Sittenbild der Camorra
VENEDIG, 25. September Für seinen Welterfolg „Gomorrha“ soll der Schriftsteller Roberto Saviano drei Artikel von Provinzzeitungen aus Neapel ungenügend zitiert ...
VENEDIG, 25. September Für seinen Welterfolg „Gomorrha“ soll der Schriftsteller Roberto Saviano drei Artikel von Provinzzeitungen aus Neapel ungenügend zitiert haben. Wegen dieses vermeintlichen Plagiats wurde Saviano respektive sein ursprüngliches Verlagshaus Mondadori in zweiter Instanz vor dem Berufungsgericht in Neapel zu einer Entschädigung von sechzigtausend Euro verurteilt. Vor drei Jahren hatte Saviano im selben Fall nicht nur obsiegt, sondern auch fünftausend Euro Schadensersatz zugesprochen bekommen. Bevor der Rechtsstreit mit dem Verlagshaus Libra, der sich schon fünf Jahre hinzieht, zu einem Ende kommt, muss nun das italienische Kassationsgericht über Savianos abermalige Berufung entscheiden. Der Autor weist darauf hin, dass es um nicht einmal zwei Seiten gehe, also etwa 0,6 Prozent seines Textes, und beklagt sein Leben unter ständiger Bewachung: „Die Camorra tötet nicht nur mit Pistolenkugeln, sondern bewirft ihre Gegner auch systematisch mit Schlamm.“ Ein Journalist des Lokalblattes „Cronaca di Napoli“, Simone Di Meo, hatte Saviano seit längerem vorgeworfen, für sein Sittenbild der Camorra, vorzugsweise in der Provinz Caserta, örtliche Medien und deren Verbrechensreportagen ohne Quellenangaben und oft über längere wörtliche Passagen ausgeweidet zu haben. Erst in der elften Auflage von „Gomorrha“ wurden entsprechende Hinweise eingefügt. Di Meo, der Saviano durchaus wegen dessen Attacken auf das organisierte Verbrechen lobt, hätte es dabei bewenden lassen, doch Saviano bestand auf einem Prozess. Nun wendet sich Di Meo öffentlich gegen Saviano, wirft ihm vor, „kleine Provinzjournalisten systematisch zu plündern“. Der Kläger verweist auf ähnliche Fälle nonchalanten Ausschlachtens auf Kosten diverser Kollegen. Das geschehe auch in Fernsehshows des Senders „La7“, in denen Saviano als eine Art öffentlicher Moralprediger gegen das Verbrechen auftritt. Hier habe Saviano jüngst ganze Passagen aus einem Buch von Giampiero Rossi über illegale Asbestmüllkippen im Piemont benutzt - ohne Quellenangabe. Auch ein albanisches Magazin namens „Investigim“ hat Saviano unlängst vorgeworfen, eine Recherche für eine ganze Sondernummer des Blattes verwendet zu haben. DIRK SCHÜMER





