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Wahl in Tunesien : Der spröde Revolutionär siegt mit den Stimmen der Jugend

Konservative Euphorie: Tunesiens neuer Präsident Kaïs Saïed will sein Land umkrempeln. Bild: AFP

Ohne Partei oder Wahlkampfmaschinerie wird Kaïs Saïed zum Präsidenten Tunesiens gewählt. Vor allem junge Wähler bescheren ihm einen deutlichen Sieg. Nun will er das System reformieren.

          4 Min.

          Seiner monotonen Sprechweise und seinen regungslosen Gesichtszügen verdankt Kaïs Saïed den Spitznamen „Robocop“. Anstatt den tunesischen Dialekt zu verwenden, redet der hagere Jurist mit einer Vorliebe für graue Anzüge lieber Hocharabisch. Doch in der Nacht zum Montag legte Tunesiens neuer Präsident für einen Augenblick seine fast stoische Zurückhaltung ab. Die Hupkonzerte und Freudenfeuerwerke, mit denen seine jungen Anhänger im Zentrum von Tunis seinen Sieg feierten, steckten ihn an. Er versprach seinen Wählern „ein neues Tunesien“ und beschwor den Geist der friedlichen Revolution von 2011.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Saïed hat die Stichwahl um das Präsidentenamt mit einem Erdrutschsieg gewonnen: Er holte 72,71 Prozent der Stimmen, teilte die Obere unabhängige
          Wahlbehörde ISIE am Dienstagabend mit. „Ihr habt gerufen ,Das Volk will‘. Heute erreicht ihr, was ihr wollt“, sagt er in Anspielung auf den wichtigsten Slogan in den Umsturztagen vor acht Jahren. Seinen Wahlerfolg bezeichneter als „zweite Revolution“ – um gleich hinzuzufügen, dass sie auf der Grundlage „der demokratischen Verfassung und in völliger Legalität“ stehe. Als er im September mit gut 18 Prozent als Überraschungssieger aus der ersten Wahlrunde hervorgegangen war, küsste er vor laufenden Kameras die Nationalflagge.

          Seinen Erfolg verdankt der 61 Jahre alte spröde Verfassungsrechtler, den die meisten Tunesier bis vor wenigen Wochen allenfalls aus Talkshows kannten, den jungen Wählern. Laut Meinungsforschern stimmten bis zu 90 Prozent der Tunesier, die jünger als 25 Jahre sind, für den spartanischen Revolutionär. Ähnlich hoch war angeblich der Anteil der Universitätsabsolventen, von denen besonders viele arbeitslos sind. Die Tunesier verwandelten damit die dritten freien Wahlen in der Geschichte ihrer jungen Demokratie in eine große Protestwahl. Am 6. Oktober hatten sie ihre neuen Parlamentarier bestimmt. Früher gingen viele tausend Menschen auf die Straßen. Im Herbst 2019 jagten sie die meisten Politiker und Parteien, die sie seit 2011 regierten, an den Wahlurnen davon und gaben unbekannten Außenseitern wie Kaïs Saïed und seinem Herausforderer, dem Multimillionär Nabil Karoui, eine Chance.

          Der tunesische Robespierre kommt aus dem Volk

          Am Ende überzeugte Kaïs Saïed offenbar viele mit seiner Bescheidenheit, die ihn von allen anderen abhob. Der konservative pensionierte Juradozent hatte weder eine eigene Partei hinter sich noch eine Wahlkampfmaschinerie mit einem Heer internationaler Berater wie seine Gegner. Zu seinen Wahlkampfterminen fuhr er mit Bus und Bahn. Anstatt große Hallen zu mieten, zog er mit seinen freiwilligen Unterstützern von Haus zu Haus. Sein Hauptquartier in einer Seitenstraße war eine einfache Wohnung mit Plastikstühlen – auch als Staatschef will er zu Hause wohnen bleiben und nicht in den Präsidentenpalast in Karthago umziehen.

          In seiner Kampagne war er jedoch nie um deutliche Worte verlegen. Das hatte zur Folge, dass ihn seine politischen Gegner als „Salafisten“ attackierten, obwohl er kein frommer Muslim ist: Der Jurist spricht sich dafür aus, dass Homosexualität in Tunesien strafbar bleibt. Auch die Todesstrafe will er nicht endgültig abschaffen. Nach seinem Willen soll die Polizei einschreiten, wenn unverheiratete Paare in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten austauschen. Ein Dorn im Auge sind ihm die vielen Nichtregierungsorganisationen, die sich nach seiner Ansicht oft zu stark in die tunesische Politik einmischen. Israel ist für ihn der große Feind. Eine Normalisierung der Beziehungen wäre für ihn „Hochverrat“.

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