Börsennotierte Unternehmen :
Die Parität in den Chefetagen rückt etwas näher

Lesezeit:
Frauen schaffen es immer häufiger in Führungspositionen. Doch bis zur Parität ist es noch ein weiter Weg.
Frauen schaffen es immer häufiger in Führungspositionen. Doch bis zur Parität ist es noch ein weiter Weg.Picture Alliance

Der Anteil der Frauen in den deutschen Führungsetagen wächst, doch ausgeglichen ist das Geschlechterverhältnis weiter nicht. Vor allem eine Branche bremst die Entwicklung.

Lediglich jeder fünfte Vorstandsposten der 160 börsennotierten Unternehmen in Deutschland ist mit einer Frau besetzt, in den Aufsichtsräten liegt der Frauenanteil dagegen bei gut einem Drittel – Frauen erreichen also öfter die Führungsebene, aber sie sind weiter in der Unterzahl. Zu diesem Ergebnis kommt die an diesem Mittwoch veröffentlichte Studie der Allbright Stiftung zum Thema Frauen und Diversität in den Führungspositionen der Wirtschaft.

Gerade in den großen Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren einiges bewegt. Hier ist der öffentliche Druck am höchsten und ein rein männliches Führungsteam immer schwerer zu rechtfertigen. 28,5 Prozent der Vorstandsmitglieder und knapp 40 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder der 40 Dax-Konzerne sind inzwischen weiblich besetzt. Im Vorjahr lag der Anteil der weiblichen Vorstandsmitglieder im Dax bei 25,7 Prozent. Dauert diese Entwicklung an, könnten die Dax-Konzerne in acht Jahren paritätisch aufgestellt sein, heißt es in der Allbright-Erhebung. In den kleinen und mittleren börsennotierten Unternehmen liegt der Frauenanteil in Vorständen bei 19,1 Prozent im M-Dax und 14 Prozent im S-Dax. Mit der Unternehmensgröße sinkt demnach auch die Zahl der Frauen in Führungspositionen.

Ausgebremst wird die Entwicklung hin zur Parität vor allem von der deutschen Autoindustrie. „Die Automobilbranche hat sich lange auf den Erfolgen der Vergangenheit ausgeruht“, sagt die Geschäftsführerin der deutsch-schwedischen Allbright Stiftung, Wiebke Ankersen. „Offenbar erschien der Veränderungsdruck lange Zeit nicht hoch genug.“ Das falle der Branche nun auf die Füße, denn wo unterschiedliche Hintergründe und Erfahrungen zusammenkommen, gebe es mehr Innovationskraft und ein besseres Verständnis von Märkten, argumentiert Ankersen.

Vielfalt in Führungsteams trägt also nicht nur zur Gleichberechtigung bei, sie erhöht auch den wirtschaftlichen Erfolg, wie Studien zeigen. Laut einer Untersuchung der Unternehmensberatung McKinsey liegt bei Firmen mit hoher Geschlechterdiversität die Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein, gut 25 Prozent höher. Laut der Analyse sind diverse Führungsteams gerade in Krisenzeiten wichtig.

Eine Frau im Vorstand ist das Minimum

Fast alle im Dax notierten Automobilhersteller, darunter BMW, Volkswagen, Porsche oder Mercedes-Benz, haben bislang lediglich eine Frau in ihren teilweise recht großen Vorstandsteams. Damit erfüllen sie den gesetzlich vorgegebenen Mindeststandard. Gleichzeitig liegt die Vermutung nahe, es könnte sich bei den weiblichen Vorstandsmitgliedern um „Quotenfrauen“ handeln.

Das Gesetz, das die Mindestbeteiligung von Frauen in Führungspositionen regelt, trat im Jahr 2021 in Kraft und sieht vor, dass in börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmen mit Vorständen mit mehr als drei Personen mindestens eine Frau vertreten sein muss. Alle anderen müssen begründen, warum sie keine Frau in den Vorstand berufen. „Das Mindestbeteiligungsgesetz hat viel Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt und die damit verknüpfte gesellschaftliche Debatte verändert: Reine Männerteams sind längst nicht mehr akzeptabel“, sagt Ankersen. Die Kehrseite sei jedoch, dass in vielen Köpfen jetzt die Forderung des Gesetzes verankert ist: In jeden Vorstand gehört eine Frau – und zwar genau eine Frau, nicht fünfzig Prozent, was aus Sicht der Allbright-Geschäftsführerin das eigentliche Ziel ist.

