https://www.faz.net/-gqe-8c8c8

VW-Abgasskandal : „Wir sind nicht kriminell“

VW-Chef Matthias Müller bittet in Amerika um Entschuldigung. Bild: AP

Volkswagen-Vorstandsvorsitzender Matthias Müller kommt zum ersten Mal seit Beginn der Dieselaffäre nach Amerika. In Detroit entschuldigt er sich wortreich, gibt sich aber auch kämpferisch.

          3 Min.

          Entschuldigungen gehören in diesen Tagen zu öffentlichen Auftritten des Managements von Volkswagen. Anders konnte es auch nicht sein, als Vorstandsvorsitzender Matthias Müller sich am Sonntagabend erstmals seit Bekanntwerden der Manipulationen von Abgastests bei Dieselfahrzeugen auf amerikanischem Boden zeigte. Am Vorabend des Beginns der Auto Show in Detroit hatte VW das Restaurant „Fishbone‘s“ für einen Presseempfang angemietet, und Müller sparte in seiner mit Spannung erwarteten Rede nicht mit Worten des Bedauerns: „Es tut mir aufrichtig leid.“ „Die Schwere der Abgasangelegenheit ist mir voll bewusst.“ „Es sind nicht nur die Autos, die wir reparieren müssen, sondern auch unsere Glaubwürdigkeit.“

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Aber als Müller nach dieser abgelesenen Rede von einem Pulk von Journalisten belagert wurde und Fragen beantwortete, gab er sich auch kämpferisch. „Wir sind keine kriminelle Marke und keine kriminelle Gruppe,“ verteidigte er sein Unternehmen. Und nein, ihm sei vor der Reise nach Amerika nicht mulmig gewesen. Im übrigen solle die Chefin der Umweltbehörde EPA ihm doch bitteschön selbst ins Gesicht sagen, dass sie den bisherigen Rückrufplan von VW für die Vereinigten Staaten für „nicht akzeptabel“ hält, so wie sie das in der Öffentlichkeit getan hat. VW selbst sei der Auffassung, in einem „konstruktiven Dialog“ mit der Behörde zu stehen. Auch seinen Humor hat Müller offenbar nicht verloren. Als er auf die bis zu 90 Milliarden Dollar reichenden Schätzungen angesprochen wurde, die als mögliche Strafe im Rahmen der gerade eingereichten Klage des Justizministeriums angesprochen wurde, sagte er: „Ich bin gespannt, wann der erste über 100 geht.“

          Müller steht eine schwierige Woche bevor. Seinem Besuch auf der Messe wird eine Reise nach Washington folgen. Dort wird er am Mittwoch unter anderem mit EPA-Chefin Gina McCarthy sprechen, die zur Aufdeckung des Skandals im vergangenen September beigetragen hat. Das Treffen sei auf Initiative von VW zustande gekommen, sagte Müller. In Washington wird er nach eigenen Worten nicht nur McCarthy, sondern „viele Leute“ treffen, darunter auch Politiker, wobei er keine Namen nennen wollte.

          Allgemein schlägt VW derzeit viel Unmut von amerikanischen Behörden entgegen, denn der Konzern muss sich von mehreren Seiten anhören, er zeige bei der Aufklärung der Affäre nicht genug Kooperationswillen. In der Klage wird VW beispielsweise vorgeworfen, die Ermittlungen behindert und irreführende Angaben gemacht zu haben. Der New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneidemann, der zusammen mit Kollegen aus anderen Bundesstaaten Ermittlungen führt, hat moniert, dass VW sich mit Hinweis auf deutsche Datenschutzgesetze weigere, bestimmte Dokumente herauszugeben. „Uns reißt die Geduld mit Volkswagen,“ ließ er mitteilen. Müller bestätigte, dass die Gesetzeslage mit Blick auf den Datenschutz in Deutschland und den Vereinigten Staaten unterschiedlich sei, und dies müsse geklärt werden.

