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Vor Amtseinführung : Fulda bekommt einen pilgernden Bischof

Will sich endlich in Bewegung setzten: der neue Bischof in Fulda Bild: Rainer Wohlfahrt

Viele Katholiken im Bistum Fulda freuen sich auf ihren neuen Bischofs. Doch vor der Amtseinführung wird sich Michael Gerber sportlich durch Hessen betätigen.

          Der neue Bischof kommt mit einem dünnen, rechteckigen Koffer aus schwarzem Leder. Innen glänzt rotes Futter. Michael Gerber nimmt zwei dunkle Holzstücke heraus und schraubt die Enden ineinander. Dann greift er nach einem dritten Stück und fügt es den anderen hinzu. Oben befestigt der große, schmale Mann mit dem kurzen Haar und der großen Brille die Krümme. Anders als die drei Stücke aus Kastanienholz ist der obere Teil seines Bischofstabs aus gebleichter Linde gefertigt. Es zeigt zwei Hände, die nacheinander greifen. Eine gehört Gott, die andere dem Menschen.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Stab, den Gerber vor fünfeinhalb Jahren machen ließ, als er zum Weihbischof von Freiburg geweiht wurde, steht für vieles, was dem 49Jahre alten Theologe wichtig ist. Immer schon ist er gerne gepilgert. Eine gemeinsame Wanderung, auch über mehrere Tage hinweg, bringt die Menschen einander näher, wie er glaubt. Jede gemeinsam zurückgelegte Strecke erscheint ihm wertvoll. Das Pilgern hält er überdies für einen Ansatz, um vor allem jungen Christen die Relevanz des Glaubens und eine neue Perspektive nahe zu bringen. „Es geht darum, gelingende Wege zu sammeln“, sagt Gerber–in einer Welt, die im Umbruch sei und bleiben werde. „Die Zeit der Stabilität ist vorbei.“ Niemand könne mehr sagen, wie die Welt in einem Jahr aussehen werde. Die zentrale Frage laute daher: „Wie findet der Mensch von heute seine Beziehung zu Gott?“ Die Kirche könne darauf eine konstruktive Antwort geben.

          Viele Gäste und hoher Besuch erwartet

          Am Sonntag wird Gerber, der sich mit Ski-Langlauf und Schwimmen fit hält, in sein Amt als Fuldaer Bischof eingeführt. Von 15 Uhr an übernimmt die Aufgabe im Fuldaer Dom der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker. Der Hessische Rundfunk überträgt live. Im Dom und rundherum werden bis zu 1500 Gäste erwartet, unter ihnen wird der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sein.

          Geweiht werden muss Gerber nicht mehr, weil er schon Weihbischof ist. Sobald er auf der Cathedra, dem Ehrensitz des Bischofs, Platz nimmt, ist er offiziell Nachfolger von Heinz Josef Algermissen. Der war im Juni 2018 nach 17Amtsjahren in den Ruhestand gegangen. Gerber wird das mit etwa 390000Katholiken kleinste Bistum in Westdeutschland leiten. Größtenteils liegt es in Nord- und Osthessen. Über den Main-Kinzig-Kreis reicht es bis in den Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim hinein. Außerdem umfasst es Gebiete in Thüringen und eine bayerische Enklave im unterfränkischen Ostheim.

          Um sich und seine Ansichten vorzustellen, hatte Gerber etwa 30Journalisten ins Priesterseminar nach Fulda eingeladen, schlichtes Mittagessen im Refektorium inklusive. Der Mann redet schnell, die Hände sind dauernd in Bewegung. Sich selbst nennt er einen „eingefleischten Schwarzwälder und Alemannen“. Gerber ist überdies Mitglied der 1914 gegründeten Schönstattbewegung, die ihren Ursprung in Deutschland hat. Auf der Internetseite beschreibt sie ihren Kern so: „Die Spiritualität Schönstatts ist wesentlich geprägt vom Glauben an die Führung Gottes im alltäglichen Leben und einen Organismus personaler, lokaler und ideeller Beziehungen.“ Wie der neue Bischof legt sie Wert darauf, Jugendliche seelsorglich zu begleiten. Maria als „Frau in der Nähe Gottes“ spielt eine wichtige Rolle.

          Gespräch mit Opfern sexueller Gewalt

          Gerber sagt, von seiner Wahl zum Bischof sei er überrascht gewesen. „Wenn mir vor einem Jahr jemand gesagt hätte, ich werde Bischof von Fulda, hätte ich es nicht für möglich gehalten.“ Doch kurz nachdem er es erfahren habe, „habe ich gemerkt, dass da etwas in mir angesprungen ist“. Zum Standardsatz für seinen Wechsel hat er diesen erkoren: „Ich bin nicht gerne aus Freiburg weggegangen, aber ich bin gerne nach Fulda hingegangen.“ Er sagt den Satz in jede Fernsehkamera.

          Das Thema Missbrauch hält der neue Bischof für existenziell für die katholische Kirche. In Freiburg habe er oft mit Opfern gesprochen. „Es braucht den Kontakt.“ Gerber wirbt dafür, Kandidaten für das Priesteramt psychologisch zu begleiten. In Freiburg gebe es mehrere Gespräche mit Bewerbern, die unter anderen von Psychotherapeuten geführt würden. Solch frühe Eignungstests hätten dazu geführt, dass 2018 nur jeder zweite Kandidat in die Priesterausbildung aufgenommen worden sei. Außerdem müsse die Kirche auch nach einigen Jahren im Priesterberuf bei jedem Einzelnen noch einmal genau hinschauen und sich fragen: „Wie begleiten wir den?“

          Einführen will Gerber eine „Seelsorge für Seelsorgende“, die nicht nur Priestern, sondern allen Mitarbeitern in der Seelsorge offenstehen solle. Zum Zölibat sagt er: „Wir müssen die ehelose Lebensform, ein Leben wie Jesus, neu entdecken als eine gemeinschaftliche Lebensform.“ Deshalb sei ihm ein Netz aus befreundeten Priestern und anderen sehr wichtig. Er findet: „Das zölibatäre Leben ist kein Ruf in die Einsamkeit.“

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