https://www.faz.net/-gqz-733nq

Symposion zur Spiegel-Affäre : Abbau am Mythos

Rudolf Augstein (links) und Conrad Ahlers stellten die deutsche Verteidigungspolitik bloß und büßten dafür befristet ihre Freiheit ein. Auf lange Sicht triumphierten sie Bild: dpa

Zum fünfzigsten Jahrestag der Spiegel-Affäre übt sich das Magazin bei einem Symposion in Selbstreflexion und lässt das Diktum von der großen Zäsur im Jahr 1962 durch Zeithistoriker relativieren.

          Wer hätte gedacht, dass am Ende kaum etwas übrig bliebe von den großen Begriffen, die gewöhnlich in einem Atemzug mit der „Spiegel“-Affäre genannt werden? Geburtsstunde der kritischen Öffentlichkeit, Ende des Obrigkeitsstaats, Festigung der jungen Demokratie, Vormärz von 68 - am Ende wurden die Schlagworte immer kleiner, war die Zäsur kaum noch sichtbar. Die Historikerin Cornelia Rauh resümierte pointiert, aber nicht abwegig: „Wenn man sich in Zukunft an die ,Spiegel‘-Affäre erinnern wird, dann wird 2012 als das Jahr gelten, in dem es zur Ehrenrettung von Franz Josef Strauß kam.“ Dass der Abbau des Mythos im eigenen Haus stattfand, sorgte für die pikante Note.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Zum fünfzigsten Jahrestag hatte man sich beim „Spiegel“ entschlossen, auf alle warmen Worte von Politik und Prominenz zu verzichten, und namhafte Zeithistoriker eingeladen. Es war eine erfreulich unpompöse, dichte und völlig der sachlichen Debatte gewidmete Veranstaltung, die keine generelle Umdeutung, aber in vielen Punkten eine Neuakzentuierung brachte.

          Die Affäre als Triumph des Magazins

          Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass die Redaktionsräume des Nachrichtenmagazins von der Polizei auf Betreiben von Bundesregierung und Bundesanwaltschaft besetzt sowie sieben Redakteure und Verlagsmitarbeiter verhaftet wurden, darunter Rudolf Augstein und Conrad Ahlers, also Urheber und Verfasser der Titelgeschichte „Bedingt abwehrbereit“, die den „Spiegel“ in den Ruch des Landesverrats gebracht hatte. Zu lesen war dort das vernichtende Urteil der Nato über die deutsche Abwehrbereitschaft im Falle eines sowjetischen Großangriffs. Das Verteidigungsministerium erkannte 41 Stellen von Landesverrat. Die Bundesanwaltschaft schlug zu.

          Was zunächst eine existenzbedrohende Krise für den „Spiegel“ schien, wurde bald zum Triumph des Hamburger Nachrichtenmagazins. Der Verdacht löste sich nach und nach auf. Die Verfahren wurden fallengelassen. Augstein kam als Letzter nach 103 Tagen Haft frei. Der „Spiegel“, von Wellen der Solidarität in der Bevölkerung getragen, erlebte einen Wachstumsschub und wurde zum Emblem der Pressefreiheit. Der Mythos vom Sieg des kritischen Journalismus über den autoritären Staat war geboren.

          Fokussiert auf die Vorläufer

          Adenauer, der sich zunächst vor seinen Verteidigungsminister gestellt hatte, sprach vor dem Parlament die berühmten Worte vom „Abgrund von Landesverrat“, musste Strauß aber bald fallenlassen, weil der sich bei der Verhaftung von Ahlers über die Grenzen des Rechtsstaats hinweggesetzt und das Parlament über seine Rolle belogen hatte. Strauß war es auch, der Justizminister Walter Stammberger gezielt überging und damit die Regierungskrise auslöste, die Adenauer zur Einlösung des Rücktrittsversprechens zwang. Offen bleibt bis heute das Verhältnis von Adenauer und Strauß. Hans-Dietrich Genscher, vom einstigen „Spiegel“-Anwalt und späteren Bundesminister Horst Ehmke befragt, beließ es beim Hinweis auf Adenauers kühlen Stil in der Personalpolitik.

          Das Pathos der großen Zäsur wollte in Hamburg allein der Historiker Hans-Ulrich Wehler verteidigen. Andere äußerten sich zurückhaltender. In geweiteter historischer Linienführung sah man auf einmal nicht mehr das eine bahnbrechende Ereignis, sondern lauter Vorläufer. Die Heldengeschichte von der „frechen“ Ausnahme in einer regierungstreuen Presselandschaft, mit der sich der „Spiegel“ in seiner vorletzten Titelgeschichte auf die Schulter klopfte, schrumpfte zusammen. Vom Konsensjournalismus der fünfziger Jahre, hieß es, sei mit Vorsicht zu reden, auch von der Geburtsstunde des kritischen Journalismus, es habe andere kritische Stimmen und andere Skandale gegeben.

          Topmeldungen

          Brexit : Übernimmt das Unterhaus die Kontrolle?

          Am kommenden Dienstag stimmen die Abgeordneten des britischen Unterhauses über das weitere Vorgehen in Richtung Brexit ab. Die Änderungsanträge zur „neutralen Vorlage“ der Regierung haben es in sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.