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„Tatort“: Die Weimar-Premiere : In der Stadt der Dichter geht es um die Wurst

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Ermitteln auch mit Pferd und Wagen: Lessing (Christian Ulmen) und Dorn (Nora Tschirner) lassen sich von Kutscher Caspar (Dominique Horwitz) durch die Klassikerstadt befördern Bild: MDR

Ein Ermittlerpaar zum Niederknien: Nora Tschirner als hochschwangere Kommissarin Dorn und Christian Ulmen als Kommissar Lessing feiern in einem poetisch-absurden „Tatort“ ihre Weimar-Premiere.

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          Schon Goethe hat seinem „Faust“ mit dem „Vorspiel auf dem Theater“ eine Reflexion über den Widerstreit von, modern ausgedrückt, Qualität und Quote vorangestellt. Theaterdirektor, Dichter und lustige Person sinnieren da über die Kluft zwischen Unterhaltung und Kunst, über die Wünsche des Publikums und die Ansprüche der Poesie.

          Das erste und das letzte Wort hat der Direktor, der auf Kulissen und Theaterzauber aller Art samt allumfassender Action besteht: „Ich wünschte sehr der Menge zu behagen, / Besonders weil sie lebt und leben läßt. /.../ Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt, / allein, sie haben schrecklich viel gelesen.“ Der Dichter protestiert naturgemäß, stößt beim Direktor aber auf taube Ohren: „Wir wollen stark Getränke schlürfen; / nun braut mir unverzüglich dran!“

          Willkommen beim „Tatort“ aus Weimar, Thüringen, der Goethe- und Schillerstadt. Bauhaus, Buchenwald, Hochkultur und deren Verkitschung, deutsches Erbe und deutsche Schuld, deutsche Größe und Niedertracht, Sehnsuchts- und Schamort, Touristenfalle. Eine Stadt für Stichworte. Weimar, ein Ort, an dem Echtes und Fake nebeneinander existieren wie anderswo kaum. Eine Stadt, die vom historisch verkleideten Touristenkutscher Dominique Horwitz kürzlich im Dokumentarfilmprojekt „16 Mal Deutschland“ (ARD) als Städtchen porträtiert wurde, in dem sich Kultur und Kommerz gemeinsam die Kante geben. Leider gab es in diesem Film zum Tag der Deutschen Einheit auch noch den Einfall der sprechenden Kutschpferde, die Horwitzens Erkundungen kommentierend begleiteten. Das wirkte ziemlich blöd.

          Qualität und Quote werden versöhnt

          Jetzt und hier, in „Die Fette Hoppe“, sind die Pferde verstummt. Aber Dominique Horwitz als Kutscher im Paletot ist wieder da und sorgt für eine der seltsamsten Verfolgungsjagden der „Tatort“-Geschichte, in der Frau Olm aus dem Gewerbeamt (Ramona Kunze-Libnow) auf dem Fahrrad über holpriges Kopfsteinpflaster von den Kommissaren in ebenjener Kutsche auf die Pelle gerückt wird.

          Aber natürlich geht es auch im Thüringer Dienstwagen

          „Die Fette Hoppe“ lebt von diesem genauen Spiel mit dem örtlichen Theaterzauber, dem Klassiker-Zitat und dem Kalauer, bei dem man nur noch „aua“ sagen kann; lebt von Jahrzehnten „Tatort“-Geschichte und ihren Ermittlungspaarungen; speist sich aus den krimitypischen Verwicklungen und Klischees und landet so bei Ironie und Satire, die, die Behauptung sei gewagt, als einzige Darstellungsformen in der Lage sind, Kunst und Kommerz, Qualität und Quote nicht nur beiläufig nebeneinanderher laufen zu lassen, sondern zu versöhnen und ihren Gegensatz aufzuheben. Ironie und Satire zeigen den Gemeinplatz und das Klischee unmittelbar einleuchtend als Gemeinplatz und Klischee und so ihre abgründige Albernheit gleich mit. In solch formaler Hinsicht kann man diesen MDR-„Tatort“ nur als Geniestreich betrachten.

          Zum Glück geht's in Weimar weiter

          Den die Presseverlautbarung des Senders natürlich ganz woanders sieht, nämlich in der Verpflichtung von Christian Ulmen als Kommissar Lessing und Nora Tschirner als Kommissarin Dorn. Aber auch das passt wie die Faust aufs Auge. Nicht bemüht originell oder puppenlustig wie die Münsteraner „Tatort“-Kommissare, nicht gewollt psychologisch subtil, nicht übertrieben actionlastig, saugt dieser Film, inszeniert von Franziska Meletzky, auf überaus launige Weise die „Tatort“-Historie gleichsam auf und spuckt sie in Weimar-Weise, in historisierendem Zitat und offensichtlichem Fake wieder aus.

          Wenn die Pathologin im Schiller-Kostüm mit gepuderter Perücke ihre Ergebnisse wie vor großem Publikum zum Besten gibt und gleich darauf der Platz vor dem Nationaltheater und das Theater selbst von Schiller-Doppelgängern (alles lokale Amtsleiter, die zur Aktion „Weimar schillert“ verdonnert worden sind) nur so wimmelt; wenn das berühmte Denkmal von Goethe und Schiller in den Blick gerät, das ja auch schon ein historischer Fake ist, weil man einst, abweichend von der tatsächlichen Statur, die Geistesgrößen exakt gleich groß dargestellt hat; wenn das Rezept der „Fetten Hoppe“, einer Thüringer Bratwurst, verlorenzugehen und durch eine Nachahmung ersetzt zu werden droht, der Kommissar mit der verdächtigen Schönheit (Palina Rojinski) schäkert, das unterdrückte Müttersöhnchen (Stephan Grossmann) der ermordeten Wurstkönigin Brigitte Hoppe (Elke Wieditz) sich verdächtig verhält, Namenswitze unbedingt nicht vermieden werden dürfen, dann ist dieser „Tatort“ ganz bei sich und genauso rund wie der Bauch der hochschwangeren Kommissarin (Drehbuch: Murmel Clausen und Andreas Pflüger).

          Absurde Kamerafahrten (Philip Peschlow) und gesucht dilettantische Schnitte tun ein Übriges, diesen „Tatort“ herauszuheben. Nora Tschirner und Christian Ulmen sind ein Ermittlerpaar zum Niederknien. Eine konventionelle Handlung gibt es natürlich auch in diesem „Weihnachtsspecial“, das ursprünglich nur als einmalige Angelegenheit geplant war. Noch ein Grund zum Preisen: Der zweite „Tatort“ aus Weimar ist bereits in Arbeit.

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