Musik : Glanz und Gefahr des Perfektionismus

Herbert von Karajan wurde 1955 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und blieb es bis zu seinem Tod 1989. Seine Karriere spiegelt das Wirtschaftswunder, an das die Westdeutschen weiter glaubten, als härtere Tage kamen. Er trieb die industrielle Verwertung der Musik voran, ohne die Kritik arbeitslos zu machen.
Am frühen Abend des 30. November 1954 muss die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von einer tiefen Erschütterung erfasst worden sein. Sie brach mit einem gestalterischen Grundsatz, der noch bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts hatte gelten sollen: Die Seite 1 blieb ohne Bild. In Windeseile wurde der Titel umgebaut und erschien am 1. Dezember doch mit einem Bild, einspaltig, knapp dreißig Zeilen hoch – ein Porträt des Dirigenten Wilhelm Furtwängler. Darunter wurde vermeldet, dass er am Vorabend um 17 Uhr an einer Lungenentzündung gestorben war. Für viele Jahrzehnte danach wurde niemandem durch die F.A.Z. eine solche Ehre, die des Bildes auf dem Titel, zuteil, weder Theodor Heuss noch Konrad Adenauer.
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