KI in der Uni :
„Wer sich eine Hausarbeit schreiben lässt, lernt nichts“

Von
Lisa Marie Warkus
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Auch im Zeitalter von KI nützlich: Hausarbeiten schulen Lese- und Schreibkompetenz.
Auch im Zeitalter von KI nützlich: Hausarbeiten schulen Lese- und Schreibkompetenz.F.A.Z.

Besonders für die Geisteswissenschaften ist Künstliche Intelligenz eine große Herausforderung. Welchen Wert haben Hausarbeiten in Zukunft noch?

Ein Student gibt seine Hausarbeit ab. Die Argumentation ist schlüssig, die Sprache präzise, die Quellen sind scheinbar stimmig. Doch steht in der Fußnote, dass ein längst verstorbener Autor in diesem Jahr ein neues Sachbuch veröffentlicht haben soll. Ein möglicher Hinweis darauf, dass bei der Recherche eine Künstliche Intelligenz im Spiel war. Aber nicht immer ist es so eindeutig wie dieses Beispiel aus dem Hochschulalltag, von dem ein Dozent berichtet.

Für Laura Marie Höss, Dozentin für Neuere und Neueste Geschichte an der Technischen Universität Darmstadt, liegt im Schreiben von Hausarbeiten mit KI eine der größten Gefahren darin, dass Studenten wichtige Lernprozesse überspringen. „Ich frage mich tatsächlich, wie Menschen künftig eine Dissertation oder andere längere Texte schreiben sollen, wenn sie ihr Studium in einer Welt beginnen, in der KI ihnen einen großen Teil der Denkarbeit, des Aufwands und des eigenen Lernprozesses abnehmen kann“, sagt Höss. Wer sich Informationen nicht selbst erarbeite und Argumente nicht eigenständig entwickle, könne Schwierigkeiten bekommen, die Ergebnisse einer KI kritisch zu beurteilen.

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Schulung eigener Fähigkeiten

Auch Nathanael Busch, Professor für Germanistik an der Universität Marburg mit einem Schwerpunkt in der deutschen Literatur des Mittelalters, sieht das eigenständige Schreiben als unverzichtbaren Bestandteil des Studiums. „Wer sich eine Hausarbeit schreiben lässt, lernt dabei nichts.“ Busch hält deshalb an Hausarbeiten als Leistungsnachweis fest. Auch, weil er befürchtet, dass sich die Fähigkeiten zum Lesen und Schreiben langfristig verschlechtern könnten. Dabei gehe es nicht in erster Linie darum, unerlaubte KI-Nutzung zu bestrafen. Hochschulen müssten Studenten vielmehr die Gelegenheit geben, diese Fähigkeiten überhaupt zu entwickeln. „Zugleich müssen wir sie dabei unterstützen, Lesen und Schreiben zu erlernen – gegebenenfalls auch auf andere Weise.“

Geschichtsdozentin Laura Marie Höss von der Technischen Universität Darmstadt.
Geschichtsdozentin Laura Marie Höss von der Technischen Universität Darmstadt.Bloom Fotostudio / Masa Yuasa

Stephan Jolie, Vizepräsident der Universität Mainz, sieht einen möglichen Ansatz in gezielten Lernphasen ohne KI. „Studierende müssen wissen, was sie auch ohne KI leisten können“, sagt Jolie. Nur wer einen eigenen Standpunkt entwickle und grundlegende Fähigkeiten selbst einübe, könne einschätzen, welchen Beitrag die Technologie leiste und wo ihre Grenzen lägen. Deshalb brauche es Gelegenheiten, bewusst selbst zu schreiben, zu recherchieren und Gedanken zu entwickeln – „gelegentlich auch mit Papier und Bleistift“.

„Selbst für das verantwortlich, was man abgibt“

Hochschullehrer sehen KI keineswegs nur kritisch. Sie kann Gedanken strukturieren, Formulierungen verbessern und neue Perspektiven eröffnen. Die Grenze zwischen Unterstützung und der Übernahme einer eigenständigen Leistung ist allerdings nicht immer eindeutig. Laura Marie Höss nutzt KI selbst, vor allem zur sprachlichen Überarbeitung. Manchmal kenne man den Gedanken, finde aber nicht die passende Formulierung. Dann könne ein Sprachmodell ähnlich helfen wie eine Kollegin, die man um Rückmeldung bitte. Entscheidend sei, dass die KI helfe, einen vorhandenen Gedanken auszudrücken statt ihn anstelle der schreibenden Person zu entwickeln.

Germanistikprofessor Nathanael Busch  von der Universität Marburg
Germanistikprofessor Nathanael Busch  von der Universität MarburgHenrik Isenberg

Auch Stephan Jolie sieht in der Technologie einen möglichen kreativen Impulsgeber. Wir müssten uns mit KI auseinandersetzen, sie als Teil unseres Alltags annehmen und produktiv nutzen – „dabei aber die Kontrolle behalten“.