          Keine direkte Kritik an amerikanischen Behörden

          Anders als in Europa, wo die Abgasnormen weniger streng sind, steht der Plan für die Rückrufe der rund 600000 betroffenen Dieselfahrzeuge in Amerika noch nicht. Müller wollte keine Details über die Absichten von VW verraten, deutete aber an, dass auch Rückkäufe von Autos ein Teil der Lösung sein könnten. „Wir haben das nie ausgeschlossen,“ sagte er. Angesprochen darauf, wie viele Autos VW zurückkaufen könnte, sagte er nur, dies müsse mit der EPA besprochen werden. Am Tag nach dem Treffen in Washington läuft eine Frist ab, an deren die kalifornische Schwesterbehörde der EPA eine Entscheidung über die Rückrufe von VW treffen wollte.

          Auch wenn sich Müller kämpferisch gab, versuchte er doch, direkte Kritik an amerikanischen Behörden zu vermeiden und sich kooperationswillig zu zeigen. Er sagte, VW fühle sich in Amerika nicht unfair behandelt. Und „selbstverständlich“ würde er vor dem amerikanischen Kongress aussagen, wenn man ihn darum bitten würde. Bei einer Anhörung vor dem Kongress zur Abgasaffäre im Oktober wurde VW durch Michael Horn vertreten, den Chef des Amerika-Geschäfts.

          In seiner Rede gab Müller auch in Bekenntnis zum amerikanischen Markt ab. VW habe schon eine Milliarde Dollar in sein Werk in Chattanooga gesteckt und plane wie gehabt weitere Investitionen von 900 Millionen Dollar für die Produktion eines neuen sportlichen Geländewagens (SUV), die Ende dieses Jahres beginnen soll. Dies schaffe 2000 neue Arbeitsplätze in dem Land. VW hat in Amerika ein enttäuschendes Jahr hinter sich, die Verkaufszahlen schrumpften um 5 Prozent, obwohl es auf dem Gesamtmarkt einen Absatzrekord gab. Schon vor der Dieselaffäre hatte VW in Amerika Schwierigkeiten, und auch 2014 waren die Absätze deutlich gefallen.

          Fast schon Nebensache sind angesichts der Dieselaffäre derzeit die Neuheiten aus der Produktpalette, wobei VW damit versucht, Kompetenz mit alternativen Antrieben jenseits von Diesel und anderen Verbrennungsmotoren zu zeigen. In Detroit enthüllt VW eine Variante seines kompakten Geländewagens Tiguan. Die Studie Tiguan GTE ist ein sogenanntes Plug-In Hybrid, das neben dem Batteriebetrieb auf einen gewöhnlichen Verbrennungsmotor umschalten kann. Im reinen Elektrobetrieb soll das Auto bis zu 32 Kilometer fahren können, was allerdings deutlich hinter der Reichweite des Chevrolet Volt von General Motors zurückbleibt, einem anderen Plug-In Hybrid. In der vergangenen Woche hatte VW auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas  ein reines Elektroauto dabei, den Van „Budd-e“ im Stil des legendären VW-Bulli der sechziger Jahre. Auch dabei handelte es sich um eine Studie, die noch nicht produktionsreif ist. In Las Vegas ließ sich VW noch von Markenvorstand Herbert Diess repräsentieren. Detroit und Washington sind nun Chefsache.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kurze und höchst umstrittene Amtszeit: Stefan Jagsch spricht vor dem Gemeinschaftshaus in Altenstadt-Waldsiedlung.

          Nur einen Monat im Amt : NPD-Ortsvorsteher nach Eklat abgewählt

          Die Wahl eines NPD-Parteimitglieds zum Ortsvorsteher im hessischen Ort Altenstadt hatte bundesweit für Empörung gesorgt. Nun wurde Stefan Jagsch wieder abgewählt. Er fechtet die Entscheidung an – und versammelt einige Unterstützer hinter sich.

          AKK-Vorstoß : Gezielte Überrumpelung

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Koalitionspartner mit ihrem Syrien-Vorstoß schwer düpiert. Jetzt muss sie ihre Idee so seriös weiterentwickeln, dass sie dem Vorwurf entgeht, es sei ihr nur um die eigene Profilierung gegangen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.