berufung auf Betroffene, die Täter könnten sich auch Dienste wie Snapchat zunutze machen. Etwa indem sie Jugendliche bedrohten oder erpressten, sich dort mit ihnen zu vernetzen. Auf Snapchat wird der Aufenthaltsort automatisiert und in Echtzeit geteilt. Häuften sich dann Kontakte an einem Ort, könne man davon ausgehen, dass dort eine Party sei.
Hobby: Hauspartys kapern
Solche Hauspartys, unter Jugendlichen „Hausis“ genannt, zu kapern und dort Gegenstände zu stehlen, ist kein Potsdamer Phänomen. Auf Tiktok finden sich zahlreiche Videos zum Thema, etwa unter der Überschrift „POV: Wie ich auf der Hausi auftauche nur um zu klauen“. Manche Videos behandeln das Thema humorvoll, andere Jugendliche reden Gleichaltrigen ins Gewissen: „Ihr kommt alle, zu viert, zu fünft, anstatt was Cooles miteinander zu machen – nein: Lasst mal Hausparty stürmen, lasst mal alles abziehen und dann lachen. Haha, ich hab’n Deo, ich hab ’ne Tagescreme abgezogen. – Bro, halt dein Maul“, schimpft ein Jugendlicher, selbst mit Migrationshintergrund, in einem Video.
Der Vorsitzende des Sicherheitsausschusses der Stadt, Maximilian Adams (CDU), zeigt sich alarmiert. „Eltern berichten mir, dass sie sich nicht mehr trauen, ihre Kinder vor die Tür zu lassen, sobald es dunkel wird“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. „Dass die Täter ihre Opfer zu Hause heimsuchen, ist eine neue Qualität. Der privateste Schutzraum wird angegriffen.“ Er kritisiert, dass immer noch von einzelnen Fällen gesprochen werde statt von einem größeren Problem. „Das Ausmaß der Gewalt ist so, dass man es nicht kleinreden kann. Und was wir darüber wissen, ist nur die Spitze des Eisbergs.“
CDU-Politiker Adams lobt Polizeiarbeit
Zugleich lobt Adams, dass das Innenministerium und die Polizei die Sache sehr ernst nähmen. Die Potsdamer Polizei hat unlängst eine Sonderermittlungsgruppe mit Namen „Juventus“ eingerichtet. Ihrer Arbeit sind die jüngsten Festnahmen zu verdanken. Adams wünscht sich, dass die Ermittler hartnäckig bleiben bei der Frage, wie die Jugendlichen sich vernetzen. Bisher gehe die Polizei von „losen Banden“ aus. „Aber es ist wichtig, nicht auszuschließen, dass es dahinter ein Netzwerk gibt, Strukturen. Das, was man weiß, lässt auf gewisse Hierarchien schließen.“
Doch warum kommt es neuerdings zu so drastischen Fällen, nachdem Potsdam über viele Jahre als Idyll galt, mit Schlössern, Gärten, Wasser, Kunst? Womöglich hängt beides zusammen: Weil zu lange zu wenig getan wurde, ist jetzt sehr viel zu tun. Adams spricht von „lange verschleppten Missständen“, die sich jetzt gewaltsam Bahn brächen. Das sei eine Parallele zwischen den Ereignissen in Potsdam und jüngst in Frankreich.
Jugendclub schloss nach Gewaltvorfällen
In Potsdam etwa schloss im Sommer 2025 ein wichtiger Jugendclub, der „Club 18“. Grund dafür waren auch Gewaltvorfälle, die die Sozialarbeiter an ihre Grenzen brachten. Seitdem hat der Club nicht wieder geöffnet. Er liegt in einem der einwohnerstärksten Viertel der Stadt, viele Hochhäuser, viele Jugendliche. Zwar steuern einige der Jugendlichen, die früher dorthin gingen, nach Informationen der F.A.Z. jetzt einen anderen Jugendclub in der Stadt an; aber die Leerstelle bleibt. Auch an Schulen fehlt es nach Ansicht von Fachleuten an ausreichender Sozialarbeit. Die Leiterin des Projekts „Schulsozialarbeit an weiterführenden Schulen“ in Potsdam, Kathrin Finke-Jetschmanegg, sagte dem Rundfunk Berlin-Brandenburg kürzlich, die vorhandenen Rechtsgrundlagen müssten konsequenter umgesetzt werden; außerdem brauche es mehr Zusammenarbeit zwischen Polizei, Ordnungsamt, Staatsanwaltschaft und Opferhilfe.
Der Potsdamer Sicherheitsausschuss hat eine Beschlussvorlage erarbeitet, die Tempo in die Sache bringen soll. Das Thema jugendlicher Gruppengewalt soll zu einem prioritären Querschnittsthema der Stadtverwaltung werden, heißt es in dem Papier, das der F.A.Z. vorliegt. „Migrations- und kulturspezifische Aspekte“ sollen, sofern für die Taten von Bedeutung, „offen benannt“ und bei Prävention und Strafverfolgung „gezielt berücksichtigt“ werden. Neben Streetwork und Integrationsangeboten sollen bei Jugendlichen ohne deutschen Pass auch „aufenthaltsrechtliche Maßnahmen“ geprüft werden. Die Stadtverordnetenversammlung will Anfang November über das Papier entscheiden.





