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Flugzeugabsturz in Ägypten : Russland hält Abschuss für unwahrscheinlich

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Das Flugzeugwrack des Airbus A321 in der Sinai-Halbinsel: 224 Menschen wurden getötet, darunter 17 Kinder. Bild: AP

Die Terrormiliz IS behauptet, das russische Passagierflugzeug über Ägypten abgeschossen zu haben. Russland hält das für unwahrscheinlich. Die Lufthansa, Air France und Emirates aber umfliegen nun die Sinai-Halbinsel.

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          Russland bezeichnet es als unwahrscheinlich, dass das abgestürzte russische Passierflugzeug über Ägypten abgeschossen wurde. „Allen Daten zufolge, die uns Ägypten zur Verfügung gestellt hat, sind solche Behauptungen unglaubwürdig“, sagte Verkehrsminister Maxim Sokolow am Samstag der Agentur Interfax. Zuvor hatte ein ägyptischer Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) behauptet, der IS sei für den Absturz der Maschine verantwortlich.

          Auch der russische Militärexperte Igor Korotschenko sagte, für den Abschuss einer Maschine in rund 10.000 Meter Höhe besitze der IS wohl nicht die nötigen Waffen. „Was höher fliegt als etwa 4500 Meter, ist für sie ziemlich sicher nicht erreichbar“, erläuterte er.

          Die russische Flugaufsicht hingegen bekräftigte, dass alle möglichen Ursachen geprüft würden. „Zu spekulieren, ob ein technischer Defekt, ein menschlicher Fehler oder eine äußere Einwirkung der Grund war, ist derzeit sinnlos“, sagte ein Behördensprecher in Moskau.

          Kremlchef Wladimir Putin telefonierte unterdessen mit dem ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah Al-Sisi. Die Staatsoberhäupter hätten einen engen Informationsaustausch bei der Klärung der Katastrophe vereinbart, hieß es in Moskau. Bei dem Telefonat sei auch die Koordination der Bergungsarbeiten besprochen worden.

          Lufthansa umfliegt Sinai-Halbinsel

          Die großen Airlines Lufthansa, Air France und Emirates haben sich entschieden, vorerst nicht mehr über die Sinai-Halbinsel zu fliegen. So lange die Absturzursache nicht geklärt sei, werde die ägyptische Halbinsel aus Sicherheitsgründen umflogen, sagte eine Lufthansa-Sprecherin: „Die bislang über das Sinai-Gebiet entlanglaufenden Routen, etwa in den Mittleren Osten, werden jetzt je nach Zielflughafen rechts- oder links vorbeigeleitet.“ Die Fluggesellschaft stehe wegen des weiteren Vorgehens in engem Kontakt mit den Behörden.

          Mitglieder von Regierung und Armee besichtigen den Absturzort. Bilderstrecke

          Bei dem Absturz der voll besetzten Maschine starben 224 Menschen. Der Airbus auf dem Weg nach St. Petersburg war am Samstagmorgen nur Minuten nach dem Start im Badeort Scharm el Scheich vom Radar verschwunden. Wie den Daten der Seite Flighradar24 zu entnehmen ist, stieg der Airbus 321 nach dem Start kontinuierlich auf eine Flughöhe von 30.300 Fuß (rund 9200 Meter), ehe er rapide auf 33.500 Fuß (rund 10.200 Meter) stieg und schließlich in einen Sturzflug überging, in dem es 6000 Fuß (rund 1800 Meter) innerhalb von einer Minute verlor. Der Flugschreiber wurde bereits gefunden. Er soll zusammen mit dem Stimmenrekorder zur Auswertung nach Moskau gebracht werden, hieß es.

          Gerüchte, wonach der Pilot versucht haben soll, in al-Arisch notzulanden, wurden von offizieller Seite zunächst nicht bestätigt. 45 Krankenwagen waren zum Absturzort geschickt worden, um Tote zu bergen und mögliche Verletzte zu retten. Im Umkreis von fünf Kilometern an der Unglücksstelle fanden die Helfer allerdings nur noch Leichen. Schlechtes Wetter erschwere den Rettungskräften den Zugang zur Absturzstelle.

          Den Charterflug von Scharm el Scheich nach St. Petersburg hatte der Moskauer Reiseveranstalter Brisco gebucht. Das Flugzeug mit der Kennung EI-ETJ gehörte der sibirischen Gesellschaft Kogalimawija (kurz Kolavia) mit Sitz in Tjumen (Sibirien), die auch unter dem Namen Metrojet bekannt ist. Es war gut 18 Jahre alt und gehörte der Gesellschaft seit März 2012. Nach Angaben des Herstellers Airbus hatte es 21.000 Flüge mit insgesamt 56.000 Flugstunden hinter sich. Mit 12.000 Flugstunden sei der Pilot sehr erfahren gewesen. Die Flotte von Kogalimawija besteht aus sieben Maschinen, darunter fünf Airbus A321.

          Flugzeuge der Airbus-A320-Familie gelten als sehr sicher und werden täglich auf Tausenden Flügen eingesetzt. Kolavia fliegt hauptsächlich Urlaubsreisende aus Russland nach Ägypten.

          Schwere Flugzeugunglücke der vergangenen Jahre

          Der Absturz der russischen Passagiermaschine über dem Sinai ist eine der schwersten Flugzeugkatastrophen der jüngsten Zeit. Die Flugzeugabstürze mit mehr als 100 Toten der vergangenen zwei Jahre:

          März 2015. Eine Germanwings-Maschine zerschellt auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen. Alle 150 Menschen an Bord kommen dabei ums Leben. Der Copilot hatte den Ermittlern zufolge den Autopiloten so manipuliert, dass das Flugzeug vom Typ Airbus A320 abstürzte.

          Dezember 2014. Ein Airbus A320 der AirAsia stürzt auf dem Weg von Indonesien nach Singapur in die Javasee vor Borneo. Alle 162 Menschen an Bord kommen ums Leben.

          Juli 2014. Beim Absturz einer Passagiermaschine der Malaysia Airlines über der Ostukraine kommen alle 298 Insassen ums Leben. Eine niederländische Untersuchungskommission kommt zu dem Schluss, dass die Boeing 777 von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde.

          Juli 2014. Beim Absturz eines Passagierflugzeugs in Mali sterben alle 116 Menschen an Bord, darunter vier Deutsche. Das Flugzeug vom Typ MD83 war von Ouagadougou (Burkina Faso) nach Algerien unterwegs.

          März 2014. Eine Boeing der Fluggesellschaft Malaysia Airlines auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking mit 239 Menschen an Bord verschwindet kurz nach dem Start vom Radar, MH370 wird zu einem der größten Rätsel der Luftfahrtgeschichte. Bisher wurde nur ein Wrackteil gefunden.

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