Leserbrief : 23. Januar 2026

Deutschunterricht +++ Gendarmenmarkt +++ Deutscher Werbemarkt +++ Germanist Karl Riha gestorben
Was Deutschunterricht leisten sollte
Zum Leitartikel „Abwärtsspirale im Deutschunterricht” von Heike Schmoll (F.A.Z. vom 20. Januar): Zum 375-jährigen Jubiläum des Konrad-Celtis-Gymnasiums Schweinfurt 2009 trug ich für die Festschrift unter anderem folgende Gedanken zur Situation des Deutschunterrichts bei: Es gab (gibt?) eine Zeit, in der Deutschunterricht dienen sollte: einer „wahren Bildung, die hauptsächlich auf die Entwicklung der höheren Kräfte des Verstandes, der Phantasie und des Gefühls gerichtet sein muss (. . .). Die großen Dichter (. . .) der Vorzeit machen die eigentliche große Welt und die gebildete Gesellschaft aus. Der geistige Umgang mit ihnen ist die wahre Geselligkeit; durch ihn werden wir aus dieser schlechten, herabgesunkenen Welt in eine höhere, erhabenere versetzt und gestärkt, die gemeine, traurige Umgebung zu ertragen.“ (Friedrich Schlegel, 1803)
Es gab (gibt?) eine Zeit, in der Deutschunterricht Literatur vermitteln sollte, die „angreift und die gewohnten Schemata der Erfahrung“ verändert, wo er versuchen sollte, „zu irritieren, die Sicherheit der Vorurteile und gewohnten Handlungsschemata zu nehmen, (wo er . . .) das scheinbar Bekannte unvertraut, das Eindeutige vieldeutig, das Unbewusste bewusst“ machen und „so neue Erfahrungsmöglichkeiten“ eröffnen sollte. (Dieter Wellershoff, 1969)
Es gab (gibt?) eine Zeit, wo Bildung durch den Deutschunterricht als bürgerliches Statussymbol in Misskredit geriet, Rechtschreibung als Repressionsinstrument der herrschenden Klasse gegen die Aufstiegsmöglichkeiten der Unterschicht verteufelt und die Beschäftigung mit Dichtung, insbesondere mit Lyrik, als eine den gesellschaftlichen Fortschritt zementierende und im politischen Kampf hinderliche Beschäftigung diskreditiert wurde.
Es gab (gibt?) eine Zeit, in der Deutschunterricht als Sammelbecken all dessen angesehen wurde, was in der Gesellschaft zu reparieren sei: für Medienerziehung und Drogenprophylaxe, für Aids-Aufklärung und Verkehrserziehung (Straßenverkehr und Sexualaufklärung), als Therapieangebot für sozial Auffällige und mit Essstörungen Belastete, als Sinnvermittler, Familienersatz und Umweltschutzagentur.
Es gab (gibt?) eine Zeit, in der Deutschunterricht hinsichtlich seiner Verwertbarkeit im praktischen Leben als „Gschaftlhuberfach“ (so ein Lehrer der Naturwissenschaften) angesehen wurde, der doch nur Unnützes und Überflüssiges vermittele: „Ich hab in meinem ganzen Leben noch keine Literaturgeschichte gebraucht!“ (so ein Vater am Elternsprechtag). Brauchbar in diesem Sinne erscheint das Fach Deutsch dann nur, wenn es junge Menschen rasch und effektiv zum Funktionieren in einer von technologischen und ökonomischen Zielen bestimmten Gesellschaft bringt, in der Sprache als Machtmittel hilfreich, Bildung störend (dafür kann man sich nichts kaufen), aber stromlinienförmige Ausbildung gewünscht ist.
Es gab (gibt?) eine Zeit, wo es nicht darum ging, möglichst umfassend gebildet, sondern „kompetent“ zu sein, wo im Deutschunterricht weniger Wissen und Verstehen gefragt waren, als Kompetenzen: Medienkompetenz, Konfliktkompetenz, Teamkompetenz, Unterstreichkompetenz, schließlich: Kompetenzkompetenz (tatsächlich! nicht erfunden!); eine Zeit, wo Methoden sich vor Inhalte schoben, ja wo methodische Spielereien gar Inhalte ersetzen und weismachen wollten, Bildung sei etwas spielend Leichtes, sei zum Nulltarif zu haben, und Kuschelecken könnten vor geistiger Anstrengung und Anspannung schützen.
Es gab (gibt?) eine Zeit, in der Deutschunterricht . . . Die Liste ist erweiterbar. Vor welchen Karren also soll sich der Deutschunterricht spannen lassen? Vor keinen. Im Gegenteil: Er müsste das Bewusstsein dafür wachhalten, dass es einen „Grundbestand an Wissen“ braucht, „der zum Denken und Verstehen, zum Urteilen und Begründen befähigt“, und dass „Ziel der Bildung nicht zuerst die Befähigung zum Geldverdienen“ ist, denn: „Wer nicht denken gelernt hat, der kann diesen Mangel durch noch so viele Informationen nicht ersetzen, auch nicht durch modernste technische Hilfsmittel.“ (Johannes Rau).
So mag der Deutschunterricht seinen Teil leisten, dass junge Menschen lernen, sich selbst zu finden und ihre Welt zu begreifen und zu bewältigen, kurz: dass ihr Leben glückt. Wäre das, gerade für den Deutschunterricht, eine Vision bis zum nächsten Jubiläum? Konrad Celtis hätte wohl nichts dagegen.
Helmut Müller, Schweinfurt





