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Sperranlage in Israel : Die neue Mauer steht im Orient

  • -Aktualisiert am

Im Schatten der Mauer: Palästinensische Frauen und Kinder gehen in Bethlehem am israelischen Schutzwall entlang. Bild: dpa

Im Jahre 1982 schrieb Peter Schneider in seinem Buch „Der Mauerspringer“ über das geteilte Berlin. Jetzt führt ihn ein Besuch in Israel an einen Grenzwall, wie er ihn noch nie gesehen hat. Ein Gastbeitrag.

          9 Min.

          Als ich beim Anflug zum Flughafen Ben Gurion die ersten Häuser hinter dem Strand auftauchen sah, war ich verblüfft über die geringen Ausmaße des Staates, dem ich mich näherte. Alle Entfernungen in Israel lassen sich in wenigen Autominuten, allenfalls in zwei Stunden bewältigen. Vom Flughafen zur grünen Linie, die Israel von Westjordanien trennt, sind es nur ein paar Kilometer; fünfzig bis Jerusalem, neunzehn bis Tel Aviv; zwei Stunden braucht man mit dem Auto zum See Genezareth im Norden und zur Negev-Wüste im Süden. Und wie bei früheren Besuchen musste ich mir erst wieder klarmachen, wie klein dieses Stück Erde ist, um das seit Jahrtausenden gestritten wird.

          Kaum angekommen, verfiel ich aufs Neue dem Zauber von Tel Aviv. Hibiskus und Oleandersträucher, alles blühte, Kaskaden von Bougainvillea stürzten auf die Zäune der schmalen Vorgärten herab. Der ältere Teil der Stadt ist durch immigrierte Architekten geprägt, die sich der Bauhaus-Moderne verpflichtet fühlten. In Tel Aviv kann man zum Liebhaber dieses Stils werden. Eher zufällig kam ich am Haus des Staatsgründers Ben Gurion vorbei. Ein viereckiger Kasten aus den dreißiger Jahren, den der Staat in seiner Einfachheit belassen hat. Selten hat sich ein großer Staatsgründer bis zum Ende seines Lebens mit einem so bescheidenen Haus begnügt. In einer Notiz, die dort ausgestellt ist, berichtet Ben Gurion von dem Abend nach seiner Proklamation des unabhängigen Staates Israel. Als er nach Hause ging, seien alle Fenster beleuchtet und offen gewesen, die Bewohner der Nachbarhäuser hätten ihm zugewinkt. Aber in den Gesichtern habe er vor allem Sorge und Angst um die Zukunft gesehen, keine Euphorie.

          Auf der Mauer Richtung Horizont

          Es war schon ein kühnes, ein ganz und gar einzigartiges Unternehmen, in Palästina nach dem Holocaust einen säkularen jüdischen Staat zu gründen. Und ganz ohne Zweifel ist dieses Unternehmen – trotz aller Abweichungen von den Intentionen der Gründer und trotz aller Feindschaften seitens der Nachbarn – geglückt. Israel ist seit Jahren die kreativste, modernste und innovativste Gesellschaft auf der Arabischen Halbinsel; gleichzeitig ist sie die am meisten gefährdete – und diese Gefährdung hat seit der Gründung eher zu- als abgenommen. Die Mehrzahl der in der Arabischen Liga versammelten Staaten erkennt nicht einmal das Existenzminimum Israels an – sein Recht zu existieren.

          Schriftsteller Peter Schneider
          Schriftsteller Peter Schneider : Bild: dpa

          Ich war vom Goethe-Institut Tel Aviv anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums der deutsch-israelischen Beziehungen zu einem Filmfestival eingeladen, das fünfzig deutsche Filme in Tel Aviv und Jerusalem vorführte. Einer der Filme war „Der Mann auf der Mauer“ von Reinhard Hauff von 1982, zu dem ich das Drehbuch geschrieben hatte. Ich benützte dabei eine Episode aus meinem Buch „Der Mauerspringer“. Ihr Protagonist ist ein verwirrter Rambo, langjähriger Häftling aus der DDR, der in einem verrückten Ein-Mann-Unternehmen die Mauer in Berlin einreißen will. Bei der Verfolgung dieses Ziels lässt er sich sowohl mit der Stasi wie mit dem CIA ein, die er beide für sein Projekt instrumentalisieren will. Als alles schiefgeht, wirft er sich mit Hilfe eines von ihm betriebenen illegalen Radiosenders zum Propheten auf, er wird „Moses II“, der das deutsche Volk aus der Knechtschaft der West- und Ostalliierten in die Freiheit zu führen verspricht. Am Ende des Films balanciert er – ohne jede Gefolgschaft – auf der Mauer dem Horizont entgegen.

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