https://www.faz.net/-gqe-77j4p

Thyssen-Krupp : Es ist aus

  • -Aktualisiert am

Gnade verloren. Am 8. März hat Berthold Beitz (links), der Herrscher über Thyssen-Krupp, Aufsichtsratschef Gerhard Cromme verstoßen. Bild: Dirk Hoppe

Mit Gerhard Cromme ist kein Staat mehr zu machen an Rhein und Ruhr. Berthold Beitz hat ihn verstoßen. Die Rekonstruktion eines Rauswurfs.

          Am Ende tut so ein Sturz immer weh: Je weiter oben er beginnt, desto heftiger der Aufprall. Das sagen die Gesetze der Macht wie der Physik. Gemessen daran, muss das Leiden des Gerhard Cromme, des gestrauchelten Anführers der deutschen Industrie, immens sein.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schwer zu ermessen nur, was ihn mehr schmerzt: die innere Enttäuschung, zu scheitern nach Jahrzehnten einer grandiosen Karriere - kurz vor deren Krönung, der offiziellen Ausrufung zum Ruhrbaron. Oder aber die feindseligen Reaktionen darauf: die offene Häme und heimliche Freude, mit der sein Abgang von außen quittiert wird. Mitleid gibt es nicht für den Mann, dazu hat er zu viele andere selbst ins Aus befördert. Mitleid gibt es nicht für Verlierer.

          Für elf Uhr am Freitagmorgen wurde Gerhard Cromme in die Villa Hügel bestellt, Berthold Beitz, der 99 Jahre alte Patriarch, Vorsitzender des Kuratoriums der Krupp-Stiftung, erwartet ihn zu einem letzten Gespräch. Keine 15 Minuten dauert die Unterredung. Es gibt nichts mehr zu verhandeln, zwischen den Männern ist vorher schon klar: Es ist aus, das Vertrauen ist weg. Cromme muss gehen.

          Der Ruhm ist verblichen

          Keine Stunde später tickert die Nachricht über die Agenturen: Cromme tritt zurück. Er lege sein „Amt als Aufsichtsratsvorsitzender der Thyssen-Krupp AG nieder“, meldet der Konzern um 12.38 Uhr offiziell. Sofort reagiert die Börse, wie beflügelt schießt der Kurs nach oben. Die Investoren feiern Crommes Abschied. Am Abend ist die Aktie Tagessieger: Plus sechs Prozent. Höchststrafe für einen Manager, der abtritt.

          Verblichen ist Crommes Ruhm, der frankophile Hüne und promovierte Volkswirt hatte einst die Schwerindustrie im Ruhrgebiet zerlegt und neu zusammengefügt und so ihr Überleben gesichert. Im Ergebnis entstand ein Gebilde namens Thyssen-Krupp, 170000 Mitarbeiter, 47 Milliarden Euro Umsatz - und seit Monaten in schweren Turbulenzen, erschüttert durch Skandale, Kartellstrafen und Milliardenverluste. Zum Gesicht der Misere wird Gerhard Cromme, der als Aufsichtsratsvorsitzender die Dinge geschehen ließ.

          Mit ihm ist kein Staat mehr zu machen an Rhein und Ruhr. Und nicht nur dort: Selbst in München, bei Siemens, seinem zweiten Betätigungsfeld, wird er angezählt.

          Das ist bitter für Cromme, der alles auf seinem Weg dem Ziel untergeordnet hat, Ruhrbaron zu werden, eines Tages Berthold Beitz zu beerben, den Mann, der die Villa Hügel regiert, seit sechs Jahrzehnten in Diensten des Konzerns, der einst den Nachfahren Krupps die Macht im Konzern entrissen hat.

          Beitz war es, von dem Cromme sich die Macht nur geliehen hatte: Der Patron ist, die Anteile der Stiftung im Rücken, der Eigentümer von Thyssen-Krupp, Cromme nur der erste Angestellte. Sein ganzer Einfluss, seine Position hing stets an dem Vertrauensverhältnis zu Beitz. Nach ihm hatte er sich zu richten. Und so ist die Rekonstruktion seines Abstiegs die Geschichte einer Entfremdung zweier Männer. Als der Wind gegen Cromme schärfer wurde, entschuldigte er sein Tun auch mit dem Hinweis auf die Villa Hügel: Hätte er tun können, wie er hätte wollen, hätte er früher durchgegriffen, sollte das heißen. Er konnte Leute - namentlich seinen Gegenspieler Ekkehard Schulz, der die desaströsen Stahlwerke in Amerika baute - nicht rauswerfen, solange dieser einen Rest an Kredit in der Villa Hügel besaß.

          Erst Anfang Dezember hat Cromme den halben Vorstand vor die Tür gesetzt. Ein Befreiungsschlag? Nein: Die Treppe müsse von oben gekehrt werden, hieß es nun, Cromme sei nicht länger zu halten. Ein Neuanfang muss her! Schließlich war Cromme immer mit dabei in den Zeiten, in denen Kartelle geschmiedet, Luxusreisen auf Firmenkosten gebucht und ruinöse Stahlwerke gebaut wurden: erst als Chef, später als Aufsichtsratschef. Und einen Aufseher, der zu wenig sieht, den wollen die Anteilseigner nicht.

          Weitere Themen

          Retrospiele bei der Gamescom Video-Seite öffnen

          Back to the 70s : Retrospiele bei der Gamescom

          Mehrere Teilnehmer der diesjährigen Gamescom in Köln machen eine Zeitreise in die 1970er- und 1980er Jahre. Junge und ältere Gamer begeistern sich für Retro-Spiele aus Japan und den Vereinigten Staaten, von „Space Invaders" und „Pong", bis hin zu „Pac-Man" und dem Nintendo 64.

          Topmeldungen

          Der Faktor Wohnen wird von den meisten Menschen in der Klimadebatte übersehen. Dabei produzieren vor allem Warmwasser und Heizungen große Kohlendioxid-Emissionen.

          Wohnen und Heizen : Das ist Deutschlands Klimakiller Nr. 1

          Kaum jemand will wahrhaben, dass wir mit unseren Wohnungen dem Klima mehr schaden als mit Steaks und Flugreisen. Einige Länder reagieren darauf – während sich die Politik in Deutschland nicht einigen kann.

          Am Rande des G-7-Gipfels : Wie es Macron gelang, Trump gnädig zu stimmen

          Der französische Präsident präsentiert sich in Biarritz als Überraschungskünstler: Er hat den erwartet sperrigsten Gipfelteilnehmer vorläufig gezähmt – und scheut dabei nicht vor einem Trick zurück.

          Biarritz : Irans Außenminister überraschend beim G-7-Gipfel

          Eine Überraschung für die Teilnehmer: Dschawad Zarif ist in Biarritz eingetroffen. Er werde dort mit Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian zusammentreffen, teilte das französische Präsidialamt mit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.