Von einem Frauenanteil von 40 Prozent an gilt das Geschlechterverhältnis als ausgewogen. Bei rund jedem vierten der großen Dax-Konzerne ist das inzwischen der Fall. Vorreiter sind hier beispielsweise Unternehmen wie Adidas, Zalando, Vonovia, Allianz oder Beiersdorf.

Andere Unternehmen scheinen keine passenden weiblichen Führungskräfte gefunden zu haben: Seit zehn Jahren bestehen die Vorstände von Unternehmen wie CTS Eventim, Hugo Boss, Nordex, Sixt oder Wüstenrot & Württembergische ausschließlich aus Männern. Atoss Software oder Dermapharm haben weder in Vorstand noch in Aufsichtsrat weibliche Mitglieder.

Ausländische Unternehmen sind hier zum Teil fortschrittlicher als in Deutschland. In Großbritannien, Frankreich und den USA liegt der Frauenanteil in den Vorständen der 40 größten Unternehmen des Landes bei mehr als 30 Prozent. Deutschland liegt gleichauf mit Schweden.

Hierzulande werden vorzugsweise noch immer Männer aus Westdeutschland, Mitte fünfzig und mit einem Hintergrund in Wirtschaftswissenschaften in die deutschen Vorstände berufen, heißt es in der Studie. Häufig heißen sie Christian oder Thomas. Unter den Vorstandsvor­sitzenden gibt es nahezu doppelt so viele Christians wie Frauen insgesamt. Rekrutiert wird demnach gern nach demselben Muster, und das ist einer der Gründe, warum es für Frauen schwer ist, diese Strukturen aufzubrechen und in Führungspositionen zu gelangen.

Gerade in den eigentlichen Machtpositionen – dem Vorstandsvorsitz und dem Aufsichtsratschef – wird die Luft für Frauen oft dünn. Und daran hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum etwas geändert. Unter den Vorstandsvorsitzenden sind gerade einmal 3,8 Prozent weiblich, im Falle der Aufsichtsratsvorsitzenden beträgt der Frauenanteil 8,4 Prozent.

In Deutschland ist eine weibliche Vorstandsvorsitzende also die Ausnahme. Gleichzeitig bleibt es für Frauen weiter schwierig, Kinder und Karriere miteinander zu vereinbaren. Mütter übernehmen noch immer den Großteil der Sorgearbeit und arbeiten auch deshalb öfter in Teilzeit. Steuerliche Anreize wie das Ehegattensplitting verfestigen laut Kritikern diese traditionelle Rollenaufteilung.

Neben verlässlicheren Betreuungsangeboten und mehr Vätern in Elternzeit brauche es aber genauso auch ein besseres Talentmanagement, sagt Allbright-Geschäftsführerin Ankersen: „Wem trauen wir was zu, und was erwarten wir von wem? Die Antwort ist heute bei Männern und Frauen häufig nicht dieselbe.“ Wo Männer mutig oder durchsetzungsstark erscheinen, würden Frauen oft eher als naiv oder herrisch wahrgenommen. Leistung und Potential müssen objektiver beurteilt und identifiziert werden, fordert Ankersen. „Dann würden die Vorstände automatisch sehr viel diverser aussehen.“

Empfehlungen
Stellenmarkt
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Stellenmarkt
Wissenschaftlicher Mitarbeiter (m/w/d) - KI in Studium und Lehre
Bayerisches Zentrum für Innovative Lehre BayZiel
Zum Stellenmarkt
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Stellenmarkt
Geschäftsführer (m/w/d)
Berufsbildungswerk Stendal gGmbH über Rochus Mummert Healthcare Consulting GmbH
Zum Stellenmarkt
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Stellenmarkt
Zum Stellenmarkt
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Stellenmarkt
Zum Stellenmarkt