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Logbuch der Alan Kurdi (2) : Bereit machen zur Abfahrt

  • -Aktualisiert am

Die Crew verstaut Wasservorräte an Deck der „Alan Kurdi“. Bild: Julia Anton

Die Flüchtlingsretter der „Alan Kurdi“ sind in Aufbruchstimmung. Doch vor der Abfahrt stehen noch einige Punkte auf der To-Do-Liste. Am Ende steht der Crew der Schweiß auf der Stirn.

          Die Crew der „Alan Kurdi“ isst am Abend vor der Abfahrt an Deck. Weil es inzwischen schön kühl draußen ist. Und weil das Esszimmer noch voll mit Proviant steht, der darauf wartet, sicher verstaut zu werden. Am Nachmittag hat sie bereits mehr als 2000 Liter Wasser, 500 Rollen Klopapier und kiloweise Obst und Gemüse unter Deck verstaut. Nach dem Essen warten noch Kaffee, Tee, Nudeln und vieles mehr darauf, in den Schränken und unter den Sitzbänken im Esszimmer gestapelt zu werden. Alles musst dabei so sicher untergebracht sein, dass selbst bei starkem Seegang nichts durch die Kabinen fliegt. Das 39 Meter lange Schiff wirkt angesichts der kompletten Lkw-Ladung, die da am Dienstagmittag geliefert wurde und die einem kleinen Supermarkt Konkurrenz machen könnte, plötzlich ganz schön klein.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Die Kalkulation für die Mission der Seenotretter ist tatsächlich alles andere als einfach. Da wäre zum einen Wasser, Essen und Hygieneartikel für die aus 20 Personen bestehende Crew, die zumindest theoretisch drei Wochen unterwegs sein wird. Und womöglich müssen auch Gerettete versorgt werden – aber keiner weiß, wie viele und wie lange.

          Gut vorbereitet: An Bord der „Alan Kurdi“ stapeln sich kiloweise Lebensmittel.

          Die Sea-Watch 3 harrt inzwischen seit zwei Wochen mit mehr als 40 Flüchtlingen an Bord vor Lampedusa aus. Ein schnelles Ende der Blockade ist nicht in Sicht, noch immer gibt es keine Einigung, wie Geflüchtete, die über den Seeweg ankommen, in der Europäischen Union verteilt werden sollen. Am Dienstag hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte einen Eilantrag der Nichtregierungsorganisation, der eine Einfahrtserlaubnis in den Hafen erwirken sollte, abgelehnt. Verletzte und besonders Schutzbedürftige muss die italienische Regierung aber weiterhin versorgen. Die „Alan Kurdi“ selbst musste schon zweimal rund zehn Tage auf die Einfahrt in einen Hafen warten, einmal mit 17, einmal mit 64 Gästen an Bord. Deshalb rechnet die Einsatzleitung lieber großzügig: Fast 200 Kilogramm Couscous hat die Crew nur für die möglichen zusätzlichen Passagiere eingekauft, dazu Reis, Müsli, Mais und Obst aus der Dose. Mit diesen lang haltbaren Lebensmittel könne man die Geretteten, die vielleicht schon länger nichts mehr zu essen hatten, gut mit Eiweiß und Kohlenhydraten versorgen, erklärt Einsatzleiter Gorden Isler.

          Wenn alles klappt, soll die „Alan Kurdi“ am Mittwoch den Hafen an der spanischen Küste verlassen und in See stechen. Viele Punkte auf der To-Do-Liste, wie ein Check aller Lampen und des Belüftungssystem, sind bereits erledigt. Auch ein Loch in einem der Festrumpfschlauchboote, die im Rettungsfall zum Einsatz kommen, wurde bereits geflickt und das Hospital ist einsatzbereit. Andere Punkte sind noch offen. So erwartet die Crew etwa noch eine Diesellieferung. Die Aufbruchstimmung ist spürbar: Alle machen weniger Pausen und werkeln bis spät in den Abend vor sich hin. Wer weniger seefest oder zum ersten Mal an Bord ist, legt außerdem schon mal die Medikamente gegen Seekrankheit griffbereit.

          Am Vortag hat die Crew unter Anleitung der Ärzte Lena Böff und Rainer Blendin außerdem nochmal ihr Erste-Hilfe-Wissen aufgefrischt. Auch auf einem vermeintlich überschaubaren Schiff wie der „Alan Kurdi“, auf dem die Wege kurz sind, kommt es auf jede Sekunde an. Jedes Crewmitglied muss Blendin über das Deck tragen und in die stabile Seitenlage bringen, Böff wiederholt die Grundlagen der Reanimation: Beide Hände übereinander verschränken und 30 Mal fest auf den Brustkorb drücken, dann zweimal beatmen. Die Übungspuppe lässt ein Klicken hören, wenn man fest genug drückt, jeder muss für zwei Minuten reanimieren. Am Ende steht allen der Schweiß auf der Stirn. „Solche Übungen sollte man viel öfter machen“, stellen die Lehrlinge am Ende fest – wenn auch in der Hoffnung, diese Handgriffe nach Abfahrt nicht zu brauchen.

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