https://www.faz.net/-gqe-8b7zd

Klimakonferenz : Schöne Reden, aber nasse Füße

Inselstaat Tuvalu: Kinder spielen auf einem überfluteten Platz. Viele Experten sagen, dass die Heimat dieser Kinder in Zukunft unbewohnbar werden könnte. Bild: dpa

Die Klimakonferenz will den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzen. Pech nur, dass die aktuellen Prognosen vom Doppelten ausgehen.

          3 Min.

          Kurz bevor der neue Entwurf für den Klimavertrag auf den Tisch kommt, gerät auch der Vatikan ins Schwitzen. Zwei Grad Temperaturanstieg seien zu viel. In dem Abkommen müsse die Forderung besonders bedrohter Inselstaaten erwähnt werden, den Temperaturanstieg auf weniger als 1,5 Grad zu begrenzen, sagt der Botschafter des Vatikan bei den Vereinten Nationen, Bernardito Auza, am Donnerstagabend in Paris.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Tatsächlich entspricht die neue Formulierung in Artikel zwei des Vertragsentwurfs dem, was auch Auza vorgeschlagen hat. So soll die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter nicht mehr nur „auf weit unter zwei Grad Celsius“ beschränkt werden. Vielmehr sollen rasch die Bemühungen verstärkt werden, die Erwärmung auf weniger als 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Denn das würde Risiken aus dem Klimawandels signifikant reduzieren - und die Folgen.

          Es ist die Karriere eines Themas. Und es liegt nicht allein am Heiligen Stuhl, dass das 1,5-Grad-Ziel in den Vertragstext kommt. Wie Palästina ist der Vatikan eigentlich nur Beobachter auf dem Klimagipfel.

          Auch ohne Rom hatten schon zwei Drittel der 196 Vertragsstaaten  eine stärkere Begrenzung des Temperaturanstiegs verlangt. Zum Start der Verhandlungen hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Zwei-Grad-Vorgabe ein notwendiges Ziel genannt. Mit einer Einschränkung: „Wir wissen aber mit Blick auf kleine Inselstaaten: Das ist immer noch kein ausreichendes Ziel.“ Einen Tag späte sollte Amerikas Präsident Barack Obama sich als „Island-Boy“ mit den Inselstaaten solidarisch zeigen.

          „Eine Überlebensfrage“

          „1.5 – stay alive“. Einfacher als mit diesem englischen Kampagnenslogan lässt sich die Botschaft nicht zusammenfassen. „Für die kleinen Inselstaaten im Pazifik ist das eine Überlebensfrage“, sagt Sabine Minninger von „Brot für die Welt“. „Bei zwei Grad Temperaturanstieg hören die auf, zu existieren.“

          Aber kann ein halbes Grad Temperaturanstieg so einen großen Unterschied ausmachen? Katja Frieler sagt: Es kann. Sie muss es wissen, denn sie ist die stellvertretende Chefin des Forschungsbereichs Klimawirkung am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Am Ende des Jahrhunderts könnte der Unterschied zwischen dem Zwei-Grad-Szenario und einem 1.5-Grad-Szenario beim Anstieg des Meeresspiegels zehn Zentimeter betragen. Auf sehr lange Frist stelle sich auch die Frage, ob das Grönlandeis in einer Zwei-Grad-Welt ganz verschwinden würde und der Meeresspiegel um sieben Meter stiege. Das ist weite Zukunftsmusik.

          Näher liegt, dass Wetterextreme zunehmen. Die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten heisser Tage könnte sich von 1,5 Grad globaler Erwärmung zu zwei Grad globaler Erwärmung verdoppeln. Auch die Korallenriffe auf der ganzen Welt sind bei zwei Grad von schweren Schädigungen durch die Erwärmung und Versauerung der Ozeane bedroht.

