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Energiekrise : Was bedeutet der Reservebetrieb von Atomkraftwerken?

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Wasserdampf steigt am 11. September 2022 aus dem Kühlturm des Atomkraftwerks (AKW) Isar 2. Bild: dpa

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck plant den möglichen Weiterbetrieb von zwei Atomkraftwerken. Ist das der Ausstieg vom Ausstieg? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

          3 Min.

          Welche Atomkraftwerke sollen länger am Netz bleiben?

          Noch sind drei Kernkraftwerke in Deutschland in Betrieb. Die Atomkraftwerke Isar 2 in Bayern und Neckarwestheim in Baden-Württemberg sollen als Einsatzreserve voraussichtlich bis zum Frühjahr 2023 am Stromnetz gehalten werden. Der dritte noch aktive Meiler im Emsland ist nicht als Teil dieser Notfallreserve vorgesehen und soll wie geplant zum 31. Dezember abgeschaltet werden.

          Was bedeutet Reservebetrieb?

          Die beiden Kraftwerke werden wie geplant Ende dieses Jahres heruntergefahren. Sie werden jedoch noch nicht vom Stromnetz genommen, sondern als Reservekraftwerke bereitgehalten. Sie produzieren dann zwar keinen Strom, können aber jederzeit wieder hochgefahren werden. Konkret bedeutet dies: Reaktoren werden weiterhin gekühlt, Sicherheitsüberprüfungen finden statt und die Mitarbeiter sind weiter im Dienst. Sollte der Ernstfall eintreten, können die Kraftwerke noch bis zum 15. April 2023 Strom produzieren.

          Wie funktioniert das Wiederhochfahren?

          Einfach ein- und ausschalten geht nicht. Ein abgeschaltetes Atomkraftwerk wieder anzufahren, dauert zwischen zwei Tagen und einer Woche. Für das Kernkraftwerk Isar 2 bedeutet dies laut Betreiber PreussenElektra, dass die Anlage nach entsprechender Vorbereitung zeitnah in einen Kurzstillstand geht, um eine Revision der Druckhaltervorsteuerventile durchzuführen. Nach dem Wiederanfahren kann das AKW mit dem bestehenden Reaktorkern bis voraussichtlich März 2023 weiterlaufen.

          Laut EnBW, dem Betreiber des AKW Neckarwestheim, wird dafür der Reaktorkern der Anlage mit schon vorhandenen teilverbrauchten Brennelementen neu zusammengesetzt. Neue Brennstäbe sollen nach Aussagen von Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) für den Reservebetrieb nicht gekauft werden.

          Der Meiler in Neckarwestheim könnte nach dem Wiederhochfahren bis zu 1,7 Milliarden Kilowattstunden Strom produzieren. Das entspricht etwa dem Stromverbrauch der privaten Haushalte einer deutschen Großstadt mit einer Million Einwohnern in einem Jahr.

          Wann wird entschieden, ob die Kernkraftwerke 2023 gebraucht werden?

          Die Entscheidung darüber soll spätestens Anfang Dezember fallen.

          Was heißt das für die Betreiber?

          Der Weiterbetrieb der Kraftwerke kostet natürlich Geld. Sollten die Kraftwerke tatsächlich wieder für die Stromproduktion genutzt werden, würden die Kosten durch den Verkauf von Strom ausgeglichen. Das Unternehmen EnBW hat sich dazu verpflichtet, eventuelle Gewinne in Maßnahmen der Energiewende zu investieren. Wird die Reserve nicht benötigt oder können die entstehenden Kosten durch die Erlöse aus dem Betrieb nicht gedeckt werden, erfolgt ein Verlustausgleich durch den Staat.

          Warum ist der Reservebetrieb überhaupt im Gespräch?

          Habeck begründet seine Entscheidung mit der angespannten Lage auf dem französischen Strommarkt. Mehr als die Hälfte der dortigen Atomkraftwerke sei nicht am Netz, es fehlten daher Strommengen, die Deutschland zum Teil mit Strom aus Gaskraftwerken ausgleiche. Nach dem Ende von routinemäßigen Wartungsarbeiten werden wohl viele Atomkraftwerke ans Netz gehen.

          Welche Reaktionen gibt es auf Habecks Vorschlag?

          Die Grünen unterstützen Habecks Pläne, betonen aber, dass es sich nicht um eine Laufzeitverlängerung handle. Der Reservebetrieb bedeute keine Abkehr vom Atomausstieg.

          Der FDP gehen die Pläne nicht weit genug. Angesichts einer drohenden Energiekrise im Winter fordert sie ebenso wie die oppositionelle CDU/CSU-Fraktion eine Verlängerung der Laufzeiten aller drei AKW. FDP-Fraktionschef Christian Dürr nannte Habecks Entscheidung einen „richtigen Schritt“. Auf Twitter betonte er allerdings: „Jetzt brauchen wir aber auch eine echte Laufzeitverlängerung, denn jede Kilowattstunde zählt." Auch Emsland müsse am Netz bleiben, neue Brennstäbe müssten dafür bestellt werden.

          Kritik kommt von Umweltschützern. „Es ist und bleibt energiepolitischer Unsinn, den gesetzlich festgelegten Atomausstieg zum 31. Dezember 2022 auszuhebeln“, sagte der Atomexperte Heinz Smital von Greenpeace. „Die Strommangellage in Frankreich durch Abschaltung zahlreicher AKWs zeigt, wie unzuverlässig Atomenergie ist. Daneben besteht das Risiko katastrophaler Atomunfälle.“

          Olaf Bandt, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), äußerte sich ähnlich: „Der Stresstest hat gezeigt, dass ein Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke die Energiesicherheit weder in Deutschland noch in Frankreich qualitativ verbessern wird.“ Atomkraftwerke bedeuteten „ein permanentes Sicherheitsrisiko“.

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