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Flugbranche in der Krise : Neue Milliardenhilfe für Air France

Bild: AFP

Paris rettet seine Airline mit noch mehr Staatsaktien, während die Niederlande um die Zukunft der Schwestergesellschaft KLM ringen.

          3 Min.

          Frankreich will seine Staatsbeteiligung an Air France-KLM auf bis zu 29,9 Prozent erhöhen, um die französisch-niederländische Fluggesellschaft zu retten. Das kündigte der französische Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire am Dienstag in Paris an. Die Höhe der künftigen Staatsbeteiligung ist noch nicht bekannt. Klar ist, dass sie weit über die rund 14 Prozent hinausgehen wird, die der französische Staat heute an Air France-KLM hält. In der Genehmigung der EU-Kommission ist von einer staatlichen Rekapitalisierung von bis zu vier Milliarden Euro die Rede.

          Werner Mussler
          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.
          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent in Rom.

          Die Flugverbindungen Frankreichs und der Niederlande seien „von großer Bedeutung für beide Volkswirtschaften und daher läge die Gesundung der Gruppe Air France-KLM im besten Interesse der beiden Staaten“, teilten Le Maire und sein niederländischer Amtskollege Wopke Hoekstra gemeinsam mit. Der niederländische Staat, der seine Staatsbeteiligung an Air France-KLM vor zwei Jahren auf das französische Niveau von 14 Prozent erhöht hatte, prüft nach eigenen Angaben noch, wie er der notleidenden Fluggesellschaft unter die Arme greifen soll und verhandelt darüber mit der EU-Kommission. Der deutsche Staat hatte sich 2020 mit 20 Prozent an der Lufthansa beteiligt.

          Verpflichtungen ähneln den Bedingungen für die Lufthansa-Beteiligung

          Die EU-Kommission hat den französischen Rettungsplan am Dienstag mit Auflagen genehmigt. Die Brüsseler Verpflichtungen ähneln jenen, die die Wettbewerbshüter auch für die staatliche Beteiligung an der Lufthansa festgelegt hatten. Air France muss auf dem Flughafen Paris-Orly Landerwechte (Slots) abgeben. Die französische Fluggesellschaft macht den größeren Teil der Gruppe Air France-KLM aus. KLM ist von der Genehmigung nicht betroffen. Die Lage bei KLM sei nicht so dringlich wie bei Air France, weshalb für die Verhandlungen mehr Zeit zur Verfügung sei, sagte Minister Hoekstra. Die staatliche Kapitalspritze soll helfen, die durch die Corona-Krise schwer getroffene Fluggesellschaft zu stabilisieren. Sie beruht auf den speziellen EU-Beihilferegeln für die Pandemie.

          Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager sagte, die Auflagen sollten sicherstellen, dass die durch die Staatshilfen entstehenden Wettbewerbsverfälschungen möglichst gering ausfielen. Konkurrierende Airlines könnten am Flughafen Orly, der „strukturell stark überlastet sei und wo Air France über beträchtliche Marktmacht verfüge, ihr Geschäft ausbauen, was für mehr Wettbewerb und damit „faire Preise“ für die Passagiere sorgen werde. Weitere Auflagen betreffen ein Dividendenverbot sowie eine Beschränkung der Managementvergütung und ein Boniverbot.

          Die jetzt genehmigte Staatshilfe besteht aus zwei Maßnahmen. Zum einen wird ein von Frankreich schon gewährtes Darlehen von 3 Milliarden Euro in ein „hybrides Kapitalinstrument“ umgewandelt. Zum anderen schießt der Staat über die Zeichnung neuer Aktien von bis zu einer Milliarde Euro neues Kapital zu. Nach Ansicht der Kommission ist die Kapitalspritze erforderlich, geeignet und verhältnismäßig. Besonders diene sie dazu, die Insolvenz der Airline und ihrer Holdinggesellschaft abzuwenden.

          Zu den Auflagen gehört auch, dass Frankreich entweder binnen zwölf Monate nach Gewährung der Beihilfe eine „glaubwürdige Ausstiegsstrategie“ erarbeitet oder den Staatsanteil auf unter 25 Prozent zurückfährt. Bevor die jetzt genehmigte Staatshilfe nicht vollständig abgelöst ist, darf das Unternehmen keine Dividenden ausschütten oder Anteile zurückkaufen. Die Beschränkung der Managementvergütung und das Boniverbot gelten, bis 75 Prozent der jetzt genehmigten Staatshilfe abgelöst sind.

          Keine Verstaatlichung

          Die Minister aus Frankreich und den Niederlanden betonten, dass die staatliche Unterstützung auf das „erforderliche Minimum“ beschränkt werden solle und keine Verstaatlichung darstelle. Schon im vergangenen Jahr ließen die beiden Regierungen der Fluggesellschaft Liquiditätshilfen von insgesamt 10,4 Milliarden Euro zukommen. Weitere Kredite waren nun keine Option mehr, weil sonst die Überschuldung gedroht hätte.

          Unter den alteingesessenen Fluggesellschaften Europas gilt Air France-KLM als der Anbieter mit den größten Wettbewerbsschwierigkeiten. Im vergangenen Jahr wies das Unternehmen einen Rekordverlust von 7,1 Milliarden Euro aus. Für das erste Quartal 2021 rechnet die Gruppe mit einem negativen Betriebsergebnis von rund 1,3 Milliarden Euro. Der Analyst der Investmentbank Bernstein, Daniel Roeska erwartet, dass weitere staatliche Kapitalspritzen zur Stärkung der Bilanz nötig sein werden.

          Air France-KLM berichtet, dass auch der asiatische Großaktionär China Eastern Airlines an der geplanten Kapitalerhöhung teilnehme, seine Beteiligung aber unter 10 Prozent halten wolle. An der Börse reagierte die Aktie des Unternehmens Air France-KLM, das inzwischen nur noch mit rund 2 Milliarden Euro bewertet wird, am Dienstag nur minimal.

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