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Weltfrauentag : Jede siebte Frankfurterin ist arm

In Armut leben: Jede siebte Frau in Frankfurt hat nicht genug Geld. Bild: Frauenreferat Frankfurt

In Frankfurt leben rund 43.000 Frauen, die von Armut betroffen sind. Zum Internationalen Frauentag hat das Frauendezernat deshalb eine Kampagne vorgestellt.

          In Frankfurt leben rund 43.000 Frauen, die von Armut betroffen sind. Das hat Frauendezernentin Sarah Sorge (Die Grünen) mitgeteilt, als sie mit Hinweis auf den Internationalen Frauentag die neue Kampagne des Frauenreferats vorstellte, die den Titel „Armut ist eine Frau“ trägt. Die Kampagne soll Schwerpunkt der städtischen Frauenarbeit in diesem Jahr sein.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die 43.000 Frauen seien, so Sorge, entweder Empfängerinnen von Hartz IV, erhielten Grundsicherung im Alter oder andere staatliche Unterstützungen. Damit lebe jede siebte Frau in der Stadt in Armut. Vermutlich liege die Zahl aber noch höher, sagte Sorge. Es gebe zahlreiche Fälle verdeckter Armut, in denen Betroffene oft aus Schamgefühl die staatlichen Hilfen nicht beanspruchten. „Das sind zu viele in einer so reichen Stadt wie Frankfurt.“

          Frauen leisten zu zwei Dritteln unbezahlte Arbeit

          Diese große Zahl von armen und von Armut bedrohten Frauen habe ihre Ursache etwa in Gesetzen wie dem Ehegattensplitting und der Möglichkeit, Frauen in der Krankenkasse des Ehemanns mit zu versichern, solange sie nichts oder wenig verdienten. Das biete falsche Anreize, sagte Sorge.

          Auch die Arbeitsteilung in den Familien sei mit schuld daran, dass sich Frauen zu wenig um die eigene Existenz- und Alterssicherung kümmerten. Nach Angaben der Dezernentin leisten Frauen durch Kindererziehung und Pflege der Eltern zu viel Arbeit, die nicht entlohnt werde. Eine Faustregel laute, dass Frauen zu zwei Dritteln unbezahlte Arbeit erbrächten und nur für ein Drittel bezahlt würden. Bei Männern sei das Verhältnis genau umgekehrt.

          Im Fall einer Trennung oder Scheidung werde die Situation für die Frauen häufig prekär. Denn heute ende mit der Ehe auch das Solidaritätsmodell. Die familiäre Fürsorge könne deshalb für Frauen zum Armutsrisiko werden. Alleinerziehende hätten von vorneherein ein höheres Risiko zu verarmen.

          Frauen verdienen 22 Prozent weniger als Männer

          Natürlich könnten Frauen im Lauf ihres Lebens durch Schicksalsschläge in Armut geraten. Aber sie träfen auch oft genug Entscheidungen, die das Armutsrisiko erhöhten, sagte Sorge. So wählten sie ihren Beruf danach aus, ob er ihnen gut gefalle, ihr Traumjob sei oder sich mit der Familie vereinbaren lasse. Auf die Bezahlung achteten sie nicht. Überdies werde in frauentypischen Berufen wie Erzieherin und Krankenschwester bedeutend weniger Gehalt gezahlt als in klassischen Männerberufen, kritisierte Sorge. In der Folge verdienten Frauen in Deutschland noch immer 22 Prozent weniger als Männer. So entstehe eine Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern, die, verglichen mit anderen europäischen Ländern, extrem groß sei.

          Um Frauen stärker auf die vielen selbst getroffenen Entscheidungen aufmerksam zu machen, die sie in die Armut führen könnten, beginnt das Frauenreferat am heutigen Weltfrauentag mit einer Plakataktion. Gezeigt werden verschiedene Frauen, die in Schlagworten schildern, warum sie arm geworden sind. Beispielsweise die rund vierzig Jahre alte Mutter, die auflistet: „1 Ex-Mann, 3 Kinder, 2 Minijobs, 0 Rente.“

          Um vor allem Mädchen und junge Frauen zum Nachdenken zu bringen, die viele Lebensentscheidungen noch vor sich haben, hat das Frauenreferat ein Brettspiel entworfen. Manche Entscheidungen lassen die Spielerin vorrücken, andere führen dazu, dass sie aussetzen oder Felder zurückgehen muss. Alle Informationen zur Kampagne sind im Internet unter www.armut-ist-eine-frau.de zu finden.

          Freitagabend fand im Kaisersaal des Römer der traditionelle Empfang der Frauendezernentin zum Weltfrauentag statt. Eingeladen waren rund 400 Gäste, die in Frankfurt in der Frauenarbeit tätig sind.

          Am Samstag hat ein offenes Bündnis verschiedener Frauen, Organisationen und Parteien Aktionen auf der Zeil in Höhe der Hasengasse veranstaltet. Um 17 Uhr starteten die Aktiven ihren Gang zum DGB-Haus in der Wilhelm-Leuschner-Straße.

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