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Airbus A400M : Frankreich freut sich, Deutschland krittelt herum

„Wir bekommen nur alle 40 Jahre einen neuen Flieger, das ist wirklich was ganz Besonderes“, sagt ein französische Major zufrieden Bild: AFP

Demnächst soll auch die Bundeswehr ihren ersten A400M bekommen. Ein Besuch auf dem Luftwaffenstützpunkt Orléans gewährt Einblicke in eine Hightech-Welt, die noch nicht alles kann, was versprochen wurde.

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          Hier haben Sie Roissy-Charles de Gaulle“, sagt der Ausbildungsoffizier und zaubert Bilder des Pariser Flughafens ins Cockpit. Rechts zeigen sich die runden Mauern des Terminals 1, links ein paar Passagiermaschinen. „Haben Sie auch Nizza?“, fragt eine Journalistin. Kein Problem, ein paar Klicks am Computer und vor den Piloten breitet sich die Côte d’Azur mit ihrem Küstenflughafen aus.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Der Flugsimulator für das Transportflugzeug A400M auf dem französischen Luftwaffen-Stützpunkt „Commandant Charles Paoli“ bei Orléans läuft derzeit auf Hochtouren. Die neueste Militärmaschine Europas ist dort vor einem guten Jahr angekommen. Zwei von fünf ausgelieferten A400M sind daher auch real auf dem Rollfeld zu begutachten, doch das Pilotentraining findet aus Kostengründen vor allem im Simulator statt. Die Stimmung der Mannschaften ist gut. Nach der aus den frühen sechziger Jahren stammenden Transall erhalten die europäischen Streitkräfte endlich ein neues Transportflugzeug, das sie schneller, über weitere Strecken und mit größeren Lasten zum Ziel bringen kann. Ein technologischer Quantensprung. „Wir bekommen nur alle 40 Jahre einen neuen Flieger, das ist wirklich was ganz Besonderes“, freut sich der französische Major Maxime Schaffhauser, der mit dem A400M schon mehr als 80 Stunden geflogen ist.

          Nach Frankreich, der Türkei und Großbritannien soll Ende November auch die Bundeswehr ihren ersten A400M bekommen. Doch die deutschen Abnehmer sind kritischer als ihre europäischen Partner. Oder sie halten damit zumindest in der Öffentlichkeit nicht hinterm Berg. „Es muss noch nachgerüstet und nachgearbeitet werden“, betont ein Sprecher der Luftwaffe. Nach jahrelangem Streit, der das Programm fast zusammenbrechen ließ, besitzt der A400M heute immer noch nicht alle jene Fähigkeiten, die das deutsche Militär bestellte. Die ersten Maschinen werden zwar Material und Truppen transportieren können, doch nicht viel mehr. In der ersten Version für die deutschen Streitkräfte können vor allem weder Fallschirmjäger abspringen, noch Materialien abgeworfen werden.

          Die Leistung ist beeindruckend

          Auch der Flug in umkämpfte Gebiete wird vorerst nicht möglich sein, denn dem A400M fehlen noch die vollständigen Selbstschutzanlagen, die etwa den Abwurf von Täuschkörpern gegen Angriffe von hitzesuchenden Raketen ermöglichen. Schließlich ist auch das Landen auf nichtgeteerten Böden sowie der automatisierte Tiefflug vorerst ausgeschlossen. Airbus entgegnet, dass viele dieser Fähigkeiten für die ersten Maschinen gar nicht vorgesehen waren. Der Konflikt schwelt, allerdings wohl nicht mehr auf höchsten Temperaturen. Airbus will rasch nachrüsten, und die Verhandlungen über Hersteller-Kompensationen seien „sehr weit gediehen“, sagt der Luftwaffensprecher.

          Airbus betont, dass es nun immerhin zur Auslieferung einer ganz neuen Flugzeuggeneration komme. Die französischen Piloten am Standort Orléans leisten Schützenhilfe für den Hersteller. „Wir sind zwar etwas enttäuscht, dass die ersten Maschinen einiges noch nicht können, was etwa die Transall kann“, sagt der französische Pilot, Oberstleutnant Christophe Puibeni. Darunter fällt das Abwerfen von Truppen und Material, „doch die Leistung der A400M ist beeindruckend“. So flogen die Franzosen den A400M schon erfolgreich in Mali. „Von Gao nach Bamako brauchten wir mit der Transall früher 2,5 Stunden. Jetzt dauert es nur eine Stunde“, berichtet Puibeni. Der deutsche Major Carsten Golusinski steht ihm zur Seite: „Man sollte die Maschine danach bewerten, was sie heute kann – und nicht danach, was noch fehlt oder sie gegebenenfalls gar nicht braucht. Ihr logistischer Wert ist heute schon immens“, sagt der Pilot, der als Austauschoffizier am Standort Orléans mehr A400M-Flugstunden absolviert hat als jeder andere deutsche Pilot. Selbst ins afrikanische Djibouti ist er mit den französischen Streitkräften schon geflogen. „Die Franzosen sehen den A400M positiver und sind stolz auf die Maschine“, sagt der 36 Jahre alte Deutsche.

          Erfolgreicher Jungfernflug der deutschen Maschine

          Das Cockpit des A400M ist auf jeden Fall ein Highlight an Hochtechnologie. Es entspricht weitgehend der Schaltzentrale eines A380, so dass die A400M-Piloten nach kurzer Einweisung auch den zivilen Riesenflieger steuern könnten. Im Sichtfeld des Piloten befindet sich ein „Head up Display“ – eine durchsichtige Scheibe, die den Piloten die wichtigsten Daten einspielt, ohne dass sie den Kopf senken müssen. Acht Flüssigkristall-Bildschirme sollen für zusätzliche Orientierung sorgen – in den Augen von Laien ein Ding der Unmöglichkeit, doch nach Aussagen der Piloten eine echte Hilfestellung. „Der A400M fliegt sich aber tatsächlich noch wie ein Flugzeug und ist kein Computer“, berichtet Major Golusinski. Wie bei allen Airbus-Maschinen wird der A400M durch ein Fly-by-Wire-System gesteuert, bei dem nicht mehr Hydraulik, sondern elektrische Signale die Steuerflächen bedienen. Der Pilot programmiert dabei einen Computer, der die Steuerbefehle weitergibt. So wird der Flugzeugführer von Routineaufgaben entlastet.

          In dieser Woche absolvierte die für Deutschland vorgesehene A400M am Produktionsstandort Sevilla erfolgreich ihren Erstflug, berichtet Airbus. Bis Mitte 2015 will der Hersteller auch den Hauptmangel aus Sicht der Bundeswehr abgestellt haben: Die fehlende Möglichkeit, Material abzuwerfen und Soldaten abspringen zu lassen – „voraussichtlich“, heißt es jedenfalls in einer Pressemitteilung des vorsichtig gewordenen Bundeswehr-Lieferanten.

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