http://www.faz.net/-gpf-8ie7d

Rechter Populismus : Immerschlimmerismus

  • -Aktualisiert am

Anklage voller Wut: unfähiger Staat, korrupte Politiker, Versager, Nichtskönner. Bild: dpa

Alles geht den Bach runter: eine Behauptung, die sich in der öffentlichen Debatte verfestigt. Das nutzt der rechte Populismus – zu einer Rebellion der Gefühle. Ein Gastbeitrag.

          Neulich war ich bei einem melancholischen Dinner von Alt-68er-Kulturschaffenden eingeladen. Es gab Carpaccio vom Seehecht, Spargel und atlantischen Lachs vom Bio-markt. Zusammen saßen Journalisten, Verleger, Filmemacher, Schauspieler, Intellektuelle, lauter kluge, liebenswerte Menschen mit hohem moralischen Anspruch. Die Stimmung war düster. Ein Hauch von Zauberberg, von Weimar lag in der Luft. Man klagte zunächst über fehlende Honorare und institutionelle Streichungen, und dann kam die geballte Ladung linker Systemkritik, die sich seit einem halben Jahrhundert kaum verändert zu haben scheint. Die Spaltung zwischen Arm und Reich wird „immer größer“ – kein Wunder, dass die neuen Nazis, die Rechtspopulisten, sich vermehren wie die Fliegen, sie sind ein Produkt des Neoliberalismus! Die Umwelt wird vernichtet, weil Konzerne die Rohstoffe plündern. Der Staat ist unfähig, die Politiker sind allesamt korrupt, Versager, Nichtskönner. TTIP ist, na klar, eine neue Form des Imperialismus; die Amis haben ihren Einfluss in der Welt verloren, den wollen sie zurück.

          Es hätten nur noch einige Wörter wie „Volk“ und „Wut“ gefehlt, um eine lupenreine FPÖ-AfD-Rede zu generieren. Danach sprach man etwas entspannter über mögliche Emigrationsländer wie Südafrika, Costa Rica, Kanada. Und ging dann beim Käse aus dem Perigord und einem vortrefflichen Sauvignon dazu über, zu erörtern, wie man noch eine halbe Million in sinnvolle Immobilienprojekte in Berlin anlegen könnte.

          Matthias Horx ist Publizist und Gründer des Zukunftsforschungsinstituts in Frankfurt.
          Matthias Horx ist Publizist und Gründer des Zukunftsforschungsinstituts in Frankfurt. : Bild: dpa

          Das Phänomen, um das es hier geht, ist ein elitärer Pessimismus. Er handelt von der Zukunft oder genauer, von ihrem Verlust. Und er beschränkt sich nicht auf ein kleines Milieu von Gutmenschen. Man muss nur ein beliebiges Magazin aufschlagen oder eine Panik-Talkshow einschalten, um jenem Immerschlimmerismus zu begegnen, mit dem die Zukunft preisgegeben wird. Alles wird immer schlechter, immer gefährlicher. Nirgends ist eine Lösung in Sicht. Dabei ist es eigentlich egal, um welches Thema es geht.

          „Heimsuchung“

          Im Mai erschien zum Beispiel ein „Spiegel“-Titel mit der religiösen Aufschrift „Heimsuchung“ und der Unterzeile: „Alle drei Minuten wird in Deutschland eingebrochen, der Staat lässt seine Bürger allein!“ Eine leuchtende dämonische Gestalt schlägt im Dunklen auf etwas ein. Gezeichnet wird eine Gesellschaft im Notstand – verbrecherische Banden an jedem Gartentor, Politiker, Behörden, Polizei verharmlosen unaufhörlich. In der Tat sind die Einbrüche in Deutschland in den vergangenen Jahren um fünfzig Prozent gestiegen, was zum großen Teil auf professionelle ausländische Banden zurückgeht. Doch wenn man sich etwas nüchterner damit beschäftigt, ergibt sich ein differenzierteres Bild. Um die Jahrtausendwende gab es noch viel mehr Einbrüche in Deutschland. Ein Teil des Anstiegs geht auf ein verändertes Meldeverhalten zurück. Die Zahl der Alarmanlagen steigt, auch das trägt dazu bei, dass die registrierten Fälle zunehmen. Ein Einbruch alle drei Minuten, 300.000 Einbrüche im Jahr, das heißt, dass in jeder Wohnung statistisch alle 130 Jahre eingebrochen wird. Meist sind die Schäden gering. Mehr und mehr Leute geben ihr Vermögen in den Banktresor, der Hausrat ist oft versichert.

          Ein paar Tage zuvor hatte Sandra Maischberger in ihrer Talkshow zum selben Thema getitelt: „Kann der Staat uns noch schützen?“ Wie immer in den Fragesätzen, die eine Talkshow einleiten, ist die negative Antwort inklusive: Natürlich nicht! Im Hintergrund der Diskussionsrunde stand ein großes Foto mit einem Waffenkäufer in einem Waffenladen. Man kann sich leicht vorstellen, dass am nächsten Tag die Zahl der Waffenkäufe stieg. In der Kognitionspsychologie nennt sich das „Selbst-Priming“. Ein übertriebenes Problem wird zur Ursache einer Scheinlösung, die das Problem verstärkt. Wir starren so lange auf ein Problem, bis es unlösbar erscheint. Dass Waffen gekauft werden, ist wiederum der Beweis dafür, dass das Problem monströs wächst.

          Weitere Themen

          Der afghanische Generalstaatsanwalt Video-Seite öffnen

          Recht und Gerechtigkeit : Der afghanische Generalstaatsanwalt

          Immer montags bekommt der afghanische Generalstaatsanwalt Farid Hamidi Besuch von Bürgern, die sich ungerecht behandelt fühlen oder andere Probleme mit dem Justizsystem haben. In den vergangenen eineinhalb Jahren hat er 6000 Bürger empfangen.

          Macht Platz!

          Frauen in Spitzenpositionen : Macht Platz!

          Schmuckmarken richten sich zwar vor allem an Frauen. Die Geschäfte lenkten aber meist Männer. Das ändert sich jetzt – ausgerechnet in kritischen Zeiten.

          Topmeldungen

           Nur nicht durch die Decke gehen: Die Wintersport-Experten des ZDF für die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang.

          ARD und ZDF haben Geld : Steigt der Rundfunkbeitrag doch nicht?

          Die Finanzkommission Kef hat die Finanzen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für die Jahre 2017 bis 2020 unter die Lupe genommen. Sie kommt zu dem Schluss: Da lässt sich einiges sparen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.