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Neues Facebook-Hauptquartier : Hacker, Hippies und die große Likeokratie

Kaum ein wichtiges Tech-Unternehmen, das sich kein architektonisches Denkmal setzt: Frank Gehrys Facebook-Bau. Bild: Facebook

Frank Gehry hat für Facebook das größte Großraumbüro der Welt gebaut: Eine camouflierte Halle als symbolische Aufbruchslandschaft zwischen Hippietum und Tech-Welt.

          Wir wollten wissen, wie es dem neuen Menschen geht, also fuhren wir dorthin, wo er erfunden wird, nach Palo Alto, ins sogenannte Silicon Valley. Es war windig und kühl, vom Pazifik zogen die Wolken in die Bay Area, und der neue Mensch klappte den Kragen hoch und ging in einen Laden bei der University Avenue, in dem man den Prototypen einer Drohne kaufen kann, die den gesamten Tag über einem fliegt und Fotos macht, oder den schwarz schimmernden Oura-Ring, der nachts Informationen über Herzschlag, Atmung und Temperatur ans Mobiltelefon sendet; morgens kann man dann schauen, ob man lang und gut genug geschlafen hat, um am Tag optimale Leistung zu bringen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer nachts mit einem Blutdruckmessgerät schlafen muss, wurde in der alten Welt mit Sorge und Mitleid betrachtet, hier ist es das Schickste, was man tragen kann; man schmückt sich sozusagen mit seinen eigenen Daten. Wir fuhren an einem Yogastudio vorbei, in dem Menschen, während sie Yoga machten, ihre Atmung als Kurve auf ihr Display schicken ließen. Wir standen um 9.29 Uhr auf der Ramona Street, als die Mobiltelefone aller auf der Straße herumlaufenden Menschen plötzlich auf einen Schlag ein Geräusch machten, als ob sie explodieren würden, als sei die Apokalypse der totalen Konnektivität eingetreten; Hunderte von Mobiltelefonen heulten, ferngesteuert, wie Sirenen – ein „Amber Alert“: Auf dem Display erschien die Information, dass jemand in der Nähe in einem Honda Accord entführt werde.

          Daumen hoch für das sechsteuerste Unternehmen der Welt

          Wir fuhren vorbei an einem Bungalow in der Harriet Street, vor dem eine junge Frau gerade barfuß aus ihrem alten VW-Bus kletterte, an dem ein Janis-Joplin-Sticker klebte. Wir fuhren vorbei an der Villa eines Tech-Investors, vor der ein Tesla-Elektroauto an seinem Ladekabel hing, als sei es ein Pferd, das jemand vor dem Saloon angebunden hat. Wir fuhren bis ans Ende der Willow Road und fuhren zweimal am größten Großraumbüro der Welt vorbei, ohne es zu sehen – so unsichtbar ist das, was der eigentlich fürs Unübersehbare bekannte Frank Gehry da gebaut hat. Das Erste, was man sieht, ist nicht der Neubau, sondern ein blauer Daumen am Eingang der alten Firmenzentrale, das Symbol, das für alle erkennbar ist als das wahre Symbol der neuen Macht: der Daumen, den Facebook-Benutzer von ihrem Like-Button kennen, mit dem man Dinge, Videos oder Personen als „gefällt mir“ markieren kann – oder eben nicht. Karrieren von Produkten oder Stars können mit diesem Daumensymbol gemacht oder beendet werden, je nachdem, wie viele Likes einer auf Facebook bekommt.

          Nichts erinnert an die spektakulären Kurven, in denen Frank Gehry 1997 sein Guggenheim-Museum in Bilbao entwarf: kubisches Gebäude auf dem Facebook-Komplex. Bilderstrecke

          Die Massenabstimmung über Like-Buttons hatte man sich 2007 bei Facebook ausgedacht; 2009 wurde der Daumen eingeführt, und bei 1,6 Milliarden Facebook-Benutzern weiß man heute auch noch im hintersten Winkel der Welt, dass das Symbol eine der teuersten Waffen des kognitiven Kapitalismus ist. Wenn man einer Studie der Universität Stanford glauben darf, die 86 000 Facebook-Nutzerprofile ausgewertet hat, dann reicht die Analyse von 70 Likes, um ein besseres Persönlichkeitsprofil zu erstellen, als es in einem Gespräch je möglich wäre – und die Auswertung von 150 Likes verrate mehr, als die eigene Familie und Freunde über einen wissen. Von einer solchen Informationsflut wagte die Marktforschung noch zur Jahrtausendwende nicht einmal zu träumen; kein Wunder, dass Facebook mit einem Wert von 325 Milliarden Dollar das sechstteuerste Unternehmen der Welt ist und 2016 laut „Economist“ mehr als 50 Milliarden Dollar an Werbeeinnahmen erwartet.

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