Bundespräsidialamt : Zwei Hessen im Poker um Steinmeiers Nachfolge

Ines Claus, die Fraktionschefin der hessischen CDU, ist im Rennen um das Bundespräsidialamt. Zuvor war Ministerpräsident Boris Rhein als Kandidat gehandelt worden. Für den Bundeskanzler ist Claus die bequemere Option.
Als Ines Claus, die Vorsitzende der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag, im März in einem Interview der F.A.Z. gefragt wurde, ob Boris Rhein als Bundespräsident infrage käme, antwortete sie: „Sie wissen, dass ich ein großer Fan unseres Ministerpräsidenten bin. Er war ein großartiger Landtagspräsident und hat die Kraft zu integrieren. Und er leistet als Regierungschef erstklassige Arbeit. Er hat die Befähigung für das Amt auf jeden Fall. Aber wir sind auch froh, dass wir hier in Hessen einen sehr guten Ministerpräsidenten haben.“
Ob der Bundeskanzler und Parteichef Friedrich Merz schon damals bei seiner Suche nach einem weiblichen Staatsoberhaupt ein Auge auf die Neunundvierzigjährige geworfen hatte oder nicht – Claus hat in der ihr eigenen, gelegentlich zu vorsichtigen Art klug agiert. Denn heute ist sie selbst Kandidatin.
Wie Söder ein F.A.Z.-Interview interpretiert
In dieser Rolle tritt sie Rheins Nachfolge an. Er war im Februar des vergangenen Jahres in einem Interview der F.A.Z. unvorbereitet darauf angesprochen worden, dass er „als einer der möglichen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt“ werde. „Das ehrt mich“, sagte Rhein. Er fand Gefallen an der Frage.
„Das Amt des Staatsoberhaupts ist gerade in der jetzigen Zeit, in der wir uns in einer schwierigen gesellschaftlichen Lage befinden, unglaublich wichtig. Wer es innehat, kann die Menschen zusammenführen, Themen für unser Land setzen und eine gemeinsame Richtung mit neuen Perspektiven aufzeigen. Ich bin aber als hessischer Ministerpräsident gewählt, und diese Aufgabe macht mir große Freude.“
Das Interview erschien an dem Tag, an dem die CDU in Berlin einen Bundesparteitag abhielt. Markus Söder, der Gast der Schwesterpartei, hatte den Text nicht nur gelesen, sondern eine Passage auch interpretiert: „Jetzt will der Boris auch schon Bundespräsident werden.“ So lautete der Tenor eines Satzes, den der CSU-Politiker am Rande der Veranstaltung im Plauderton geäußert haben soll.
Rhein, Merz und die Frauenfrage
Als die Debatte über die Steinmeier-Nachfolge im Sommer dieses Jahres öffentlich geführt wurde, meldete „Bild“, Rhein sei „heißer Favorit“ des Kanzlers. Das war eine Übertreibung der Tatsache, dass der 54 Jahre alte Frankfurter für das Amt im Gespräch war.
Doch gegen ihn wurde von Anfang an parteiübergreifend eingewandt, es sei „endlich an der Zeit“, das Amt mit einer Frau zu besetzen. Dass Merz diese Forderung immer ernst genommen hat, dürfte auch daran liegen, dass er der verbreiteten Behauptung, er habe „ein Problem mit Frauen“, keine neue Nahrung geben will.
Vor diesem Hintergrund soll ein Gespräch mit Merz stattgefunden haben, in dem Rhein ankündigte, sich auch in den nächsten Jahren auf Hessen zu konzentrieren, um bei den Landtagswahlen im Herbst 2028 im Amt des Regierungschefs bestätigt zu werden. Dazu passt die kommunikative Offensive, mit der der Ministerpräsident sich auf der nationalen Ebene hervortat.
Rhein ist aus dem Rennen
Seine Kritik an der Bundesregierung und die im Hinblick auf den Umgang mit der AfD formulierte Parole „Abgrenzung statt Ausgrenzung“ konnte dem Bundeskanzler nicht gefallen und löste in Teilen der SPD Entsetzen aus. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass Merz seinen hessischen Parteifreund nicht als Staatsoberhaupt vorschlagen würde. Und hätte er es getan, hätten die Sozialdemokraten ihn abgelehnt.
Wie Rhein im Sommer, so rückt jetzt Claus als „Favoritin des Kanzlers“ in den Fokus der Öffentlichkeit. Merz hat erklären lassen, dass er noch nicht festgelegt sei. Aber er hat Claus nicht aus dem Rennen genommen. Und sie ließe sich für ihn leichter durchsetzen als Rhein.
Auch Claus selbst denkt nicht daran, aus dem Rennen auszusteigen. Stattdessen antwortet sie auf Nachfragen der F.A.Z. genau wie Rhein mit den Worten: „Es ist für mich eine große Ehre, in diesem Zusammenhang genannt zu werden.“ Dass sie aus der „örtlichen CDU“ ins Spiel gebracht worden sei, ist eine der journalistischen Spekulationen, die man nicht glauben muss.
Vieles spricht dafür, dass die Berichte ihren realen Ursprung in Berlin haben. Jedenfalls boten sich Merz über Jahre hinweg zahlreiche Gelegenheiten, Claus aus der Nähe zu erleben. So gehört sie beispielsweise seit 2022 dem Präsidium der Bundespartei an. Seit dem Februar dieses Jahres ist sie eine der Stellvertreterinnen des Bundesvorsitzenden. In dieser Eigenschaft gehört sie zu dem Kreis, der über die Toppersonalie berät. Und ihr Ministerpräsident kommt auch dazu.





