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Umfrage der AmCham Germany : Amerikanische Unternehmen kurbeln deutschen Arbeitsmarkt an

Der deutsch-amerikanische Handel war während der Corona-Pandemie deutlich zurückgegangen. Bild: ddp

Der Pandemie ist gelungen, was die Trump-Regierung nicht geschafft hat: Der transatlantische Handel ist 2020 gesunken. Dennoch haben die amerikanischen Unternehmen hierzulande in der Krise Beschäftigung aufgebaut.

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          Für Frank Riemensperger liegt auf der Hand, welche Faktoren die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen beeinflussen und welche nicht. „Der Kanonendonner der Trump-Regierung hat keine Auswirkungen gehabt – Corona schon“, sagte der Vizepräsident der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland (AmCham Germany) am Dienstag in einer Onlinepressekonferenz vor Journalisten. Anlass war die Präsentation der Ergebnisse aus der jährlichen Befragung von Unternehmen diesseits und jenseits des Atlantiks.

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Während unter der Präsidentschaft von Donald Trump die addierten Umsätze der 50 größten deutschen und amerikanischen Unternehmen stetig gewachsen sind, wies die Statistik im Jahr 2020 erstmals einen Rückgang aus. Erlösten deutsche Unternehmen in den USA im vergangenen Jahr 0,4 Prozent weniger, ging es für Amerikaner hierzulande um 1,4 Prozent runter. Das erste Halbjahr 2021 verspreche allerdings eine Erholung auf breiter Front, hieß es weiter. Mit zuletzt 189 Milliarden Euro bewegten sich die Umsätze von US-Konzernen in Deutschland jedoch im Verlauf der vergangenen Jahre auf einem recht stabilen Niveau, sagte Riemensperger.

          Anders als etwa mit China: Reduzierten die Amerikaner in der Handelsbilanz das Defizit mit dem Reich der Mitte bis zum Ausbruch der Corona-Krise noch deutlich, nimmt es seitdem wieder spürbar zu. Eine andere Zahl aus der Umfrage überrascht deutlich: Denn trotz der leicht rückläufigen Umsätze bauten amerikanische Arbeitgeber auch während der Corona-Krise Beschäftigung in Deutschland auf. Die Zahl der Mitarbeiter stieg 2020 im Vorjahresvergleich um 0,8 Prozent auf rund 276.500, obwohl die starke Unterbeschäftigung während des Lockdowns Millionen Menschen in Deutschland in Kurzarbeit schickte.

          Amazon profitierte vom Corona-Lockdown

          Das kann auch mit der Verschiebung der Branchentätigkeit während der Pandemie zu tun haben. Denn die Rangliste nach Umsatz wird angeführt vom Onlinehändler Amazon, der seinen Vorsprung vor dem Autohersteller Ford auf rund 10 Milliarden Euro ausgebaut hat. Amazon profitierte bekanntlich besonders stark vom Lockdown und den Geschäftsschließungen, weshalb viele Menschen auf den Versandhandel umstiegen. „Man sieht hier den Erfolg der Plattformwirtschaft“, kommentierte Riemensperger, der hauptberuflich Director der Technologieberatung Accenture in Deutschland ist. Mittlerweile beschäftigt Amazon rund 23 .000 Menschen in Deutschland.

          Nur die Schnellrestaurantkette McDonald’s zählt mit 68.000 unter den Amerikanern noch mehr. Auf Rang drei der Umsatztreiber folgt TK Elevator. Die frühere Aufzugssparte von ThyssenKrupp wurde 2020 für mehr als 17 Milliarden Euro an ein mehrheitlich amerikanisches Konsortium verkauft. Den umgekehrten Weg ist der US-Mobilfunker Sprint gegangen, der von T-Mobile US komplett geschluckt wurde. Dadurch stiegt deren Umsatz auf umgerechnet fast 70 Milliarden Euro, was sie nicht nur zur Nummer drei der Mobilfunkunternehmen in Amerika macht, sondern auch zum mit Abstand umsatzstärksten deutschen Konzern in den USA, vor Daimler (38), Volkswagen (27), Aldi (18,4) und BMW (18).

          Nach Branchen betrachtet, haben vor allem der Mobilitätssektor und der Maschinenbau in Deutschland unter der Corona-Pandemie gelitten. Fünf von sieben Maschinenbauern litten unter Umsatzeinbußen, heißt es in der Umfrage. Einzig der Landmaschinenhersteller Agco habe ein leichtes Wachstum erzielt.

          Softwarebranche und Pharmaindustrie als Krisengewinner

          Dagegen zählte neben dem Handel und der Softwarebranche auch die Pharmaindustrie zu den Krisengewinnern. Die Umsätze legten hier binnen Jahresfrist um mehr als 13 Prozent zu. Zu den Profiteuren zählten vor allem Hersteller von Laborequipment wie Thermo Fisher oder Abbott, die jeweils ein organisches Wachstum im zweistelligen Bereich aufwiesen. Bristol-Myers Squibb wuchs dagegen durch die Übernahme von Celegene um enorme 44 Prozent, Stada Arzneimittel erhöhte die Erlöse durch mehrere kleinere Akquisitionen um mehr als 15 Prozent. In dieser Branche liegt laut AmCham-Vizepräsident Riemensperger auch weiteres Potential für amerikanische Investitionen. Andersherum böten die USA große Chancen für deutsche Firmen bei Nachhaltigkeit und grüner Energie.

          In der Trend-Umfrage zu den transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen bewerteten die Manager zudem die Rahmenbedingungen und die Wirtschaftspolitik. Am besten schnitt unter Amerikanern die direkte Unterstützung für Unternehmen während der Pandemie etwa in Form von Kurzarbeitergeld ab. In Schulnoten ausgedrückt, gab es dafür eine 2,5. Als mangelhaft wurde dagegen neben den Corona-Maßnahmen in Schulen und Kindergärten die digitale Erreichbarkeit der Verwaltung bewertet. Für AmCham-Präsidentin Simone Menne ist das eine ernstzunehmende Warnung.

          Die Digitalisierung spiele für die Entwicklung der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle. „Die Amerikaner erwarten, dass es einen transatlantischen Wirtschaftsraum gibt“, sagte Menne. Vizepräsident Riemensperger fügte hinzu, dass Amerikaner zuweilen die Sorge äußerten, dass Europa mit immer strengeren Gesetzen „Innovationen aus der Digitalisierung herausreguliere“. Andersherum störten deutsche Unternehmen am meisten die rigiden Einreisebeschränkungen der USA. Immerhin diese Hürde fällt in wenigen Tagen weg.

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