Nathanael Busch von der Uni Marburg erkennt ebenfalls Vorteile in der KI-Nutzung. Wer etwa Probleme damit habe, einen Brief an eine Behörde oder einen juristischen Text zu formulieren, könne durch KI Unterstützung erhalten. Dadurch ließen sich bestimmte Zugangshürden abbauen. Doch Unterstützung setze voraus, dass die Ergebnisse selbst beurteilt werden könnten. „Die Maschine weiß nicht, ob etwas wahr oder falsch ist; sie kennt weder den tatsächlichen Sachverhalt noch den Kontext vollständig“, so Busch.

Zugleich warnt er davor, dass Menschen durch den Einsatz hilfreicher Technik das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten verlieren könnten. Ähnlich wie beim Taschenrechner bestehe die Gefahr, Fähigkeiten weniger zu nutzen, weil eine Maschine die Aufgabe übernehmen könne. Wer sich das Schreiben eines Protokolls nicht mehr zutraue, lasse es womöglich gleich von der KI erledigen. Die Herausforderung bestehe somit nicht darin, jede Unterstützung zu vermeiden. Vielmehr müssten Studenten lernen, wann sie sinnvoll sei und wann sie ihnen eine Erfahrung für ihre Ausbildung nehme.

Braucht es neue Prüfungsformen?

Wenn sich wissenschaftliche Texte mit KI erzeugen lassen, müssen Hochschulen darüber nachdenken, wie sie studentische Leistungen künftig bewerten. Die Uni Mainz beschäftigt sich schon mit verschiedenen Möglichkeiten. Eine besteht darin, Hausarbeiten stärker mit anderen Prüfungsformen zu verbinden. Mündliche Prüfungen, Präsentationen oder Gespräche über die eigene Arbeit können zeigen, ob Studenten ihre Argumentation verstehen, Entscheidungen erklären und auf kritische Nachfragen reagieren können. Auch Portfolios oder dokumentierte Arbeitsprozesse könnten Einblicke darin geben, wie eine Arbeit entstanden ist.

Prof. Dr. Stephan Jolie, Vizepräsident der JGU Mainz
Prof. Dr. Stephan Jolie, Vizepräsident der JGU MainzPeter Pulkowski / JGU

Höss setzt zudem stärker auf den Austausch während des Semesters. „Ich würde mir grundsätzlich eher eine Anwesenheitspflicht wünschen“, so die Dozentin. „Ich glaube, dass deutlich mehr gelernt wird, wenn die Studierenden regelmäßig an den Sitzungen teilnehmen, mitdenken und sich an den Diskussionen beteiligen.“ Das hält Höss für wirkungsvoller als das Schreiben von Hausarbeiten, die mit KI erstellt werden könnten.

Allerdings lösen auch neue Prüfungsformen nicht jedes Problem. Eine mündliche Prüfung kann Verständnis sichtbar machen, ersetzt aber nicht zwangsläufig die Fähigkeit, einen komplexen Text zu verfassen. Umgekehrt beweist eine sprachlich überzeugende Hausarbeit noch nicht, dass ihr Verfasser die darin entwickelten Gedanken selbständig nachvollziehen kann.

„Herausforderung und Chance“

Langfristig dürfte es immer schwieriger werden, wissenschaftliche Texte allein anhand ihrer sprachlichen Qualität zu bewerten. Wenn KI schon heute überzeugende Argumentationen und gut strukturierte Texte erzeugen kann, könnte sich der Anspruch an studentische Arbeiten weiter verändern. Vizepräsident Jolie hält es für möglich, dass zukünftige Hausarbeiten ein Niveau erreichen, das heute eher dem eines anspruchsvollen Fachartikels entspricht. Entscheidend werde dann umso mehr, welche eigenständigen Gedanken eine Arbeit enthalte und worin ihr wissenschaftlicher Beitrag bestehe.

Jolie gibt Studenten, die KI ausprobieren wollen, einen Tipp mit auf den Weg: Viel ausprobieren und die Grenzen der Systeme testen, auch Datensouveränität sei wichtig, mit offenen Modellen, um Daten nicht großen Technologiekonzernen zu überlassen. Studenten sollten KI auch mit Blick auf Nachhaltigkeit bewusst einsetzen.

Die Universitäten wollen weder auf Workshops verzichten, die auch Studenten in den Geisteswissenschaften mit Künstlicher Intelligenz vertraut machen, noch auf Hausarbeiten. „Wir bilden an Universitäten nicht nur für heute oder morgen aus, sondern für übermorgen“, so Jolie. „Wir müssen junge Menschen dazu befähigen, Herausforderungen zu bewältigen, die wir selbst noch nicht absehen können. Darin liegt eine große Aufgabe und eine große Chance für die Geisteswissenschaften.“

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