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Logbuch „Alan Kurdi“ (8) : „Hauptsache, wir sind in Sicherheit“

  • -Aktualisiert am

Ein Geflüchteter verlässt vor der Küste Libyens ein Schlauchboot: Die Crew der Rettungsorganisation Sea Eye hat ihn und die anderen Geflüchteten an Bord genommen. Bild: dpa/Fabian Heinz

Die „Alan Kurdi“ wartet vor Lampedusa auf eine Entscheidung, wo und wann sie einlaufen kann, bevor sie den Plan ändert und Richtung Malta abdreht. Währenddessen erzählt einer der Somalier an Bord seine Fluchtgeschichte.

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          Dicht an dicht haben die 65 Menschen, die die „Alan Kurdi“ am Freitag von einem überfüllten Schlauchboot an Bord genommen hat, auf dem Hauptdeck geschlafen. Nach dem Frühstück, es gab Milchreis mit Rosinen, Ananas und Datteln, wirken sie schon wesentlich fitter als am Vortag. Manche sitzen in kleinen Gruppen zusammen und reden, viele blicken auf das Meer, das an diesem Vormittag erstaunlich ruhig ist und an dessen Oberfläche sich einmal sogar Delfine zeigen.

          Julia Anton
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Ein junger Mann aus Somalia spricht etwas englisch. 25 Jahre alt sei er und vor vier Jahren in Mogadischu aufgebrochen. Dort lebe man in ständiger Angst, es fielen Bomben, Arbeit gebe es nicht. Zunächst sei er einige Zeit in Ägypten gewesen, von dort aber nicht weiter nach Europa gekommen. Deswegen sei er nach Libyen weitergezogen, wo er zwei Jahre lang in einem der Camps war, und schließlich auf dem Boot, das die „Alan Kurdi“ am Freitagmorgen entdeckt hat.

          Die Überfahrt, habe man ihnen gesagt, würde 24 Stunden dauern. Das könnte erklären, warum nur so wenig Proviant an Bord war. Tatsächlich sind die mehr als 150 Meilen für ein Schlauchboot wenn überhaupt nur in mehreren Tagen zu schaffen. Während der Fahrt sei immer wieder Wasser in das Boot gelaufen, erzählt der junge Somalier weiter. Sie hätten es mit einem Handtuch immer wieder aufgewischt.

          Vor der Abfahrt habe er noch mit seiner Familie telefoniert, „damit sie für ihn betet“. Sie weiß noch nicht, dass es ihm gut geht. Seine sieben Schwestern leben noch in Mogadischu, ebenso ein Bruder, ein zweiter sei in Amerika.

          Von der „Alan Kurdi“ habe er vorher nicht gehört, dafür aber von der „Sea-Watch“. Die sei zuletzt in den Nachrichten gewesen. Dass jemand sie findet, damit hätte aber er nicht gerechnet, sagt er. Einen Tag Überfahrt, das klingt auch irgendwie machbar.

          Während des Gesprächs nähert sich ein Fischerboot dem Schiff. Es wird etwas stiller an Bord, die Blicke gehen in seine Richtung. Schließlich fragt ein anderer junger Mann nervös: „Ist das die libysche Küstenwache?“ Wir verneinen, jemand übersetzt. Einigen ist Erleichterung anzumerken.

          Der junge Mann hält sich plötzlich die Ohren zu. Er wolle nicht an Libyen denken, sagt er, aber die Geschehnisse dort ließen ihn nicht los. Er und die anderen Bewohner seien dort geschlagen worden, sollten mehrere Tausend Dollar an die Wächter im Camp bezahlen. „Wir haben dann unsere Familien angerufen, und die haben das Geld für uns gesammelt und geschickt.“ Danach habe man eine Weile seine Ruhe gehabt, dann sei es von Neuem losgegangen. Die Menschen in Libyen seien keine guten Menschen. Umso besser ist sein Bild von den Europäern.

          Dort hofft er, eine Ausbildung machen zu können und Arbeit zu finden. Als was, da ist er noch offen, am liebsten aber in Deutschland. Wir sprechen ein bisschen darüber, wie es ihm an Bord gefällt, und als wir fragen, wie das Essen bisher schmeckt, sagt er: „Das Essen ist nicht so wichtig, Hauptsache, wir sind in Sicherheit.“

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