          Tote Korallenbänke aber können keine Wellen brechen, die Inseln verlören ihren natürlichen Schutz. Es spricht also manches für das ambitioniertere Ziel. Bei einem Temperaturanstieg von 1,5-Grad, sagt Frieler, würde sich die Lage zwar auch gegenüber heute verschlechtern, aber die Effekte seien viel weniger gravierend.

          Es drohen heftige Verteilungskämpfe

          Gravierend wären auch die Folgen für die Staaten, wenn sie dieses Ziel ernst nähmen. Denn dann müssten sie ihre Emissionen dramatisch senken. Nach den Berechnungen des Weltklimarates könnten noch etwa 900 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre abgegeben werden, um den Temperaturanstieg auf maximal zwei Grad zu begrenzen. „Für einen Anstieg von weniger als 1,5 Grad liegt diese Menge drastisch niedriger, sie liegt bei höchstens 400 Milliarden Tonnen“, sagt Manfred Treber von der NGO Germanwatch.

          Um zu erahnen, welche Verteilungskämpfe künftig drohen, muss man sich nur den Streit um die deutsche Braunkohle vor Augen halten. Das erklärt auch den harten Widerstand von Ölexportstaaten wie Saudi Arabien gegen die niedrigeren Temperaturvorgaben und die daraus zwingend abgeleitete Forderung nach einer Dekarbonisierung, also nach einem Verzicht auf Kohle, Öl und Gas.

          Das Wort taucht im neuen Entwurf denn auch nicht mehr auf. Stattdessen solle nun „Emissionsneutralität“  den Weg in eine klimafreundliche Zukunft weisen, wie der WWF analysiert. Der neue Begriff ändere aber nichts daran, „dass wir uns gerade in Industrieländern schnell von Kohle, Öl und Gas verabschieden müssen, wenn der Vertrag zugleich das 1,5 Grad Limit globaler Erwärmung als angestrebte Zielmarke vorgibt“.

          Anderseits erscheint das 1,5-Grad-Ziel im aktuellen Umfeld wie eine politische Leer- und Wunschformel. Denn die von den 184 Staaten angemeldeten freiwilligen Beiträge zur Emissionsminderung reichen bei weitem nicht aus, auch nur das Zwei-Grad-Ziel annähernd zu erreichen. Die meistzitierte Spanne des zu erwartenden Temperaturanstiegs liegt zwischen 2,7 und 3,4 Grad Celsius am Ende des Jahrhunderts. Das ist das Doppelte des im Vertrag als akzeptabel genannten Temperaturanstiegs.

          Weitere Themen

          Im Namen der Freiheit

          Highlights des Klima-Urteils : Im Namen der Freiheit

          Das Bundesverfassungsgericht hat auch Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Das Klimaschutz-Urteil ist ein Füllhorn der Klima-Expertise – und keine Verfassungslyrik. Wir zitieren die beeindruckendsten Stellen.

          Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist Video-Seite öffnen

          Greenwashing : Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist

          Grüne Investitionen erobern die Finanzmärkte. Mehr als 300 Milliarden Dollar flossen 2020 in „nachhaltige“ Anlagen und brachen damit den Rekord des Vorjahres. Doch wirklich "grün" zu investieren, ist schwieriger als es klingt.

          Topmeldungen

          Cem Özdemir Anfang Mai in Stuttgart beim Online-Parteitag der Grünen.

          Cem Özdemir im Gespräch : „Boris Palmer sprengt jede Brücke“

          Der frühere Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir verzweifelt an seinem Parteifreund aus Tübingen. Die jüngste Debatte über Palmer zeige, dass dieser nicht für ein Ministeramt in Stuttgart geeignet sei.

          RKI-Zahlen : Sieben-Tage-Inzidenz fällt auf 107,8

          14.909 Corona-Neuinfektionen sind abermals ein Rückgang im Wochenvergleich. Die Ständige Impfkommission dämpft derweil Erwartungen an eine schnelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche. Und Christian Drosten gibt neue Prognosen für den Herbst und darüber hinaus ab.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.