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Im Norden Griechenlands : Beim Zeus

Glückliches Kastoriá! Die Krise hat die nordgriechische Stadt bislang verschont. Bild: Andreas Kilb

Wer durch den Nordwesten Griechenlands fährt, spürt von der Krise wenig: Die Schaufenster sind voll, die Museen leer, und in Dodona steht der Besucher allein unter der heiligen Eiche des Zeus.

          8 Min.

          An diesem Nachmittag hängt ein Vorhang aus Regenwolken über Kastoriá. Das elegante Café „Byzantio“ in einem klassizistischen Gebäude am Omonia-Platz hat vor einigen Monaten Pleite gemacht und steht seitdem leer. Auf einem Transparent über dem Kafenion an der Nordseite des Platzes, in dem sich zwei ältere Ehepaare über ihre Ouzo-Gläser beugen, wirbt der örtliche Musikverein um Mitglieder. Der Kinderspielplatz vor der kleinen Kirche des heiligen Nikolaos Kasnitzi liegt ausgestorben da, die Freskenreste an der Außenwand der Dreiheiligenkirche schimmern trüb im schwindenden Licht. Vor der Taxiarchenkirche weiter unten am Hang sitzt ein junges Paar küssend im Nieselregen. „Poleitai“, zu verkaufen, steht an vielen Häusern auf dem Weg zum Seeufer. Es sieht alles genau so aus, wie man sich den Alltag der Krise in einer griechischen Provinzstadt vorstellt, an einem Ort, den selbst die Demonstranten meiden, weil sich kein Fernsehteam je hierher verirrt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber natürlich täuscht dieses Bild. Schon am frühen Abend, kaum dass der Regen nachgelassen hat, sind die Restaurants an der Uferpromenade voll, Partymusik dröhnt aus Lautsprechern, das Kino in der Mitropoleos-Straße zeigt den „Großen Gatsby“, und der Verkehr braust durch Kastoriá, als hätten gerade die Ferien begonnen. In den Einkaufsstraßen an der Südseite der Halbinsel im Orestiadasee haben die Boutiquen bis 22 Uhr geöffnet, und eine vorwiegend griechische Kundschaft begutachtet die aus Pelzresten genähten Jacken, Mützen und Stolen, die auch im Sommer angeboten werden. Kastoriá, steht in den Zeitungen, ist die einzige Stadt Griechenlands, die auch in der Krise eine positive Handelsbilanz aufweist, weil das traditionelle Pelzgeschäft nach wie vor floriert. Jedes Jahr trifft sich die Branche hier zu einer Messe.

          Ein Spitzenprodukt moderner Straßenbautechnik

          Alles ist also im Lot, die Krise wütet anderswo. Wären da nicht die historischen Prachtbauten, die im Nordteil der Altstadt vor sich hin rotten, die Familienpaläste der Natzis, Bassara, Skutaris und anderer Sippen, die im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert unter der Herrschaft der Osmanen blühten. Einer von ihnen, das Haus der Brüder Emmanouil, ist in ein Museum umgewandelt worden, in dem bürgerliche Kleider und Luxusgegenstände aus Kastoriás großer Zeit ausgestellt sind. Die anderen, hohe, trutzige Gebilde mit Sockelgeschossen aus aufgemauerten Bruchsteinen, auf denen prunkvolle Wohn- und Schlaftrakte aus Edelholz thronen, dämmern hinter Bauzäunen und Schutznetzen dem Abriss entgegen.

          Im Byzantinischen Museum auf der Kuppe des Hügels, auf dem Kastoriá liegt, ist der Gast aus Deutschland am nächsten Vormittag der einzige Besucher, der die Ikonen aus den vielen alten Kirchen der Stadt sehen will. In den Hotels heißt es, das Geschäft mit den Urlaubern aus Athen und Thessaloniki, die im Sommer hierherkommen, um die frische Luft zu genießen und in den Bergen zu wandern, sei zurückgegangen. Die meisten kämen nur noch übers Wochenende oder für ein paar Tage. Und der nagelneue Autobahnarm, der die Region Westmakedonien mit der albanischen Grenze verbindet, ist auf der Hin- und Rückfahrt fast leer, so dass man in aller Ruhe die großen Hinweisschilder betrachten kann, auf denen vor freilaufenden Bären aus dem nahen Pindosgebirge gewarnt wird.

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