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Fernwanderwege : So weit die Schuhe tragen

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Über Pässe und Gletscher: Der Europäische Fernwanderweg zwischen der Kempter Hütte und Oberstdorf Bild: Freddy Langer

Von München nach Venedig, immer der Donau entlang oder über Pässe und Gletscher: Fernwanderwege und 24-Stunden-Touren sind beliebter als je zuvor. Allein von der Isar an die Adria sind jedes Jahr rund 500 Wanderer unterwegs.

          Fernwanderer sind die Marathonläufer unter den Wanderern. Eine gewöhnliche Rundtour reicht ihnen nicht, es muss schon besonders weit, besonders hoch und besonders anstrengend sein. Und weil viele genau darin eine besondere Herausforderung sehen, ist Fernwandern, ähnlich wie Marathonlaufen, zu einem weltweiten Phänomen geworden: Einige Tage, mehrere Wochen, viele Monate auf der Via Alpina entlang des 1200 Kilometer langen Alpenbogens in 161 Tagesetappen von Triest nach Monaco, in zwei Monaten auf dem Grande Traversata delle Alpi rund tausend Kilometer und über 65.000 Höhenmeter vom Wallis bis zu den Seealpen oder in etwa fünf Wochen von München nach Venedig.

          Die Entwicklung der Fern- oder Weitwanderwege begann, als Ludwig Graßler am 24. September 1974 in Venedig ankam und der Oberbayer endlich am Ziel seiner Träume war. Bei einer Wanderung von München zur Isarquelle im Karwendelgebirge war seiner Frau die Idee gekommen, den Weg bis nach Venedig fortzusetzen. Graßler war begeistert: 1973 startete er den ersten Versuch, den er wenige Etappen vor Venedig abbrechen musste. Im Jahr darauf stand er, 28 Tage nachdem er an der Münchner Mariensäule aufgebrochen war, endlich vor dem Dogenpalast.

          Über die Alpen

          Was Ludwig Graßler damals nicht ahnen konnte: Mit seiner Wanderung vom Münchner Marienplatz zum Markusplatz in Venedig hat er einen Trend begründet. Seither haben es ihm Tausende gleichgetan. Über Pässe und Gletscher, durch Täler und Schluchten, bei Sonnenschein und Schneetreiben legen sie mehr als 500 Kilometer und 20.000 Höhenmeter zurück. Rund 500 Wanderer sind jedes Jahr zu Fuß von der Isar an die Adria unterwegs, schätzt Graßler.

          Dabei hatte es zunächst den Anschein, als würde niemand jemals von der Alpenüberquerung erfahren. Ludwig Graßler beschrieb die Tour zwar ausführlich und fertigte sogar Tuschezeichnungen an, doch er fand keinen Verleger für das Bändchen. Schriftlich bekam er damals von einem Verlag, dass diese Route nie begangen werden würde und das Buch bestimmt keinen Absatz fände. Ein Verein druckte das Bücherl schließlich und verschenkte es unter seinen Mitgliedern. Mittlerweile hat der Münchner Bruckmann-Verlag den Wanderführer schon mehr als 18.000 Mal verkauft.

          Die Tour gehört auch zu den am meisten gebuchten Fernwanderungen im Angebot des DAV Summit Clubs. 1987 hat der Reiseveranstalter die Wanderidee aufgegriffen und seither rund 1600 Wanderbegeisterte auf den Spuren Ludwig Graßlers über die Alpen geführt. In diesem Jahr sind drei Gruppen mit je 15 Teilnehmern unterwegs. München–Venedig ist ausgebucht. Im nächsten Jahr will man einen vierten Termin anbieten.

          München-Venedig gehört längst zu den Klassikern

          In den vergangenen Jahren verstärkte sich der Trend, die Strecke wieder an einem Stück zu gehen. Beliebt, weil arbeitnehmerfreundlich, waren lange Zeit Wochenetappen, die über mehrere Jahre verteilt wurden. „Interessanterweise wird wieder zunehmend die komplette Tour gebucht. Das ist wie am Jakobsweg auch, man will die Herausforderung komplett und auf einmal haben. Man will am Ziel ankommen. Und dafür nimmt man sich auch die ansonsten knappe Zeit“, sagt Christoph Thoma vom DAV Summit Club.

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