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Wie Pegida Dresden schadet : Wo Fremdenhass herrscht, will niemand studieren

  • -Aktualisiert am

Bedrohlich: Auf einen Spaziergang mit einem Gastprofessor, der nicht europäisch aussieht, sollte man montags in Dresden verzichten. Bild: dpa

„Wir treiben die Politik vor uns her!“, johlen die Pegida-Marschierer. Mit ihrem Hass verjagen sie Ausländer aus Dresden. Die Universität und das Max-Planck-Institut spüren die Folgen.

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          Eine Frau verkauft einem japanischen Touristen auf dem Weihnachtsmarkt ein Lebkuchenherz. Vierhundert Meter entfernt auf dem Theaterplatz brüllen sie: „Wir wollen keine Asylantenheime.“ Ein normaler Adventsmontag in Dresden. Zwischen Semperoper, Gemäldegalerie und Hofkirche stehen etwa dreitausend Pegida-Demonstranten im Nieselregen. Sie tragen Fahnen, Regenschirme, Baseballkappen, alles in Schwarz-Rot-Gold. Es sind mehr Männer als Frauen, mehr Alte als Junge. Dann gehen sie los. Eine halbe Stunde drehen sie eine Runde durch die Dresdener Innenstadt. Die meiste Zeit marschieren sie ruhig, Paare unterhalten sich, Freunde erzählen sich von ihrem Wochenende. Immer wieder ruft eine Stimme an der Spitze des Zuges: „Merkel muss weg“, „Widerstand“ oder „Lügenpresse“. Wie eine Welle geht der Ruf von vorne nach hinten durch die Menge.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Wer das zum ersten Mal sieht, muss sich wundern und fürchten. Weil die Parolen voller Hass sind und weil der Rhythmus und die Regelmäßigkeit der Demonstrationen so eingespielt wirken. So geht es vielen Dresden-Besuchern, von denen es in diesem Jahr erstmals weniger als im Vorjahr gibt. Und so ging es auch dem ausländischen Wissenschaftler, einer Koryphäe auf seinem Gebiet, den das in Dresden ansässige Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik für sich gewinnen wollte. Anthony Hyman, Zellbiologe und einer der Direktoren des Instituts, holte den Kollegen am Flughafen ab und brachte ihn ins Hotel. Der Weg führte sie durch die Dresdener Altstadt, deren historische Schätze abends funkeln und strahlen. Nur eines hatte Anthony Hyman vergessen: Es war Montag.

          Pegida ist eine Katastrophe für den Forschungsstandort

          Sein Besucher schaute aus dem Autofenster und sagte kein Wort. Brauchte er auch nicht. Es war klar: Solange es Pegida gibt, holt ihn kein noch so verlockender wissenschaftlicher Ruf nach Dresden.

          Anthony Hyman ist ein großer Mann mit einer weichen Stimme, aber wenn er von Pegida spricht, wird sein Ton hart. Am Dresdener Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik arbeiten rund fünfhundert Forscher, jeder zweite von ihnen kommt aus dem Ausland. „Wir sind blind für die Herkunft der Menschen“, sagt Hyman. Jedes Jahr werden zwischen sechzig und siebzig Stellen neu besetzt. Das Institut konkurriert mit Boston, San Francisco und dem Rest der Welt um die besten Köpfe. Dresden musste sich nach der Wende erst als moderner Wissenschaftsstandort etablieren und ist immer noch dabei. Pegida und all die Berichte über das braune, fremdenfeindliche Dresden seien eine Katastrophe für den Forschungsstandort, sagt der Zellbiologe.

          Kein Lokalphänomen

          Jedem harten Satz über Dresden schiebt der Brite Anthony Hyman einen weichen Satz hinterher: „Ich liebe diese Stadt.“ Er und seine Wissenschaftler seien glücklich in der sächsischen Hauptstadt, sie genössen die vielen Theater und Museen und – ja, vor allem – die Gastfreundschaft der Dresdener. Früher arbeitete Hyman in Heidelberg, da sei man nicht so offen auf ihn zugegangen. Aber wie passt das zusammen? Der Wissenschaftler sagt dazu zweierlei: Es reiche zum einen eine kleine Gruppe, um Angst zu schüren. Und zum anderen sei der Ton durch Pegida in Dresden schärfer geworden.

          Pegida ist längst kein Lokalphänomen mehr. Ganz gleich, ob Anthony Hyman in London oder Singapur ist – er wird von seinen Kollegen auf die Demonstrationen angesprochen. Im besten Fall sind die Kollegen neugierig und wollen wissen, was in Deutschland vor sich geht. Im schlimmeren Fall schütteln sie den Kopf und sehen alte Vorurteile bestätigt.

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