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Dokumentarfilm : Eine Frau muss er alleine finden

  • -Aktualisiert am

Diskutieren gerne über die Weltpolitik: Paul Nkamani und Jakob Preuss im Garten von Preuss’ Eltern. Bild: Matthias Lüdecke

Paul Nkamani hat sich von Kamerun nach Berlin durchgeschlagen. Filmemacher Jakob Preuss hat ihn zwei Jahre lang begleitet. Jetzt wohnt Nkamani in Preuss’ ehemaligem Kinderzimmer. Die beiden respektieren sich. Aber Freunde sind sie nicht.

          Stellen Sie sich vor, Sie wären so arm, dass Sie nicht einmal einen Euro hätten, obwohl Sie ihn dringend brauchten. Es geht zwar nicht um Ihre Existenz, trotzdem wäre dieser eine Euro Ihnen enorm wichtig.

          Also hoffen Sie, dass Ihnen jemand hilft. Aber niemand ist dazu bereit, und der Euro, den Sie brauchen, bleibt ein Euro, den Sie nicht haben. Zum Verzweifeln, oder?

          Genau das zeigt ein Dokumentarfilm, der kommende Woche in die Kinos kommt. In einer Szene von „Als Paul über das Meer kam“ steht Paul Nkamani am Bahnhof Eisenhüttenstadt. Nach der Flucht durch die Wüste, übers Meer und durch halb Europa ist der Bus 454 ins Asylheim die letzte Etappe. Aber Mitfahren kostet einen Euro, und Nkamani ist pleite. Der Busfahrer hilft nicht, die anderen Fahrgäste ebenso wenig, und nicht mal Jakob Preuss, der Regisseur, der Nkamani mit der Kamera von Marokko bis hierher begleitet hat. Der Fahrer schließt die Tür, der Bus fährt ab, und Nkamani bleibt allein an der Bushaltestelle stehen.

          Ein Euro für den Bus

          Nkamani: „Ich war sehr, sehr traurig. Ich bekomme keine Bezahlung für den Film. Jakob begleitet mich fast jeden Schritt und läuft den ganzen Tag mit mir herum. An der letzten Station fehlt mir nur ein Euro. Und er kann ihn mir nicht geben. Ich war wütend und traurig.“

          Preuss: „Ich war mir sicher, dass Paul in den Bus einsteigt – ob mit oder ohne Ticket. Ich war damit beschäftigt, dem Busfahrer zu zeigen, dass er aus dem Bild fahren soll, aber dann nocheinmal anhält. Sonst wären wir an der Haltestelle zurückgeblieben. Pauls flehende Blicke habe ich erst beim Sichten im Schnittraum entdeckt. Ich weiß nicht, wie ich sonst reagiert hätte. Ich hoffe, dass ich hart geblieben wäre. Ich hoffe, dass ich gesagt hätte, ich greife nicht ein.“

          Unterkunft im Jugendzimmer

          Eingreifen oder nicht eingreifen: Vor diese Frage wurde Preuss während der Arbeit an seinem neuen Film mehr als einmal gestellt. „Als Paul über das Meer kam“ ist ein filmisches Tagebuch, in dem der Einundvierzigjährige die anfänglich zufällige Begegnung zwischen sich und dem 38 Jahre alten Nkamani beschreibt. Oft war der Flüchtling in Situationen, in denen er Hilfe brauchte, nicht immer blieb Preuss so hart wie in Eisenhüttenstadt. In Paris besorgte er Nkamani eine Unterkunft, von Frankfurt aus nahm er ihn im Auto mit nach Berlin, und am Ende quartierte er ihn sogar in seinem ehemaligen Kinderzimmer ein.

          Zwei Jahre später wohnt Nkamani immer noch dort. Er und Preuss sitzen im Garten hinter dem Haus und diskutieren über den Film, Preuss’ Mutter serviert Kaffee und Tomatenchips. Obwohl ihm mehrmals angeboten wird, auf Französisch zu antworten, führt Nkamani fast das gesamte Gespräch auf Deutsch. Er lernt die Sprache seit zwei Jahren, Preuss’ Vater hat ihm einen Deutschkurs bezahlt.

          Preuss wird Teil der Handlung

          Es ist diese enge Beziehung zwischen Nkamani und Preuss, die „Als Paul über das Meer kam“ zu einem ungewöhnlichen Dokumentarfilm macht. Preuss ist kein stummer Beobachter, sondern ein Teil seines Films. Indem er Nkamanis Schicksal verändert, wird er Teil der Handlung. Was macht das aus einem Dokumentarfilm, wenn aus Protagonist und Regisseur plötzlich Flüchtling und Helfer werden? Und was macht das aus der Beziehung zwischen den beiden?

          Nkamanis Geschichte beginnt rund anderthalb Jahrzehnte zuvor in Kamerun. Damals träumt er noch davon, eines Tages als Diplomat zu arbeiten. Doch sein Jura- und Politikstudium ist schon vorbei, bevor es richtig begonnen hat: Einige seiner Kommilitonen demonstrieren gegen die schlechten Studienbedingungen. Weil Nkamani im Studentenrat sitzt, wird er dafür verantwortlich gemacht und von der Universität geworfen.

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