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Frankfurter Zeitung 05.05.1919 : Das schnelle Ende der Münchner Räteherrschaft

  • Aktualisiert am

Am 2. Mai 1919 werden gefangene Kommunisten von Freikorpssoldaten abgeführt. Bild: Picture-Alliance

Regierungstreue Freikorps ziehen Anfang Mai in München ein und liefern sich erbitterte Gefechte mit den kommunistischen Kämpfern. Die Stadt gleicht einem Schlachtfeld.

          München ist in ein Kriegslager verwandelt. Feldmäßig ausgerüstete Truppen durchziehen die Straßen, stellen an allen Ecken und Plätzen Wachen aus und üben strenge Kontrolle über die Passanten. Doch stehen die roten Gardisten in den östlichen Vorortvierteln in heftiger Gegenwehr und auch in einzelnen Teilen der inneren Stadt flackern hin und wieder Kämpfe auf. Ueber München ist das Standrecht verhängt; um 7 Uhr abends müssen die Straßen geräumt sein. Eiserner Zwang hält die Stadt in Raison. Aber durch die Bevölkerung, soweit sie nicht von dem Fieber des Fanatismus ergriffen ist, den die kommunistische Bewegung erzeugt hat, geht ein Aufatmen, denn München ist, wenn auch noch von Waffen und Kampflärm erfüllt, wieder frei.

          Als Symbol der Freiheit ist heute die Presse, die vier Wochen geknebelt und unterdrückt war, wieder erschienen. Der Bann der geistigen Absperrung, der schwerer fast als der Druck einer terroristischen Willkürherrschaft, auf der Bevölkerung lastete, ist gebrochen, Gierig greift das Publikum nach den Zeitungen, die die Erlösung von dem Gewaltregiment des großen Schwedens begrüßen und über die Vorgänge der letzten Tage eine verwirrende Fülle von Einzelheiten zu berichten wissen. Aus allen diesen Schilderungen geht hervor, daß die jüngsten Ereignisse selbst die Phantasie jener betriebsamen Berichterstatter in Schatten gestellt haben, die in den ersten Wochen der Räterepublik von Bamberg, Augsburg und Nürnberg aus sich in der Erfindung von Münchener Greueltaten nicht genug tun konnten.

          Bis zum Anfang dieser Woche äußerte sich der Terror der Räterepublik nicht in Gewaltakten gegen das Leben der Bevölkerung. Seine unheimliche Wirkung bestand in der furchtbaren Korruption und Zerrüttung aller öffentlichen Verhältnisse, in der Aufhebung der Sicherheit des Eigentums, in  dem schleichenden Denunziantentum und der Verfolgung und Bedrohung der persönlichen Freiheit eines jeden, der von Kommunisten verdächtigt war. Die Zeit der zügellosen Gewalttaten brach erst herein, als der Auflösungsprozeß der Rätediktatur die Gegensätze zwischen den Einsichtigeren unter den radikalen Führern, die das völlig Unhaltbare der ganzen Situation erkannt hatten und darum einen Ausweg in der Verständigung mit der Bamberger Regierung suchten und den brutalen Gelüsten jener nihilistischen Kreise, denen es nur auf eine Betätigung ihres zügellosen Lassens gegen alle Vertreter einer anderen Anschauung ankam, in offener Feindschaft aufeinanderplatzen ließ. Da erst erwachten in Manchen die unmenschlichsten Instinkte und ließen Verbrechenstaten, entstehen, wie sie in den blutigsten Epochen aller Revolutionen kaum erlebt worden sind.

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          Ueber die Blutschuld der Levien und Leviné-Nissen, die vor dem Ausbruch des Bruderkampfes, den sie selbst entfesselten, ihr Leben in Sicherheit gebracht hatten, und ihre mitverantwortlichen Helfershelfer in der Räteregierung, wird noch manches zu sagen sein. Jetzt darf die mehrheitssozialistische „Münchner Post“ wagen, Reden wiederzugeben, mit denen jene Führer der Münchner Kommunisten das Proletariat zu Gewalttaten aufzupeitschen versuchten. Er hat der heute auf der Flucht erschossene Befehlshaber der Roten Armee Egelshofer bereits am 4. April in einer Soldenversammlung, die von der kommunistischen Partei Deutschlands einberufen war, ausgeführt, es tue ihm jedesemal leid, wenn er nach Kiel oder München komme und sehe nicht an jedem Laternanpfahlen einen Offizier oder Kapitalisten hängen. Er sei von seinen eigenen Genossen wegen dieser Aeußerung ein roher Mensch genannt worden, aber das hindere ihn nicht, seine Ansicht zu sagen.

          Die Kapitalisten hätten das Volk in die Schützengräben gestellt und erschlagen lassen, da sei es nicht so schlimm, wenn man es den Kapitalisten ebenso mache. Wenn man sie so ausrotte, seien sie ein für allemal erledigt. In der letzten Rede, die Dr. Levien am 28. April im Münchner Kindlkeller hielt, sagte er, im Weltkrieg hätten sich Millionen von Proletariern im Interesse des Kapitalismus totgeschossen, da komme es nicht darauf an, ein paar tausend Bürgerlichen die Gurgeln aufzuschneiden. Die Kommunisten müßten jetzt in allen Bezirken der Stadt, seinetwegen auch in jeden größeren Betrieb, Tribunale errichten. Es dürfe nicht so gehen wie jetzt, wo man ein Tribunal habe und vor lauter Bedenken zu keinen Urteil komme. Tausende von Proletariern hätte man im Krieg standesrechtlich erschossen, da dürfe man das Bürgertum nicht mit Slacéhandschuhen anfassen.

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