Roman „Gavdos“ :
Das ewige Leben bedeutet nur Gleichgültigkeit

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Was geschieht auf Gavdos, der südlichsten europäischen Insel? Tomer Dotan-Dreyfus entspinnt in seinem neuen Roman einen dort angesiedelten Rätselstoff.
Was geschieht auf Gavdos, der südlichsten europäischen Insel? Tomer Dotan-Dreyfus entspinnt in seinem neuen Roman einen dort angesiedelten Rätselstoff.Picture Alliance

Ein Journalist wittert eine Geschichte über eine Kommune Unsterblicher und reist dafür auf eine griechische Insel. Angereichert mit mythologischem Stoff, weiß der Roman „Gavdos“ nur nicht so recht, wohin mit seinem Material.

Möglicherweise ist Gavdos jene Insel, auf die die Nymphe Kalypso ins ewige Exil verdammt wurde. Dort verliebt sie sich ständig in junge gestrandete Männer, Odysseus etwa, den berühmtesten unter ihnen. Doch am Ende wird sie immer wieder verlassen. Gavdos ist zudem die südlichste Insel Europas und kaum besiedelt. Rund 40 Personen leben dort, von denen zehn einer Kommune angehören. Zumindest ist das so in Tomer Dotan-Dreyfus’ Erzählung, die nach dem Schauplatz und symbolischen Ort der Handlung benannt ist.

Gavdos erscheint als Refugium und Exil zugleich. Der Kalypso-Stoff unterscheidet sich hier jedoch vom homerischen Original: Kalypso tötet Odysseus in einer Binnenerzählung mit einer scharfen Muschel. Diese Episode ist nur eine von zahlreichen literarischen Überblendungen, aus denen dieser Roman besteht.

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Die Insel der Unsterblichen

Auch Dotan-Dreyfus’ Roman „Birobidschan“, der 2023 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand, verweist auf eine reale russische Stadt. Birobidschan erscheint darin als ein utopischer Ort inmitten weltpolitischer Konflikte, wo etwa in der Schule Jiddisch gesprochen wird. Auf Gavdos soll nun eine Gruppe Menschen leben, die Tschernobyl überlebt haben und unsterblich sind.

Tomer Dotan-Dreyfus: „Gavdos“
Tomer Dotan-Dreyfus: „Gavdos“Verlag

Dieses Gerücht treibt den Journalisten Gilad auf die Insel. Er wittert eine große Geschichte. Szenisch beginnt seine Erzählung, einer Ich-Reportage gleichend. Ihr liegt der Besuch des Autors auf Gavdos zugrunde und eine „Spiegel“-Recherche zu der realen Kommune, „den Unsterblichen“. Dreyfus’ Protagonist möchte eine Reportage verfassen, die überdauert und nicht am nächsten Tag im Altpapier landet. So jedenfalls beschreibt ein Kommunenmitglied den notwendigen inneren Antrieb, den man haben müsse, um nicht einfach aufzuhören. Womit aber aufhören, wenn man unsterblich ist? Aufhören zu leben?

Auf der Suche nach Antworten sucht und findet Gilad die zehn mysteriösen Kommunemitglieder. Ihre Faszination für die Unsterblichkeit dient der Geschichte als Futter. Das Aufeinandertreffen verläuft jedoch unspektakulär, und ihre Fixierung auf das ewige Leben erscheint Gilad bald mindestens so skurril, wie es die gegenwärtige Fixierung vieler auf longevity ist, die analog zu dem mythologischen Stoff geführt wird. Vorangetrieben durch seine Begegnung mit den Inselbewohnern, entsteht eine Reflexion über diesen unerträglichen Zustand der Menschen: ihre Sterblichkeit. Ein ambitioniertes Vorhaben, dieses Thema rund zusammenzuschnüren.

Trotz des knapp bemessenen Umfangs ist „Gavdos“ angereichert mit zahlreichen Binnenerzählungen, die offensichtlich auf das übergeordnete Thema verweisen: etwa auf Milan Kunderas „Die Unsterblichkeit“ oder David Foster Wallaces „Unendlicher Spaß“.

Eingebettet in zahlreiche Intertexte, die fiktionalisiert und neu erzählt werden, geht Dotan-Dreyfus den zugrunde liegenden Stoffen auf den Grund. In den Binnenerzählungen tauchen etwa Kalypso und Telemachos oder der Apostel Paulus auf. Explizit führt Dotan-Dreyfus auch die Opernsängerin Elina mit einer Figur aus Leoš Janáčeks Oper „Die Sache Makropulos“ parallel. Emilia – ebenfalls Opernsängerin – bekam darin ein lebensverlängerndes Elixier verabreicht und sucht verzweifelt nach einer Wiederholung. Als sie jedoch erkennt, dass das ewige Leben nur Gleichgültigkeit bedeutet, wählt sie den Tod.

Merkwürdige Vorkommnisse und apathische Figuren

In „Gavdos“ tritt die Figur Elina apathisch auf. Sie spiegelt die Entwicklung der Handlung und Figuren, die – je länger Gilad auf der Insel verweilt – verschwimmt. Zeit und Raum bedeuten für Unsterbliche schließlich etwas anderes, wie Gilad im Verlauf der Handlung selbst herausfindet: „Unsterblich zu sein hieß, unzählige Stunden zu leben, von denen jede langsam, sehr langsam vergeht, sich unendlich verlangsamt, schließlich selbst unsterblich wird.“

In der Konsequenz wird also einfach weiter erzählt. Merkwürdige Vorkommnisse und Begegnungen mit diesen apathischen Figuren lösen zwar fortwährend neue Fragen aus, doch auch diese rücken in den Hintergrund, da der Text unverblümt zwischen Intertexten hin und her springt. Sein Bezug zu Kunderas „Die Unsterblichkeit“ liefert derweil einen schönen Anhaltspunkt: Die Szene einer winkenden Frau inspiriert Kunderas Protagonist dazu, eine Geschichte um dieses Bild herumzuspinnen. Er fragt sich, was von jemandem überdauert, außer dem Bild in einer Erinnerung.

Eingebettet in die Recherche für seine Reportage, gelingt es Dotan-Dreyfus zwar, den vielen Stoff zu skurril-plastischen Bildern zusammenzuweben, etwas mehr Fokus und Tiefe hätten dem Text jedoch gutgetan. So reißt er die nicht gerade unkomplexen Fäden nur oberflächlich an. Spätestens in diesen zahlreichen Reflexionen verschwimmt sein Text zwischen Reportage, Brief und Roman.

Dotan-Dreyfus tariert Fragen zu der großen Qual der eigenen Endlichkeit aus. Sein Protagonist erkennt durch seine Gespräche mit den Kommunenmitgliedern, dass die Unsterblichen diejenigen sind, die der Tod am meisten fasziniert. Damit wiederum transportiert er seinen Text sehr anschlussfähig in eine Gegenwart der Longevity-Faszination.

Tomer Dotan-Dreyfus: „Gavdos“. Roman. Voland & Quist, Berlin 2026. 156 S., geb., 24,– €.
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